Tagebuch

Ich hab es wieder getan, diesmal mit Leipzig: Ich betrüge meine Heimat Berlin

Ewigkeiten sind Berlin und ich zusammen, die Luft ist raus, Fremdgehen liegt nahe. Was kann ich dafür, dass die Hauptstadt nur noch herumrüpelt und sich nicht mehr wäscht?

3 Min
„Steiler Zahn“: Solche überholten und eindeutig sexualisierten Gedanken kommen mir zu Leipzig in den Sinn. Zu Berlin nicht.

„Steiler Zahn“: Solche überholten und eindeutig sexualisierten Gedanken kommen mir zu Leipzig in den Sinn. Zu Berlin nicht.

© STAR-MEDIA via www.imago-images.de

Es fällt mir schwer, es zuzugeben, aber ich bin eine untreue Frau. Jahrelang habe ich anderen ins Gewissen geredet, für klare Verhältnisse zu sorgen und nicht die Lüge zu leben – und jetzt tue ich es ihnen gleich: Ich betrüge meine Stadt, die für alle Zeiten die Einzige bleiben sollte.

Seit 36 Jahren sind wir zusammen. Das ist länger, als die meisten Ehen halten. Man hat eine Geschichte zusammen und rennt eigentlich nicht wegen jeder Kleinigkeit auseinander. Denn: Was war sie heiß, unsere junge Liebe Anfang der Neunziger. Arm, aber sexy – das traf auch auf uns zu.

Weil da Menschen sind, die zurücklächeln

Doch dann entdeckte meine Liebe erst das Geld und parallel dazu die  Geltungssucht und das Partyleben. Seitdem wäscht sie sich immer seltener und vor unserer Tür stapeln sich die leeren Flaschen. Auch der Ton verschärft sich, immer öfter werde ich angeblafft, geschubst und sogar F***e genannt. Wenn ich darum bitte, wenigstens mal durchzufegen, kriege ich stattdessen einen Vortrag über Diversität. Wenn ich sage, dass es bei uns stinkt, heißt es, Geruch sei eine soziale Konstruktion.

So kann es nicht weitergehen, wir beide – das ist inzwischen toxisch. Weil ich aber Angst habe, alles hinzuschmeißen, gehe ich nun fremd. Eine Lösung ist das keineswegs. Ich flirte hinterrücks mit Leipzig, Dresden oder Hamburg. Ich fahre hin, sage, ich will nur mal gucken, und komme dann immer später zurück. Weil die anderen diese sauberen Straßen haben, die für keinen Scheich der Welt extra geputzt werden müssen. Weil da Menschen sind, die zurücklächeln, wenn ich sie anstrahle.

Am 20. September habe ich eine Aussprache angesetzt

Und in den Trams erklären sie mir tatsächlich, wo ich aussteigen muss – dabei habe ich noch nicht mal gefragt, nur vor mich hingebrabbelt. Sie antworten sogar in ganzen Sätzen! Ich bin so dankbar für diese Freundlichkeit, dass ich direkt ein bisschen klammere und länger bleibe als geplant.

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Nach solchen Ausflügen fahre ich verschämt nach Berlin zurück. Aber auch trotzig, weil meine alte Liebe sich kaum noch Mühe gibt. Am 20. September habe ich eine Aussprache angesetzt. Ich werde sagen, dass es so nicht weitergeht. Ich befürchte allerdings, ich bin selbst längst abgeschrieben.

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