Bildung

„Ich habe angefangen zu weinen“: Ukrainer muss in Berlin das Abitur nachholen

Sein ukrainischer Schulabschluss zählt in Deutschland nur als 10. Klasse. Wie der 22-Jährige am Berlin-Kolleg-Schöneberg neu anfängt.

Alexandra Gretschichin
Alexandra Gretschichin
8 Min
Der ukrainische Abiturient Ostap Hanuliak ist ein junger Geflüchteter aus der Ukraine und baut sich seit 2022 sein Leben in Deutschland auf.

Der ukrainische Abiturient Ostap Hanuliak ist ein junger Geflüchteter aus der Ukraine und baut sich seit 2022 sein Leben in Deutschland auf.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Ostap Hanuliak stammt aus der Ukraine und lebt seit seiner Flucht im Jahr 2022 in Berlin. Er kam zunächst allein nach Deutschland, sechs Monate später folgte seine Familie. Derzeit besucht er das Berlin-Kolleg-Schöneberg, an dem er auf dem zweiten Bildungsweg das deutsche Abitur erwirbt. Anschließend möchte er Rechtswissenschaft studieren. Als angehender Erstakademiker in seiner Familie engagiert er sich insbesondere für Bildungsgerechtigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und europäische Zusammenarbeit. Im Interview spricht er darüber, wie sein Leben hier in Deutschland neu angefangen hat und welche Hürden er als junger Geflüchteter überwinden musste, um jetzt an dem Punkt stehen zu können, wo er gerade steht. Auch erzählt er über sein Vorgehen und welche Pläne er für die Zukunft hat.

Wie war es für Sie, als Sie erfahren haben, dass Ihr bereits vorhandener Schulabschluss aus der Ukraine hier in Deutschland nicht anerkannt wird?

Ich war zu dem Zeitpunkt, als ich es erfuhr, in der Bibliothek, und ich habe angefangen zu weinen. In diesem Moment sind all meine Pläne für die Zukunft zusammengebrochen, mich überfiel das Gefühl von Hilflosigkeit. Ich hatte schon immer die Idee, dass ich irgendwann studieren möchte. Vor allem für mich als Erstakademiker in der Familie war das sehr wichtig. In meiner Familie hat ja noch niemand studiert. Ich wollte der Erste sein, der einen guten Schulabschluss erreicht.

Jetzt holen Sie Ihr Abitur am Berlin-Kolleg-Schöneberg nach. Was ist das für eine Einrichtung?

Es ist eine Institution speziell für Menschen, die das Abitur nachholen wollen, also über den zweiten Bildungsweg. Da gibt es zum Teil Menschen im Erwachsenenalter.

Ist das Abitur das Einzige, was Sie nachholen müssen?

Tatsächlich ja. Aber noch mehr hat mich schockiert, dass mein ukrainischer Schulabschluss herabgestuft wurde auf die 10. Klasse. Das bedeutet, ich hätte in Deutschland nur die mittlere Schulreife mit meinem Abschluss aus der Ukraine anerkannt bekommen.

Sie setzen sich in Ihrer Freizeit zivilgesellschaftlich ein. Wo engagieren Sie sich konkret?

Momentan bin ich dabei, die neue Initiative „First Gen to Harvard“ zu gründen. Wir beginnen erst, dieses Projekt aufzubauen, aber langfristig wollen wir es in sieben Jahren als Stiftung etablieren, damit vor allem Jugendliche mit einem Migrationshintergrund als Erstakademiker die Möglichkeit haben, besser gesellschaftlich aufgestellt zu sein.

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Sozusagen ihnen zu helfen, besser informiert zu sein?

Nicht nur das, wir wollen irgendwann auch die Möglichkeit haben, Stipendien vergeben zu können. Das ist für mich vor allem sehr wichtig, damit die Menschen eine Möglichkeit bekommen, sich die notwendigen Bücher leisten zu können oder auch die Kurse. Auch das Erlernen von weiteren Sprachen ist nicht kostenlos, da muss man meistens auch in die eigene Tasche greifen.

Zur Person

Engagement: Ostap Hanuliak setzt sich für einen gerechteren Bildungszugang für junge Menschen mit Migrationsgeschichte und aus nicht akademischen Familien ein. Er gründete das Bildungsprojekt „Shelest“, war Mitinitiator des Vereins Dakh und entwickelt heute die Initiative „First Gen to Harvard“, die bei einem Pitch-Wettbewerb der Kiron gGmbH ausgezeichnet wurde.

Europapolitik: Der 22-Jährige engagiert sich unter anderem beim European Youth Parliament und bei den Jungen Europäischen Föderalisten. Außerdem hat er Erfahrungen bei Model United Nations, dem European Youth Event und durch eine Hospitation im Deutschen Bundestag gesammelt.

Wie wollen Sie die Stipendien finanzieren?

Ich denke daran, dass wir einen Zuschuss vom Staat bekommen könnten, aber auch die Finanzierung durch private Spender wäre eine Möglichkeit. Je mehr Möglichkeiten bestehen, diese Stipendien aufzubauen, desto besser und flexibler sind wir aufgestellt.

Was war Ihre Motivation, „First Gen to Harvard“ zu gründen?

An erster Stelle steht, wie gesagt, dass wir die Erstakademiker fördern wollen, aber auch Menschen mit Migrationshintergrund. Ich wollte eine Unterstützung für diese Menschen sein, weil ich auch gefördert wurde und immer noch werde. Für mich wäre es eine Verschwendung, wenn ich selbst nicht die Ressourcen und Kontakte dafür nutze, um anderen zu helfen. Ich möchte, dass dieses Projekt langfristig gesehen international aufgestellt ist, damit wir vielen Menschen aus verschiedenen Ländern über solche Hürden helfen können, mit denen ich zu kämpfen hatte.

Ostap Hanuliak setzt sich für einen gerechteren Bildungszugang für junge Menschen mit Migrationsgeschichte und aus nicht akademischen Familien ein.

Ostap Hanuliak setzt sich für einen gerechteren Bildungszugang für junge Menschen mit Migrationsgeschichte und aus nicht akademischen Familien ein.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Was war bislang die größte Hürde für Sie in Berlin?

Anfangs war es für mich wirklich schwierig, mich zu integrieren, da ich erst mal keine Freunde hatte, die Deutsch sprachen, und dabei konnte ich selbst auch kein Wort Deutsch. Ich hatte überwiegend einen ukrainischen Freundeskreis. Es ist aber auch logisch, weil ich am Anfang wirklich kein Wort Deutsch sprechen konnte, und die Sprache ist eine sehr wichtige Voraussetzung für einen Austausch mit deutschen Bürgern. Ich fand es schwer, deutsche Freunde zu finden. Irgendwann  habe ich dann welche kennengelernt, vor allem als ich anfing, besser Deutsch zu sprechen.

Wie war Ihre erste Erfahrung mit Deutschen?

Es war schon ein wenig unangenehm. Ich fand die deutsche Bevölkerung sehr pazifistisch, vor allem im Bezug auf den Russland-Ukraine-Krieg. Zu diesem Zeitpunkt war ja noch Olaf Scholz Bundeskanzler. Ich hatte ein Gespräch mit ihm im Rahmen eines Bürgerdialoges im Kanzleramt, in dem ich ihn für seine Ukraine-Politik kritisierte.

Wie war das für Sie?

Ich war tatsächlich sehr empört über seine Position zur Ukraine sowie zur Finanzierung der Waffenlieferungen an die Ukraine. Vor allem hat mich der Widerspruch geärgert, dass er zwar sagte, er wolle die Ukraine unterstützen, gleichzeitig aber dem Land keine Förderung gewährte.

Um nochmal auf ihren Bildungsweg zurückzukommen, hat Ihnen jemand erklärt, welche Bildungswege Ihnen in Deutschland offenstehen?

Ich wurde, als ich alleine nach Deutschland kam, beim Jugendamt aufgenommen, und mir wurde eine soziale Betreuerin zugewiesen, welche sich eineinhalb Jahre um mich gekümmert und mich begleitet hat. Das war für mich eine unglaublich große Unterstützung bei bürokratischen Angelegenheiten. Wie soll man da als Jugendlicher ohne Deutschkenntnisse beim Bürgeramt oder Migrationsamt etwas klären? Gleichzeitig war es für mich eine Möglichkeit, nach Fördermöglichkeiten oder Beratungsstellen zu suchen. Beispielsweise: Was kann ich weitermachen oder wird mein Schulabschluss hier anerkannt? Welche Schritte kann ich grundsätzlich machen, um mich weiterzuentwickeln?

Wie ist es jetzt für Sie als Erstakademiker in der Familie?

Also meine größte Schwierigkeit ist, dass man am Anfang gar nicht so wirklich weiß, wie man sich aufstellen soll oder kann. Auch Fragen, wie man sich überhaupt an einer Universität bewirbt oder wie man sich gesellschaftlich engagiert, weil das alles konnte mir die Familie nicht beibringen. Ich habe es nach dem Motto „Learning by Doing“ gemacht. Bei einer akademischen Familie hat man eher die Tradition, dass man studiert und damit mehr Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe hat. Bei mir hat es sich angefühlt, als würde ich gegen die Strömung schwimmen.

Haben Sie Vorbilder?

Ja, ich schaue zu ihnen immer auf, sie haben einen großen Einfluss auf mich. Anfangs war es eine Person, in die ich mich mit 17 Jahren verliebt habe. Sie hat mich sehr inspiriert und ich hatte die Motivation, mich weiterzuentwickeln. Kennen Sie vielleicht David Goggins?

Nein, wer ist das?

Er ist ein amerikanischer Motivationsspeaker. Er ist meines Wissens nach auch Erstakademiker und hat selbst schon ganz viel erreicht. Meine Mutter ist für mich meine größte Inspiration und Motivation. Ich möchte sie später unterstützen können, so wie sie mich gerade unterstützt.

Der ukrainische Abiturient Ostap Hanuliak arbeitet jedes Wochenende an seinem Projekt „First Gen to Harvard“.

Der ukrainische Abiturient Ostap Hanuliak arbeitet jedes Wochenende an seinem Projekt „First Gen to Harvard“.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Wie schaffen Sie es zeitlich, an dem Projekt „First Gen to Harvard“ und am Abitur zu arbeiten?

Es ist schwierig, intensiv, aber ich mag es sehr, an meiner Persönlichkeit zu arbeiten. Ich habe meine Schulferien dazu genutzt, um zwölf Stunden am Tag in der Bibliothek an meinem Sprachniveau vor der Schule zu arbeiten. Manchmal arbeite ich zu viel, da kann es auch zu Erschöpfung und Burn-out kommen.

Und wie gehen Sie damit um?

Jetzt versuche ich, der Work-Life-Balance zu folgen, indem ich für meine Freunde und Familie Zeit habe, aber meine Priorität ist trotzdem die Bildung. Am Wochenende nehme ich mir meistens Zeit für mein Projekt und treffe mich da auch mit meinen Freunden. Am Montag gehe ich zum Tanzkurs und am Freitag zum Selbstverteidigungskurs, das hilft mir, ein wenig abzuschalten.

Was glauben Sie, passiert mit jungen Menschen, die genauso viel Potenzial haben, aber nicht die Informationen oder Unterstützung bekommen?

Ich finde es sehr traurig, weil Potenzial kann man sich nicht kaufen. Man kann es aber fördern. Und es macht mich traurig, wenn dieses Potenzial nicht ausgeschöpft werden kann. Auch Jugendliche mit einem Migrationshintergrund können etwas Großes erreichen: studieren gehen. Es hängt stark vom Netzwerk ab und davon, ob man eine Unterstützung bekommt, wie beispielsweise Sprachkurse.

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