Die "Aktion für mehr Demokratie" von Klaus Staeck und Johano Strasser hatte Montagmorgen um zehn Uhr ins Berliner Deutsche Theater geladen. Etwa ein Dutzend Journalisten waren gekommen, um zu hören, was u.a. die französische Autorin Noëlle Châtelet ("Mit dem Kopf zuerst"), der deutsche Autor Ingo Schulze ("Simple Storys") und der in Budapest geborene deutsche Essayist Ivan Nagel (Streitschriften) gegen den drohenden Krieg sagen würden. Die als Schriftstellerin sehr erfolgreiche Châtelet, an die Kinoenthusiasten sich noch als Schauspielerin zum Beispiel an der Seite von Romy Schneider in "Die Bankiersfrau" aus dem Jahre 1980 erinnern werden, konterte auf die Frage, wie sie sich denn fühle, so einig mit Chirac zu sein, mit einem wunderbar ironischen Lächeln ihrer schön geschwungenen Lippen: "Ich freue mich. Natürlich." Wer weiß - was ihm bei dieser Veranstaltung nicht gesagt wurde -, dass Noelle Chatelet die Schwester von Lionel Jospin ist und ihm half, seinen Wahlkampf gegen Chirac zu organisieren, der kostete diesen Augenblick aus. Ingo Schulze las Erich Frieds Gedicht "Die Maßnahmen" vor:"Die Faulen werden geschlachtet,die Welt wird fleißig.Die Hässlichen werden geschlachtet,die Welt wird schön..Die Feinde werden geschlachtet,die Welt wird freundlich.Die Bösen werden geschlachtet,die Welt wird gut.". Nichts erscheine ihm, so erklärte Schulze, die gegenwärtige Lage so klar zu beschreiben wie diese ein Vierteljahrhundert alten Verse. Dann lächelte auch er und schwieg.Ivan Nagel sprach sehr ernst. Er wolle keinen falschen Eindruck aufkommen lassen. Ihm ginge es nicht um den Irak. Er lehne den Krieg nicht ab, weil er an die getöteten irakischen Kinder denke. Er sei gegen den Krieg, weil der Amerika gefährde. "Ich habe Angst um Amerika", erklärte Nagel. Der Krieg werde, wenn es nicht gelänge, ihn zu verhindern, wahrscheinlich den Irak zerstören, aber schon jetzt beginne er, die amerikanische Demokratie zu zerstören. An ihr läge ihm aber sehr viel. Er verdanke Amerika sein Leben. Hätte der Zweite Weltkrieg noch ein paar Monate länger gedauert, wäre er nach Auschwitz transportiert worden und wären die USA nicht gewesen, er hätte nicht aus dem kommunistischen Budapest in die Bundesrepublik fliehen und dort sein Leben führen können, so wie er es wollte und konnte. Nagel, das wurde deutlich, hat Angst vor einer Welt, in der nicht mehr die USA - bei allen Schwächen und Rückfällen - der Garant von Frieden und Freiheit sind. Europa - das ist seine Erfahrung - ist nicht in der Lage, diese Rolle zu übernehmen.
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