Polizeigewalt

„Ich kann nicht atmen“: Der Fall Henry Nowak in England löst Entsetzen und Debatten aus

Ein 18-jähriger Student verblutet auf einer Straße – in Handschellen. Fall Henry Nowak erschüttert. Wird er zum britischen „George Floyd“ – nur eben in Europa?

9 Min
Protest in Southampton nach dem Tod von Henry Nowak – die Kritik an der Polizei wird lauter.

Protest in Southampton nach dem Tod von Henry Nowak – die Kritik an der Polizei wird lauter.

© JUSTIN TALLIS

Es sind zwei Minuten und 29 Sekunden Bodycam-Material, die in dieser Woche ein ganzes Land erschüttern. Man sieht einen jungen Mann auf dem Asphalt von Southampton liegen, das weiße T-Shirt dunkel verfärbt. Er hat im Moment dieser Aufnahmen vier Stichwunden im Körper, eine 21 Zentimeter lange Klinge hat wohl seine Organe zerschnitten. Er sagt den Satz, der seit Mai 2020 zur globalen Chiffre für Polizeigewalt geworden ist: „I can't breathe“ – ich kann nicht atmen. Er sagt ihn neunmal. Er sagt viermal: „I've been stabbed“ – auf mich wurde eingestochen. Am Ende mit Verzweiflung in seiner sterbenden Stimme.

Ein Polizist antwortet in der Aufnahme klar vernehmbar und ohne erkennbare Empathie in der Stimme: „I don't think you have, mate“ – „Das glaube ich dir nicht, Kumpel.“

Das Opfer

Henry Nowak wurde 18 Jahre alt. Er war Student an der Universität Southampton. In den letzten Momenten seines Lebens wurde er über den Kies gezogen, seine Hände hinter dem Rücken zusammengebunden, Handschellen um seine Gelenke. Das letzte, was er hörte, war, dass man ihm mitteilte, er sei wegen Körperverletzung festgenommen. Kurz darauf ist er tot.

Sein Mörder, der 23-jährige Sikh Vickrum Digwa, steht zu diesem Zeitpunkt daneben. Er hat zugestochen. Aber er hat den Beamten gesagt, er sei das Opfer gewesen – Opfer eines rassistischen Angriffs. Sein Turban sei heruntergerissen worden, sein Auge verletzt. Die Polizei glaubte ihm. Sie glaubte ihm sofort. All das geschah bereits im Dezember vergangenen Jahres. Die Aufnahmen der Bodycams wurden nun publik.

Eine Lüge, die tötete

Der Richter William Mousley KC am Crown Court verurteilte Vickrum Digwa zu lebenslanger Haft mit einer Mindestverbüßung von 21 Jahren. Das Urteil, die Veröffentlichung der Bodycamaufnahmen und der jetzt beginnende Prozess gegen die beteiligten Polizisten lassen den Skandal hochkochen, sie machen ihn zu einem Politikum, auch über die Grenzen des Vereinigten Königreichs hinaus.

Die Waffe, mit der er Nowak tötete, war kein traditioneller Kirpan – jener kleine, gekrümmte Dolch, den praktizierende Sikhs nach britischem Recht legal am Körper tragen dürfen. Es war eine deutlich größere Klinge, getragen in einer Scheide über der Kleidung. Eine Waffe, getarnt als Religion.

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Gedenken in Southampton an das Opfer Henry Nowak.

Gedenken in Southampton an das Opfer Henry Nowak.

© JUSTIN TALLIS

Digwas Mutter Kiran Kaur wurde bereits zuvor schuldig gesprochen, die Tatwaffe versteckt zu haben. Vater und Bruder stehen wegen Waffendelikten vor Gericht. Eine Familie, die sich in einer Stellungnahme entschuldigt – bei den Nowaks, bei der Sikh-Gemeinschaft, die sie in „Verruf“ gebracht habe.

Doch der Prozess gegen Digwa ist nicht das, was Großbritannien zerreißt. Es ist der Prozess, der jetzt erst beginnt: gegen die Polizei.

Familie des Opfers: „Inhuman und entwürdigend“

Mark Nowak, der Vater, stand am Montag vor dem Gericht. Seine Worte werden bleiben: „Henry sagte den Beamten neunmal, dass er nicht atmen könne. Er sagte ihnen viermal, dass er erstochen worden sei. Henry wurde über den Kies gezogen, seine Hände wurden hinter seinen Rücken gezwungen, und ihm wurden Handschellen angelegt.“ Der Kontrast in der Behandlung seines Sohnes und seines Mörders sei „unerträglich“.

Die Familie spricht von „inhumaner und entwürdigender“ Behandlung. Hampshire Police hat sich entschuldigt. Einer der beteiligten Beamten hat gekündigt, drei weitere werden als Zeugen geführt. Die Independent Office for Police Conduct (IOPC) ermittelt – das Ergebnis wird in drei Monaten erwartet. Donna Jones, die Police and Crime Commissioner, hat eine Untersuchung der gesamten Kultur und Ausbildung der Polizeibehörde angeordnet.

Und dann reagiert auch  Premier Keir Starmer

Premierminister Keir Starmer, sonst nicht für emotionale Auftritte bekannt, sagte, ihm sei beim Anschauen des Materials „übel“ geworden. Innenministerin Shabana Mahmood, selbst muslimischen Glaubens und Tochter pakistanischer Einwanderer, sprach im Unterhaus mit ungewöhnlicher Schärfe: Jeder sei vor dem Gesetz gleich.

Und sie warnte – mit Blick auf die Anti-Rassismus-Verpflichtungen des National Police Chiefs Council, die nahelegen, ethnische Minderheiten anders zu behandeln, um „Gleichheit der Ergebnisse“ zu erreichen: „Niemand darf so überkorrigieren, dass wir Bürger nicht mehr gleich vor dem Gesetz sind.“

Der „I can't breathe“-Moment – nur andersherum

Es ist diese eine, schreckliche Symmetrie, die den Fall politisch explosiv macht. „I can't breathe.“ Diese drei Wörter haben 2020 die Welt verändert. George Floyd, 46, Afroamerikaner, starb in der US-amerikanischen Stadt Minneapolis, das Knie eines weißen Polizisten neun Minuten lang auf seinem Hals. Black Lives Matter wurde global. Statuen fielen. Politiker knieten – auch der damalige Oppositionsführer Keir Starmer.

Und jetzt: Ein weißer britischer Teenager, sterbend, dieselben Worte, dieselbe Ignoranz der Beamten. Aber das Opfer ist weiß. Der Täter ist ein Mann mit Migrationsgeschichte. Und die Polizei hat – so der Vorwurf – versagt, weil sie eine Rassismus-Anschuldigung höher bewertete als die Hinweise eines sterbenden jungen Mannes auf seine tödlichen Verletzungen.

Protest gegen die Polizei in Southampton.

Protest gegen die Polizei in Southampton.

© JUSTIN TALLIS

Nigel Farage, dessen rechtsgerichtete Partei Reform UK in allen aktuellen Umfragen führt, sprach von „kalter Wut“. Die Angst, als Rassist beschimpft zu werden, habe schwerer gewogen als ein Mord. Tommy Robinson rief zu Protesten auf. Am Dienstagabend flogen Mülltonnen, Ziegelsteine und E-Scooter auf Polizisten in Riot-Ausrüstung vor der Wache in Southampton. Mehrere Hundert Menschen skandierten: „I can't breathe.“

Kemi Badenoch, Vorsitzende der Tories, brachte den Kontrast auf den Punkt: „Als George Floyd starb, knieten sie für etwas, das in einem anderen Land passierte. Ich will sehen, dass sie genauso ernst nehmen, was in diesem Land passiert.“

Die Mechanik der Zersetzung

Was hier geschieht, ist mehr als ein Einzelfall. Es ist gesellschaftliche Zersetzung, beobachtbar wie unter dem Mikroskop.

Polizeigewalt – oder Polizeiversagen – wirkt deshalb so toxisch, weil sie das Grundvertrauen angreift, auf dem moderne Gesellschaften ruhen: das Vertrauen, dass der Staat im Moment der größten Verletzlichkeit auf der richtigen Seite steht. Wenn ein Sterbender für einen Aggressor gehalten wird, weil sein Mörder das richtige Narrativ bedient, dann zerbricht etwas, das sich mit Pressemitteilungen nicht reparieren lässt.

Im internationalen Vergleich ist die britische Polizei – meist unbewaffnet – eigentlich eine der zurückhaltendsten der westlichen Welt. Während die USA jährlich rund 1.100 bis 1.400 Menschen durch Polizeigewalt verlieren, sind es in Großbritannien historisch nur wenige Fälle pro Jahr. Auch Deutschland liegt mit 17 bis 25 tödlichen Polizeischüssen 2024/25 weit unter US-Niveau. Frankreich – Stichwort Nahel Merzouk 2023 – steht in Europa traurig an der Spitze.

Aber Statistik tröstet niemanden. Ein einziges Bodycam-Video kann die Wahrnehmung einer ganzen Generation prägen. Das war 2020 so. Das ist 2026 so.

Was George Floyd wirklich verändert hat – und was nicht

Hier liegt die unbequeme Wahrheit: Der Fall George Floyd, der zum globalen Bürgerrechtsmoment werden sollte, hat strukturell wenig verändert. In den USA wurden 2024 mehr Menschen durch Polizeieinsätze getötet als je zuvor seit Beginn der Erfassung. In weniger als zwei Prozent der Fälle wird überhaupt Anklage erhoben. Die Reformen blieben symbolisch. „Defund the Police“ ist politisch tot. Die Polarisierung dagegen lebt.

Wenn schon der Tod eines unbewaffneten schwarzen Mannes unter dem Knie eines weißen Beamten – das perfekte ikonografische Material für eine progressive Bewegung – die Strukturen nicht aufbrach, was wird dann der Fall Nowak verändern?

Vermutlich sehr viel. Aber in eine andere Richtung.

Denn der Fall fällt in ein Europa, in dem die Rechte aufsteigt wie seit Jahrzehnten nicht. Reform UK führt in Großbritannien. Das Rassemblement National dominiert in Frankreich. Die FPÖ in Österreich, die AfD in Deutschland, die Fratelli d'Italia in Rom. Migration ist das Mobilisierungsthema. Und Nowak liefert nun die Erzählung, auf die Populisten lange gewartet haben: dass nicht Minderheiten Opfer eines diskriminierenden Staates seien, sondern die weiße Mehrheit Opfer eines übervorsichtigen, „woken“ Staatsapparats.

Demonstranten greifen Polizeiwagen nach Protest in Southampton an, 2. Juni.

Demonstranten greifen Polizeiwagen nach Protest in Southampton an, 2. Juni.

© JUSTIN TALLIS

Diese Erzählung ist verkürzt. Sie blendet aus, dass People of Color in Großbritannien wie in Deutschland überproportional von Polizeikontrollen und -gewalt betroffen sind. Sie blendet aus, dass die wissenschaftliche Forschung den Migrationseffekt auf Kriminalität weitgehend durch soziale Faktoren – Alter, Geschlecht, Bildung, Armut – erklärt. Aber Verkürzungen sind, was politisch wirkt. Nicht Komplexität.

Die stille Bitte des Vaters von Henry Nowak

Mark Nowak, der Vater, hat in seinem Schmerz etwas getan, das größer ist als die meisten Politiker dieser Tage: Er hat darum gebeten, den Tod seines Sohnes nicht für Spaltung, Hass oder Spannungen zu instrumentalisieren. Auch der Anklagevertreter sagte: „Dies ist kein Fall über Sikhismus, kein Fall über Rassismus – dies ist ein Fall über Mord.“

Aber die Bilder von Henry Nowak, sterbend in Handschellen, gehören dem Vater nicht mehr. Sie gehören dem öffentlichen Raum. Sie werden geteilt werden, millionenfach, geframed und reframed, instrumentalisiert von links wie rechts – und am Ende werden sie das tun, was solche Bilder immer tun: das Vertrauen weiter erodieren.

Zwei Wahrheiten müssen wahr sein

Großbritannien steht an einem Punkt, an dem zwei Wahrheiten gleichzeitig wahr sein müssen, wenn das Land nicht zerbrechen soll: Polizei darf niemals ein Opfer für einen Täter halten, weil das Etikett „Rassismus“ magisch wirkt. Und: Der berechtigte Schutz von Minderheiten vor Diskriminierung bleibt eine Errungenschaft, die nicht abgewickelt werden darf, weil ein furchtbarer Einzelfall politisch ausgeschlachtet wird.

Die Wahrscheinlichkeit, dass beide Wahrheiten gleichzeitig gehört werden, ist in der politischen Temperatur des Jahres 2026 gering. Henry Nowak wird vermutlich nicht der britische George Floyd werden im Sinne einer Bürgerrechtsbewegung. Er wird etwas anderes werden: das Gesicht einer rechten Mobilisierung, die seit Jahren nach genau diesem Gesicht gesucht hat.

Und irgendwo in Southampton sitzt eine Familie, die ihren Sohn verloren hat – an ein Messer, an die Lüge eines Mörders und an Beamte, die nicht zuhörten, als er neunmal sagte, am Ende fest flehend, dass er nicht atmen könne.

Jeder, der sich nun über diesen Fall äußert, sollte seiner gedenken.

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