Was ist das für ein Club, der nur noch aus einem Mitglied besteht? Reinhardt Repke hat den „Club der toten Dichter“ 2005 gegründet und für seine Vertonungen Mitstreiter und markante Stimmen eingeladen. So sang Dirk Zöllner die Gedichte von Heinrich Heine, Norbert Leisegang die Reime von Wilhelm Busch. Mit dem Gesang von Katharina Franck wurden Rainer Maria Rilke und Theodor Fontane im „Club“ zu Pop-Dichtern. Stets komponierte Reinhardt Repke alle Songs – doch diesmal merkte er, dass er seine Stücke zudem allein einspielen und vortragen muss. „Ich war erst erschrocken“, gesteht er. Doch ehemalige „Club“-Mitglieder wie Katharina Franck und Bassist Markus Runzheimer, der inzwischen bei Element Of Crime spielt, bestätigten ihn.
Der Grund für sein Solo ist die auserwählte Dichterin: Eva Strittmatter. Ihre oft stillen Gedichte von der Begegnung mit der Natur, ihre intimen Selbstbefragungen hätten nach diesem Alleingang gerufen, erklärt Repke. Der Musiker stieß eher zufällig auf Strittmatter, als er in Nordbrandenburg unterwegs war, wo der „Club“ viele Jahre lang geprobt hat, und in Schulzenhof vorbeikam.
Hier lebte Eva Strittmatter mit ihrem Mann Erwin seit 1957. Im Verlauf der Jahrzehnte reifte sie zur populärsten Dichterin der DDR. Dabei veröffentlichte sie erst mit über 40 ihr Lyrik-Debüt. Im Bücherregal seiner Eltern fand Repke den Gedichtband „Die eine Rose überwältigt alles“ – mit einer Widmung der Dichterin. Eva Strittmatter Naturverbundenheit sprach ihn an. Reinhardt Repke lebt in seinem Elternhaus im Norden Berlins, umgeben von Wald, Wiesen und Parks. Auf der einen Seite verläuft die Bahntrasse, auf der anderen fließt die Panke, die gerade ein neues Bett bekommt. Wie Eva Strittmatter zieht es ihn ins Freie, um Ideen und Anregungen zu finden: „Mir gibt die Natur richtig Kraft.“
Zehn Gitarren, um für jedes Gedicht die passende Stimmung zu erzeugen
Doch bis er die passenden leichten Klänge gefunden hat, bis die Tür aufging, wie er es nennt, vergingen Monate des Entwerfens und Verwerfens. Er nahm die Suche als Kreislauf wahr: Im Elternhaus begann er mit dem Gitarrespielen, und wenn er allein war, was bei drei Geschwistern selten vorkam, setzte er sich auf die Treppe und nutzte das gesamte Haus als Schallraum. Nun lebt er seit dem Tod der Eltern allein hier und funktionierte das Haus zu Studio und Spielort um.
Bekannt wurde Reinhardt Repke als Bassist der Ostberliner Band Rockhaus, wo er 1988 den zu Pankow gewechselten Ingo Griese ersetzte und die Erfolgsplatte „I.L.D.“ einspielte. Dabei übernahm er das Instrument nur aus der Not. Ein Anreger war der Bluesgitarrist Stefan Diestelmann, der Anfang der 1980er Jahre populär war – seinen „Reichsbahn-Blues“ kennt jeder, der damals in die Konzertsäle im Osten strebte: „Heizte oder fährste?“ Diestelmann gab dem 15-Jährigen einige Lektionen. Weitere Anregungen kamen von der Amiga-LP von Leo Kottke, dessen Spiel und Stimmlage denen von Repke ähnelt.
Für die Aufnahmen und Auftritte hat Reinhardt Repke eine Batterie von zehn Gitarren aufgebaut, um für jedes Gedicht die passende Stimmung zu erzeugen. Repke interessiert sich nicht für Musiktheorie, biegt deshalb öfter mal zu ungewöhnlichen Tonarten und Akkorden ab, ist ein Bastler, der jedes Instrument zu einem Original umbaut. So hat er eine Bouzouki und eine Dobro mit neuen Besaitungen tiefer gelegt, andere Gitarren mit Schaumstoff unter den Saiten gedämpft. Bei Stücken wie „Vogellaute“ passt dieser Klang kongenial: „Ich bin soweit hinaus gegangen, dass meine Stimme niemand stört. Ich habe nicht mehr das Verlangen, dass meinen Singsang einer hört.“
Für das Titelstück „Anfang der Liebe“ ließ Repke eine Gitarre zu Wasser
Als Bastler tätig war der Musiker auch für das Video. Für das Titelstück „Anfang der Liebe“ ließ er sich auf einen See bei Kyritz hinausrudern, legte die viersaitige Gitarre sacht auf das Wasser und ließ sie treiben. Zu den gleitenden, fließenden Gitarrenklängen kommt gedämpfter Gesang, oft murmelnd wie ein Bach, wie im Selbstgespräch oder dem leisen Zwiegespräch mit dem Gras. Seine vielleicht schönste Komposition spielt Repke als Instrumentalstück mit einem Mandocello. „Vor einem Winter“, mit den bekannten Zeilen „Ich mach ein Lied aus Stille. Ich mach ein Lied aus Licht. So geh ich in den Winter und so vergeh ich nicht“, will Repke in den Konzerten mit einer Originalrezitation der Dichterin auf Tonband einleiten und ihre Stimme nicht mit seiner Musik vermischen. Sein Stück ist weit mehr als eine bloße Vertonung – es fängt die Essenz des Gedichtes ein.
Der Musiker, der erst mit über 40 die Lyrik für sich entdeckte, hat Gedichte aus allen Schaffensperioden ausgewählt, vom ersten Band „Ich mach ein Lied aus Stille“ bis zum letzten Werk „Wildbirnenbaum“. Das Konzert soll keine autobiografischen Hintergründe liefern, stimmt aber mit einer Deko auf die Dichterin ein: So hat Repke eine Art Kronleuchter aus Kochlöffeln und Schaumlöffeln gebaut, angeregt vom Gedicht „Bürde“. „Meine Gedichte soll man nicht bei Banketten, sondern in der Küche beim Kochen lesen. Ich sympathisier nicht mit Sekt-Etiketten, sondern mit Schrubber und Besen.“
Das Album „Anfang der Liebe“ ist im Label Goldbek Records erschienen.
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