Volkswagen ist in der Krise: 100.000 Arbeitsplätze will der Autobauer in den kommenden Jahren abbauen, davon rund 40.000 allein in Deutschland. Ganze Werke wie Zwickau stehen zur Disposition und mit ihnen die Zukunft von unzähligen Zulieferbetrieben. Die Lage ist ernst, sehr ernst - darauf will die Industriegewerkschaft IG Metall aufmerksam machen. Sie hat am heutigen Montag zu einem bundesweiten Aktionstag unter dem Motto „Zukunft statt Kahlschlag – Zusammenhalt ist unsere stärkste Marke“ eingeladen. An 200 Orten werden insgesamt 280 Veranstaltungen stattfinden. Dazu zählt auch die Großdemonstration auf dem Zwickauer Marktplatz, die heute um 15.30 Uhr beginnen wird und zu der mehrere tausend Teilnehmer aus der Region erwartet werden. Zeitgleich wird aber auch vor der Gläsernen Manufaktur in Dresden protestiert.
Der Forderungskatalog der IG Metall liegt auf dem Tisch, und er ist mit Investitionen verbunden. In jedem Fall sei die Politik gefragt, die Zulieferbetriebe mit Finanzhilfen zu unterstützen. Ihr Umbau hin zur Elektromobilität solle staatlich alimentiert werden, um die Zukunft zu sichern. Und noch einen Beitrag könne die Politik leisten, indem sie die deutschen Autobauer vor der ausländischen Konkurrenz noch besser schützt. Die IG Metall schlägt eine Ausweitung der Zölle auf Plug-in-Hybride vor und plädiert für Klauseln zur lokalen Wertschöpfung. Wer in Europa Autos verkaufen will, muss diese auch hier produzieren, so der Tenor einer Geschäftspraxis, die in Asien schon lange Standard ist.
Gleichzeitig mahnt die Gewerkschaft die Senkung der Standortkosten in Deutschland an. Um die heimische Produktion wettbewerbsfähig zu halten, fordert sie von der Bundesregierung spürbar niedrigere Industriestromkosten sowie den drastischen Abbau von Bürokratie.
Am bundesweiten Aktionstag der IG Metall demonstrieren Beschäftigte am Montagvormittag vor dem VW-Motorenwerk in Chemnitz.
© Hendrik Schmidt/dpa
Die IG Metall sieht aber natürlich auch den Autobauer selbst in der Pflicht. Der sollte seine Gewinne nicht an die Aktionäre ausschütten, sondern in Zukunftstechnologien wie die Batteriefertigung, das autonome Fahren und moderne Produktionsanlagen investieren. Parallel müsse beispielsweise VW dafür sorgen, dass in den Werken neue und bezahlbare Modelle gefertigt werden, die dann in entsprechend großer Zahl verkauft werden können. Dem Ansinnen, die Krise allein über Lohn- und Personalkosten lösen zu wollen, erteilte die Gewerkschaft eine klare Absage und verteidigte auch die 35-Stunden-Woche.
Der Aufsichtsrat von Volkswagen hatte dem größten Umbau in der 89-jährigen Konzerngeschichte Anfang September zugestimmt. Die vier von der Schließung bedrohten Werke in Zwickau, Emden, Hannover und Neckarsulm sollen Gelegenheit erhalten, ihre eigenen Spar- und Umbaupläne vorzulegen. Der Vorstand hat dabei auch Entgeltzahlungen ins Spiel gebracht. Die Debatten darüber und auch über die künftige Arbeitszeitregelung dürften ab 7. Oktober hochkochen, dann startet die nächste Tarifrunde für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie.
Es geht um Einkommen und Arbeitsplätze von knapp vier Millionen Beschäftigten im Kernbereich der deutschen Wirtschaft: dem Fahrzeug- und Maschinenbau sowie der Elektroindustrie. Die Vorstellungwelt der Arbeitgeber und der Gewerkschaft liegen dabei meilenweit auseinander. Während die eine Seite Kostensenkungen anmahnt, um Deutschland als Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähig zu halten, wird die IG Metall mit einer Forderung von rund fünf Prozent mehr Lohn in die Verhandlungen gehen. Grundlage dafür sei die Inflation, die bei etwa vier Prozent liege.
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Die IG Metall hat die Beschäftigten selbst befragt, was ihnen am wichtigsten ist, und dabei liegt ein sicherer Job ganz vorn. Allerdings erwartet auch etwa jeder zweite Arbeitnehmer ein moderates Plus auf seinem Lohnzettel – und das nicht nur bei Volkswagen.
Zwischenzeitlich musste VW eine Gewinnwarnung von rund zehn Milliarden Euro herausgeben. Unter anderem belasten Abschreibungen auf die Beteiligung an Porsche sowie anhaltend schlechte Geschäfte im wichtigen China-Markt die Bilanz. Die erwartete Umsatzrendite für das laufende Jahr schrumpfte auf nur noch ein Prozent zusammen. In der Folge wurde Volkswagen aus dem europäischen Leitindex Euro Stoxx 50 ausgeschlossen und mit dem heutigen Tag durch Nokia ersetzt.
Doch nicht nur Volkswagen ist unter Druck. Vor dem Mercedes-Benz-Werk im baden-württembergischen Sindelfingen haben sich am Montagvormittag rund 20.000 Beschäftigte versammelt. Betriebsbedingte Kündigungen sind durch einen Vertrag zur Beschäftigungssicherung bis 2034 ausgeschlossen. Doch der Vorstand komme mit seinen Sparplänen durch die Hintertür und nenne das eine Produktivitätsoffensive, so die Kritik der IG Metall.
35-Stunden-Woche auf der Kippe
Der Vorstand fordert, dass die Beschäftigten künftig 40 anstatt 35 Stunden in der Woche arbeiten, dafür aber das gleiche Geld wie bisher erhalten. Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld stehen zur Disposition, eine geplante Sonderzahlung wurde bereits verschoben und dem Betriebsrat werde in den Verhandlungen immer wieder mit einer Schließung von deutschen Werken gedroht, sollten die Beschäftigten den Einschnitten nicht zustimmen. Parallel prüfe Mercedes verstärkt die Verlagerung von Produktionsumfängen und Verwaltungsaufgaben ins kostengünstigere Ausland.
Auch in Sachsen startete die erste Demonstration am Montagmorgen gegen 9 Uhr vor dem Tor A des Chemnitzer Motorenwerkes von Volkswagen. „Jahrelang haben die Manager die Trends in der E-Mobilität, Digitalisierung und Batterietechnik verschlafen“, kritisiert der Chef des IG Metall-Bezirks Berlin-Brandenburg-Sachsen, Jan Otto, die Manager der deutschen Autoindustrie. „Jetzt wollen sie ihre Belegschaften dafür bezahlen lassen. Das lassen wir nicht zu“, so Otto entschlossen.
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