Die Formel "Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten" gilt nur, solange diese nicht überhand nehmen. Nachrichten aus Afghanistan sind seit mehr als zwei Jahrzehnten schlechte Nachrichten und werden, wenn überhaupt, nur noch am Rande vermerkt: Terror, Flüchtlingsströme, Bürgerkrieg. Die radikal-islamischen Taliban kontrollieren mittlerweile 95 Prozent des afghanischen Staatsgebiets, doch ihre militärischen Erfolge haben den Gotteskriegern keinen politischen Nutzen eingebracht. Ihre Regierung wird von den Vereinten Nationen nicht anerkannt. Den Sitz des Landes bei der Uno hält weiterhin der Gesandte des vertriebenen Präsidenten Rabbani besetzt.Die heftigen Kämpfe der Taliban gegen die gegnerische, der Exilregierung nahe stehende Nordallianz unter Schah Achmed Masud haben Tausende Afghanen aus dem Kriegsgebiet im Norden zur Flucht an die Grenze des benachbarten Tadschikistan und nach Pakistan getrieben. Der Bürgerkrieg ist jedoch nicht der einzige Grund für die Flüchtlingsbewegungen in Afghanistan. Im vergangenen Jahr wurde das Land von der schlimmsten Dürreperiode seit 30 Jahren heimgesucht. Die Vereinten Nationen warnten am Freitag vergangener Woche vor einer bevorstehenden Katastrophe. Der UN-Koordinator für Afghanistan, Eric de Mul, sagte in Islamabad für 2001 eine "dramatische" Verschlechterung der Lage voraus. Die UNO habe sich "mit der Tatsache abgefunden, viele Menschen sterben zu sehen", fügte de Mul unter Verweis auf die Situation im Westen Afghanistans hinzu. In den Lagern um die Stadt Herat vermutet die UNO bis zu 80 000 Flüchtlinge. Bei Temperaturen von bis zu 25 Grad unter null sind mehr als 500 von ihnen erfroren.Die kriegerischen Auseinandersetzungen im Norden Afghanistans drohen zudem auf die ehemalige Sowjetrepublik Tadschikistan überzugreifen. Unter den etwa 10 000 Flüchtlingen in der Grenzregion vermutet die tadschikische Regierung bewaffnete Kämpfer und weigert sich deshalb, sie aufzunehmen. Die Regierungen der zentralasiatischen Republiken fürchten den Einfluss der radikalen Taliban auf die zumeist islamischen Oppositionsparteien in ihren Ländern. Die an der tadschikisch-afghanischen Grenze stationierten russischen Truppen befinden sich bereits seit Oktober in erhöhter Alarmbereitschaft.Zudem sehen sich die Nachbarländer Afghanistans durch den Drogenhandel bedroht, dessen Routen über ihr Territorium führen. Afghanistan, das längst nicht mehr in der Lage ist, ohne internationale Nahrungsmittelhilfe zu überleben, ist zum weltweit führenden Produzenten von Rohopium avanciert. Die Taliban kontrollieren rund 96 Prozent aller Schlafmohn-Anbaugebiete. Sie garantieren den Bauern Schutz, einen geregelten Absatz und besteuern die Erntegewinne mit bis zu 20 Prozent. Bereits für die Mudschahhedin war der Drogenexport in den achtziger Jahren die Haupteinnahmequelle.Dass die Drogenrouten heute über die zentralasiatischen Staaten führen, ist eine Folge rigider Kontrollen an der iranisch-afghanischen Grenze aber auch der Kriege im Kaukasus, in Kurdistan und Südosteuropa. Die so genannte "Balkanroute" über Teheran und die Türkei nach Bulgarien verlor an Bedeutung. Stattdessen gelangt nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes nun rund die Hälfte des in Europa konsumierten Heroins über Zentralasien, Russland und das Baltikum an die Verbraucher. Die Transitländer, vor allem Russland und Osteuropa, sehen sich mit einer sprunghaft steigenden Zahl von Drogenkonsumenten und einer galoppierenden Aidsepidemie konfrontiert. Die Probleme Afghanistans rücken näher heran, sie zu ignorieren, könnte sich als leichtsinnig erweisen.
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