BERLIN, 9. Mai. Die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung ILA in Berlin-Schönefeld dürfte dem selbst ernannten Innovations-Kanzler gefallen. Wohin Gerhard Schröder an diesem Montag auch sein Auge beim Messerundgang schweifen lassen wird - nichts als Hightech, Hightech, Hightech. Fast jeder von Rang und Namen in der Luft- und Raumfahrtbranche wird sich auf der Messe präsentieren - nur der Prominenteste fehlt erneut: der US-Flugzeug- und Rüstungskonzern Boeing. Dennoch, mit 987 Ausstellern aus 43 Ländern muss sich die ILA als drittgrößte Branchenschau nach Le Bourget bei Paris und Farnborough in England nicht verstecken. Drei harte Krisenjahre hat die Luft- und Raumfahrtindustrie hinter sich. Die ILA soll den erhofften neuen Schub bringen. Viele Anzeiche sprechen für eine Erholung. Als wichtigster Indikator gelten die wieder steigenden Passagierzahlen, die die Fluglinien melden. Das wird sich zwar nicht sofort in den Auftragsbüchern der Industrie niederschlagen, denn viele Luftfahrtgesellschaften werden ihre stillgelegten Maschinen zunächst wieder in Betrieb nehmen. Der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS, dessen Hauptprodukt Airbus ist, rechnet deshalb für 2004 noch mit stagnierenden Verkaufszahlen. Aber schon 2005 soll es wieder aufwärts gehen.Schon 2003 verlief für die gesamte Branche besser als erwartet. Mit 15,7 Milliarden Euro wurden in Deutschland 2,3 Prozent mehr umgesetzt als im Vorjahr. Rüstung stabilisiert Umsatz "Wir haben in Deutschland das Glück gehabt, dass wir von der Krise der zivilen Luftfahrt nicht so schwer betroffen worden sind", sagte der Präsidialgeschäftsführer des Branchenverbandes BDLI, Hans-Joachim Gante. "Denn wir konnten vom Hochlauf schon länger bestellter militärischer Programme profitieren - das sind der Eurofighter, der Kampfhubschrauber Tiger und der militärische Transporthubschrauer NH90." Diese Programme hätten in den letzten drei Jahren die Umsätze und Beschäftigtenzahlen stabilisiert. Vor allem die mittelständische Zulieferindustrie habe von den militärischen Programmen profitiert und dadurch Kapazitäten erhalten können, sagte Gante. Außerdem habe es in den vergangenen Jahren erhebliche Vorinvestitionen sowohl in Forschung und Entwicklung als auch in Personal für den neuen Großraum-Airbus A380 gegeben. "Deswegen ist unsere Beschäftigtenzahl in den vergangenen drei Jahren mit 70 000 nahezu konstant geblieben, während es in den USA, aber auch anderen europäischen Ländern einen regelrechten Einbruch in der Luftfahrtindustrie gegeben hat", erläuterte Gante. Zufrieden ist der BDLI-Chef dennoch nicht. Denn insgesamt werde in Deutschland im Rüstungsbereich derzeit zu wenig in Forschung und Technologie investiert. Damit würden Zukunftsfelder nicht besetzt, kritisierte er. Betrugen die Forschungsausgaben für die Rüstung Anfang der 90er-Jahre noch 1,3 Milliarden Euro, so sei es heute nur noch eine Milliarde. Hoffnungen knüpft die Branche an die Bundeswehrreform, weil der Verteidungsminister bei konsumtiven Mitteln sparen will und dann mehr für Investitionen übrig bleiben könnte. Airbus überflügelt BoeingBei Airbus ging die Zahl der Auslieferungen von 325 im Jahr 2001 auf seither jährlich rund 300 Flugzeuge zurück. Bei Boeing aber war der Absturz dramatisch: von über 527 Flugzeugauslieferungen 2001 auf nur 281 im vergangenen Jahr. Auch Dank der Krise also konnte Airbus Boeing erstmals bei den Auslieferungen den ersten Rang abjagen. EADS-Co-Chef Rainer Hertrich ist sich aber sicher, dass das auch in den nächsten Jahren so bleibt: Airbus habe die besseren Flugzeuge und daher auch vollere Auftragsbücher als der amerikanische Rivale. Insgesamt hat Airbus Aufträge für 1 500 Maschinen in den Büchern, darunter 129 Festbestellungen für den A380. Außerdem gibt es weitere 50 Kaufoptionen. Boeing hat für seine neueste Maschine, die B7E7, gerade mal 50 Bestellungen unter Dach und Fach. Allerdings ist die neue Boeing als wesentlich kleineres Flugzeug mit 200 bis 300 Plätzen kein direkter Konkurrent für den A380 mit 555 Sitzen. Grund sind unterschiedliche strategische Einschätzungen der künftigen Entwicklung des Luftverkehrs. Während Airbus davon ausgeht, dass vor allem der Verkehr zwischen den "Hubs" - den großen zentralen Umsteigeflughäfen - zunehmen wird, was große Maschinen erfordert, rechnet Boeing damit, dass in erster Linie das Wachstum im Punkt-zu-Punkt-Verkehr stattfindet. Dafür reicht mittelgroßes Fluggerät. Wegen der Krise stehen die Hersteller unter erheblichem Kostendruck. "Zurzeit sind die Airlines in einer sehr guten Verhandlungsposition gegenüber den Flugzeugbauern", sagte Gante. Vor allem die rasch wachsenden Billigfluglinien wie Ryanair, Easyjet oder Air Berlin gehen in dieser Zeit auf Einkaufstour, was jedoch nicht unerheblich zur Stabilisierung des Absatzes der Industrie beiträgt.Den Preisdruck bekommen die Zuliefererer zu spüren. EADS will bis 2006 die Kosten um 1,5 Milliarden Euro senken. Der Chef von Airbus-Deutschland, Gerhard Puttfarken, sagt unmissverstandlich: "Die Zulieferer müssen 15 Prozent günstiger werden."------------------------------Neuheiten auf der Messe // Mehr als 330 Fluggeräte sind während der ILA auf dem Boden und in der Luft zu sehen - so viele wie auf keiner anderen Luftfahrtmesse weltweit, teilt der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) mit. Zahlreiche Neuheiten erleben auf dem Südgelände des Flughafens Schönefeld ihre Premiere. Vom 14. bis 16. Mai, jeweils von zehn bis 18 Uhr, ist das ILA-Areal auch für das Publikum geöffnet. Die ILA ist die drittgrößte Luftfahrtschau der Welt nach den Messen im französischen Le Bourget und im britischen Farnborough. Die Veranstalter erwarten rund 200 000 Besucher.Airbus A 340-600: Der europäische Hersteller zeigt auf der ILA einen Jet, der als das längste Verkehrsflugzeug der Welt gilt - von vorn bis hinten misst sie 76,3 Meter. Auf zwei Ebenen haben 380 Passagiere Platz. Für anspruchsvolle Fluggäste gibt es eine Version mit Mini-Suiten. Fast 195 000 Liter Treibstoff passen in den Tank, das ist genug für extreme Langstrecken - die Reichweite beträgt mehr als 14 000 Kilometer. Airbus A318: Die Besucher der ILA können dieses Jahr in Schönefeld-Süd auch das kleinste Mitglied der Airbus-Familie kennen lernen. Das 31,4 Meter lange Verkehrsflugzeug, das über 107 Passagiersitze verfügt, soll ebenfalls während der täglichen Air Shows zu Vorführflügen abheben. Airbus A300-600ST Beluga: Der Name ist gut gewählt - der 56 Meter lange und 17 Meter hohe Spezialtransporter erinnert an einen Walfisch. Von dem Flugzeug, das 47 Tonnen Ladung 1 700 Kilometer weit befördern kann, hat Airbus bislang lediglich fünf Stück gebaut. Weil die Nachfrage ausblieb, sind sie bis heute im Eigentum des Herstellers. Beliebter ist das Flugzeug bei den Luftfahrt-Fans - der Beluga-Transporter ist ein beliebtes Fotomotiv. Militär-Hubschrauber NH90: Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) ist dabei, wenn am Dienstag das erste Serienmodell des Transport- und Marine-Hubschraubers NH90 präsentiert wird. Fünf Nato-Länder haben den Drehflügler bereits bestellt. Er verfügt über eine "Fly-by-Wire"-Steuerung. Dabei werden die Impulse, die der Pilot mit seinem Steuerknüppel gibt, elektronisch übertragen. Der Hubschrauber kann außer drei Mann Besatzung 20 Soldaten aufnehmen. Als erster Hubschrauber der Welt ist der NH90 komplett aus Kohlefaserverbundstoffen gebaut.Antonov An124-100: 30 Weltrekorde kann das bisher größte in Serie gebaute Transportflugzeug schon für sich verbuchen. Eines von ihnen beförderte eine 171 Tonnen schwere Ladung in 10 750 Meter Höhe zum Ziel - normalerweise ist die Kapazität auf 150 Tonnen begrenzt. Auch Lokomotiven oder 25 Meter lange Yachten finden in dem 400-Tonner Platz. Von dem Giganten aus Kiew in der Ukraine wurden seit 1986 weit mehr als 50 Stück hergestellt. Euro Hawk: Drohnen heißen die unbemannten Aufklärungsflugkörper für das Militär. Die größte und modernste von ihnen ist bei der ILA zu sehen: Der Euro Hawk ist 35 Meter lang, er kann fast 20 Kilometer hoch aufsteigen. Grob Ranger G 160: Die Bordbar in Griffweite, Steckdosen für den Laptop - das Geschäftsflugzeug aus Bayern hat während der ILA Weltpremiere. Mit einer Tankfüllung schafft es die Propellermaschine 4 000 Kilometer weit. Für Business-Flieger ist das eine beachtliche Reichweite.------------------------------Grafik (3): Entwicklung der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie 1993-2003.Umsatz der europäischen Luft- und Raumfahrtindustrie.Ausgelieferte Flugzeuge 1995-2003.------------------------------Foto (2): Eines der Ausstellungs-Highlights für Besucher der ILA: Airbus präsentiert das längste Verkehrsflugzeug der Welt - den A360-600 .Dreamliner nennt Flugzeughersteller Boeing sein neuestes Projekt B7E7 (hier eine Computersimulation). Ein fertiges Modell des Passagierjets gibt es noch nicht.
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