BERLIN. Die Klagen lesen sich wie Schauergeschichten. Die niedergelassenen Ärzte mit eigener Arztpraxis erhalten nun für die ersten drei Monate des laufenden Jahres im bundesweiten Durchschnitt 7,8 Prozent mehr Honorar, doch was die gesetzlich versicherten Patienten seit Anfang des Jahres in manchen Arztpraxen erleben mussten, hatte mit Ethik und verantwortungsvollem Handeln nichts mehr zu tun.In Mönchengladbach ließ eine Praxis für Urologie einen Patienten wissen, dass er sich seinen Harnröhrenstab künftig selber einsetzen müsse, wenn er häufiger als einmal pro Quartal einen neuen brauche. Einen Notfallpatienten mit Hexenschuss wollte ein Orthopäde nur gegen private Kostenübernahme durch den Patienten behandeln. Eine Praxisgemeinschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie teilte mit, dass die von den Krankenkassen bezahlte Gesprächszeit noch bei 21 Minuten pro Monat und Kind liege. Für die Operation eines Zehennagels wurden einem Patienten 67,50 Euro in Rechnung gestellt.Kranke zur Kasse gebetenDie genannten Beispiele sind Auszüge aus einer Liste, mit der die Krankenkassen die Verfehlungen von Ärzten dokumentierten. Sie lassen den Schluss zu, dass manch einem Mediziner der eigene Geldbeutel wohl etwas näher stand als die Not des Patienten. Denn jedes Mal wurde den Patienten gesagt, dass infolge der zum 1. Januar in Kraft getretenen Honorarreform das Geld für manche Behandlungen nicht mehr reiche.Das war ein fatales Missverständnis zwischen den Ärzten und ihren Funktionären, wie die gestern von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) veröffentlichten Zahlen unterstreichen. Demnach ist in allen Regionen das Honorarvolumen in den ersten drei Monaten 2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. In Berlin um durchschnittlich 32 Prozent, in Niedersachsen um 17,6 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern um 15,6 Prozent - und selbst die Regionen, die sich als Verlierer der Honorarreform gesehen haben, bekommen mehr. In Bayern beträgt das Plus 3,5 Prozent. Nur Baden-Württemberg bildet eine Ausnahme. Dort ist der Honorartopf tatsächlich um 0,7 Prozent geschrumpft. "Die Baden-Württemberger sollen sich nicht aufregen", sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten, Wolfram Candidus, "die müssen von viel Honorar wenig abgeben." Tatsächlich gehörten die Ärzte in den südlichen Bundesländern bisher zu den Topverdienern. Dass sie weniger oder gar nicht von der Honorarreform profitieren, hängt damit zusammen, dass das Honorarniveau mit der Reform in den neuen Ländern an Weststandards angeglichen werden sollte.Das ist gelungen, wie KBV-Chef Andreas Köhler ausführte. Demnach erhält ein Arzt im Osten nun 96 Euro pro Patient und ein Arzt im Westen 103 Euro. 2008 waren es noch 84 (Ost) respektive 97 Euro (West). Der Durchschnittsertrag eines niedergelassenen Arztes aus den Honorarzahlungen der gesetzlichen Krankenkassen beträgt im gesamten Bundesgebiet jetzt 87 000 Euro pro Jahr. Hinzu kommen Einnahmen aus sogenannten individuellen Gesundheitsleistungen, die die gesetzlich Versicherten selbst bezahlen müssen, und aus dem Geschäft mit Privatpatienten. Mehrere Studien kommen so auf ein Bruttoeinkommen nach Praxiskosten von 10 000 Euro pro Arzt und Monat - mit deutlichen Differenzen zwischen den Arztgruppen und Regionen.Dass Teile der Ärzteschaft dennoch derart unpfleglich mit ihren Patienten umgesprungen sind, ist für viele deshalb nicht mehr nachvollziehbar. Tatsächlich weist die Statistik aber auch aus, dass es Verlierer gibt, obwohl die Honorartöpfe größer geworden sind. Fast ein Viertel aller Ärzte erhält im ersten Quartal mehr als fünf Prozent weniger als noch im Vorjahreszeitraum. Am heftigsten trifft es die Orthopäden, von denen 42 Prozent geringere Einnahmen verbuchen, gefolgt von Anästhesisten und Neurologen.Kritik an FunktionärenPatientenvertreter Candidus fordert dennoch ein Ende der Honorardebatte, weist gleichzeitig aber Politik und Ärztefunktionären die Schuld für die Proteste zu. Diese hätten es versäumt, die Ärzte über die Honorarreform aufzuklären und so Unsicherheit ausgelöst. Das ärztliche Honorar setzt sich nämlich aus mehreren Komponenten zusammen. Zunächst wurden die Ärzte Anfang Januar nur über die Höhe ihrer Basishonorare informiert. Der Schock war groß, weil diese deutlich niedriger ausfielen als in den Jahren zuvor.Separat zu den Basisleistungen können aber Zusatzleistungen wie das ambulante Operieren abgerechnet werden. Aufgrund komplizierter Parameter erfahren die Ärzte erst am Ende eines Quartals, wie viel diese Leistungen tatsächlich wert waren. Die Ärzte haben den Effekt wohl unterschätzt.------------------------------Es gibt VerliererGrafik: (2) Trotz der Honorarzuwächse gibt es innerhalb der Arztgruppen auch Verlierer. Am häufigsten trifft es Orthopäden und Anästhesisten.------------------------------Foto: Allgemeinmediziner erhielten im ersten Quartal 2009 sechs Prozent mehr Honorar als im Vorjahreszeitraum.
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