Im Internet tobt ein Propagandakrieg um Tibet

Schöne Landschaften, brutale Schläger

Daniel Baumann
4 Min

Das Bild ist schwarz. Aus dem Nichts dringt untermalt durch dumpfe, melancholische Klavierklänge ein Halbsatz in weißer Schrift: "An alle Trittbrettfahrer unter euch, die nichts über China wissen", steht auf dem ersten Bild, "lasst mich euch einige solide Fakten geben, warum Tibet ein Teil Chinas war, ist und immer sein wird", auf dem zweiten. Dann wird der Filmautor deutlich: "Damit ihr verdammt noch mal sofort aufhören könnt, unser Land zu separieren."Die Olympische Fackel reist um die Welt, und wo sie hinkommt, löst das Symbol der Völkerverständigung Streit aus. Streit, der nicht nur entlang der 137 000 Kilometer langen Rekordroute ausgetragen wird, sondern auch im Internet. Im Web findet die Propaganda eine neue Ausdrucksform, die in dem Streit um Tibet deutlicher denn je hervortritt. Nie zuvor war sie so direkt und gleichzeitig subversiv.Über 2,5 Millionen Mal wurde das Video mit dem Titel "Tibet war, ist und wird immer ein Teil Chinas sein" in einem Monat auf dem Videoportal Youtube angeschaut, damit gehört es zu den fünfzig meist gesehenen der Seite. Es ist unter unzähligen das populärste Filmdokument zu Tibet. Andere versuchen, den Begriff von der Befreiung zu diskreditieren, zeigen Bilder vom Elend im Irak und vergleichen die Tibet-Frage mit der Aufsplitterung Jugoslawiens.Geschöntes BildDer chinesische Autor des siebenminütigen Films ist nach eigenen Angaben gerade einmal 22 Jahre alt, lebt in Kanada und hat die Regeln der Propaganda verstanden. Er lügt nicht, aber er schönt die Fakten, er argumentiert und rührt doch an die Emotionen. Er zeigt Bilder von tibetischen Landschaften in satten Farben, herausgeputzte Bauten, ein freundlicher Umgang zwischen Soldaten und Zivilisten, insgesamt ein modernes China: nett, höflich, immer lächelnd. China investiere zudem jährlich 40 Millionen Dollar in Schulen, Gebäude, Krankenhäuser in Tibet. Staatliche Leistungen, die hauptsächlich den in das Hochland einwandernden Han-Chinesen zugute kommen, diesen Fakt verschweigt der Autor jedoch. Er wird gekontert von einem Nutzer namens Aaaron Pei. Er kopiert die Optik des Films, ändert aber die Aussagen. Der neue Titel heißt: "Tibet war nicht, ist nicht und wird nie Teil Chinas sein".So entsteht im Internet ein internationales Meinungs-Ping-Pong, das sich außerhalb staatlicher Strukturen bewegt. Im Falle von Tibet beziehen dabei hauptsächlich chinesische Auswanderer Position für ihr Land. Sie sind losgelöst von staatlichen Stellen, doch durch Ideologie und Doktrin deutlich mit deren Zielen und politischen Vorstellungen verbunden. Genauso wie die öffentliche Meinung im Westen erstaunlich übereinstimmt mit denen der Pro-Tibet-Aktivisten.Beide Fronten überschwemmen das Netz mit Videos, deren Fakten und Inhalte stimmig erscheinen und doch nicht die Realität widerspiegeln. Es zeigt sich, dass globale Meinungsverschiedenheit zu globaler Verwirrung führt. Schon in den 1960er-Jahren sprachen die Wissenschaftler von einer mit "Propagandakommunikation durchsetzten Welt". Inzwischen sieht es so aus, als könnten sie im Netz zu einem "Störfaktor im gesellschaftlichen Kommunikationsfluss" werden.Fehler der westlichen MedienAuf der Webseite www.anti-cnn.com bündeln laut Eigenaussage unabhängige Chinesen Videos für den Kampf gegen "verfälschte Darstellungen" in westlichen Medien. Eine steile Vorlage dafür lieferten nicht nur der US-Sender CNN, dessen Kommentator Jack Cafferty chinesische Produkte als Müll und die politische Führung als "Haufen aus Schlägern und Strolchen" bezeichnete, sondern auch die Washington Post oder die BBC, auch RTL und n-tv. Sie zeigten Bilder, wie Polizisten Aufständische angriffen. Doch es waren Bilder aus Nepal und nicht aus Tibet. Fehler, die auf Youtube von chinesischen Usern zerpflückt und für eigene Zwecke instrumentalisiert werden.Das Regime in Peking profitiert dabei von den Auswanderern als Kennern der westlichen Medien. Totalitären Regimen ist es eigen, durch Zensur eine totalitäre Weltsicht zu verbreiten. PR-Abteilungen in Demokratien sind dagegen darin geschult, ihre Weltsicht auf einem Markt der Meinungen zu verbreiten. Das Internet aber ist in der Anlage demokratisch, chinesische Auswanderer haben das verstanden. Sie wissen, dass sie um die Meinungsführerschaft konkurrieren müssen und preschen deswegen mit eigenen Pro-China-Filmen vor. Dabei zeigt sich, dass das Engagement und die Zahl der Chinesen, die sich im Netz auskennen und politisch äußern, die Kräfteverhältnisse im Meinungsstreit um Tibet zu ihren Gunsten entscheiden. Allein die Flut von Einträgen und Videos spülen Gegenstimmen an die Enden der Trefferlisten.------------------------------Foto: Auslandschinesen demonstrieren für Olympia in Peking. Im Internet sind pro-chinesische Stimmen deutlich in der Mehrheit.

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