Ob es die Gewinnchancen erhöht, so zu tun, als halte man sich eh für einen Verlierer? Kaum einer der Lottospieler, die ihre Scheine am Freitag im Tabak- und Zeitschriftenladen am Checkpoint Charlie abgaben, wollte zugeben, dass er seine Kreuzchen gemacht hat, weil es bei der Ziehung am Sonnabend ein wenig mehr zu gewinnen gibt als sonst. 36 Millionen Mark bekommt, wer sechs Richtige plus Superzahl hat. Voller war der Jackpot nur 1994: Da waren über 42 Millionen Mark zu gewinnen.Inhaberin Karin Radloff hat festgestellt, dass für die Ziehung ein Drittel mehr Scheine bei ihr abgegeben wurden als sonst. Die Kunden aber gaben sich unbeeindruckt von der Summe: Er habe heute aus einer seltsamen Laune heraus gespielt, sagte ein Herr im Anzug, und fragte zurück: "Kennen Sie etwa jemanden, der schon mal richtig viel im Lotto gewonnen hat?" Ein Wunschtraum, den man gar nicht erst träumen sollte, sei der Sonnabend-Jackpot, fand eine ältere Dame. Sie bekäme ihn jedenfalls mit Sicherheit nicht, den Jackpot, sagte sie und gab ihren Schein mit zwölf ausgefüllten Kästchen ab.In dem Kreuzberger Laden kann man seit 48 Jahren Lotto spielen - seit dem es das Gewinnspiel in Berlin gibt. Silvia Lehrke arbeitet seit 19 Jahren hier und kennt die Gewohnheiten des durchschnittlichen Lottospielers: Er spielt jede Woche, füllt vier bis sechs Felder von möglichen zwölf pro Schein aus, und kreuzt immer dieselben Zahlen an. Jahrelang, jahrzehntelang. Manche Kunden hätten die Zahlen von ihren Eltern geerbt, sagt Silvia Lehrke: "Die Leute finden, irgendwann müssen die ja mal kommen."Allerdings werden die Geburtsdaten von Gatten oder Kindern seltener als früher zu den persönlichen Glückszahlen erklärt. Immer mehr Lottospieler lassen im Laden den Computer nach dem Zufallsprinzip Kreuze machen oder greifen zu den bereits ausgefüllten "Sternzeichenscheinen". "Das geht einfach schneller", sagt Karin Radloff. Etwa alle zwei Monate gebe es in ihrem Laden einen "Zentralgewinn" - so heißt es, wenn ein Spieler mehr als 1 000 Mark gewinnt. Die Summe gibt dann nicht mehr die Lotto-Annahmestelle aus, sondern die Lottozentrale in der Brandenburgischen Straße in Wilmersdorf. "Die meisten setzen sich gleich ins Taxi und fahren von hier aus hin", sagt Karin Radloff. Später kämen sie mit einer Flasche Sekt wieder. Schöne Gewinne habe man schon gefeiert. Wie hoch, dürfe sie nicht sagen. Allerdings habe die Zentrale schon mal angerufen: Man hatte ausgewertet, dass in dem Laden an der Friedrichstraße überdurchschnittlich viele Gewinner ihre Scheine abgeben.Lotto // Etwa 800 000 Berliner spielen wöchentlich Lotto. Es gibt 1 158 Annahmestellen in der Stadt. Ein Spieler in Berlin gibt durchschnittlich zwölf Mark pro Schein aus. Am Tag der Ziehung kann man bis 17 Uhr seinen Tipp abgeben.Die Chance auf einen Sechser mit Zusatzzahl beträgt derzeit eins zu 139 838 160. Der Höchstgewinn eines Berliners betrug bisher 12 Millionen Mark. Der Gewinn bleibt steuerfrei. Nur die Zinsen müssen versteuert werden.Tippen im Internet unter www. lotto-berlin. de
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