Es war eine Kritzelei, die Willi Krumbholz 1949 nach Sachsenhausen brachte. Er selbst hatte gar nicht gekritzelt - sondern ein paar Jungs, die ihn kannten. "Suche Hitler, biete Stalin" hatten sie auf eine Wand in der Schultoilette gemalt, in einem Dorf bei Leipzig. Sie wurden erwischt und verhört. Den sowjetischen Geheimdienstlern verrieten sie in ihrer Angst alle Namen, die ihnen nur einfielen. Auch den von Willi Krumbholz. "Ich wurde angeklagt wegen illegaler Jugendarbeit und anti-sowjetischer Hetze", sagt er. Das Militär-Tribunal verurteilte ihn zu 25 Jahren Haft. Willi Krumbholz war 16 Jahre alt, als er erst nach Bautzen, dann nach Sachsenhausen gebracht wurde. Als er im Januar 1950 das Lager verließ, wog er 36 Kilogramm.Kein Hinweis zu DDR-ZeitenZu DDR-Zeiten gab es in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen keinen Hinweis auf die unmittelbare Nachkriegsgeschichte dieses Orts als eines von elf "Speziallagern" in der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ). In Sachsenhausen - dem "Speziallager Nr. 7" der KGB-Vorgängerorganisation NKWD - waren vom August 1945 bis März 1950 etwa 60 000 Menschen inhaftiert. Es war das größte Lager dieser Art in der SBZ-DDR. Mindestens 12 000 Gefangene starben hier an Hunger und Krankheiten.Etliche der Überlebenden waren am Montag beim ersten Spatenstich für ein Museum auf dem Gedenkstätten-Gelände dabei, das an jene fünf Jahre erinnern soll. Etwa im Herbst 2001 könnte dort die erste Ausstellung eröffnen."Das alte DDR-Propagandabild dieses Lagers war falsch und unvollständig", sagt Günter Morsch, Leiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Keineswegs seien hier nur verblendete Faschisten umerzogen worden, wie die SED noch 1950 habe glauben machen wollen. Zwar waren in Sachsenhausen auch viele kleinere und mittlere Nazi-Funktionäre inhaftiert, auch Gestapo-Mitarbeiter und KZ-Aufseherinnen, sogar der Euthanasie-Arzt Hans Heinze aus Brandenburg/Havel - aber genau so gab es Tausende oft auf Grund von Denunziationen völlig willkürlich Verhaftete. Menschen wie Willi Krumbholz, der bei Kriegsende 14 Jahre alt war und gerade mal vier Wochen Hitler-Jugend hinter sich hatte. Oder wie Kurt Bütow, der als ehemaliger Sozialdemokrat gleich nach der Kapitulation von den Sowjets zum Bürgermeister von Ahlbeck auf der Insel Usedom ernannt worden war. "Plötzlich war er verschwunden", sagt sein Sohn Axel, Jahrgang 1930. Erst Jahre später erfuhr er, dass sein Vater nach Sachsenhausen gebracht worden war. Angeblich hatte er Waffen versteckt. "Doch der Auftrag, Militärgut einzusammeln, war von den Sowjets gekommen." Kurt Bütow starb in Sachsenhausen.Das Museum werde "exemplarische Biographien" vorstellen, sagt Günter Morsch, von Gefangenen ebenso wie etwa vom sowjetischen Lagerkommandanten Alexej Kostjuchin. Die Topographie solle nachgezeichnet werden, die vom stalinistischen Gulag-System beeinflusste Lagerverwaltung, aber auch die Rolle des Speziallagers Nr. 7 in der öffentlichen Diskussion.Denn dass es nach der Wende zehn Jahre dauerte, bis mit dem Bau eines eigenen Speziallager-Museums begonnen wurde, liegt nicht nur an der erst jetzt verabschiedeten "Gedenkstättenkonzeption" des Bundes. "Auch die Opferverbände waren sich lange Zeit nicht einig, auf welche Weise an wen erinnert werden soll", sagt Horst Seferenz, Sprecher der Gedenkstätten-Stiftung. Mit der jetzigen Lösung eines kleinen Museums an der nordöstlichen Ecke des einstigen Konzentrationslagers waren aber letztlich alle einverstanden."Es ist eine sachliche, unprätentiöse Architektur", sagt Günter Morsch. Sie stehe bewusst im Gegensatz zur monumentalen Denkmalssprache der Vergangenheit.NEUBAU Bund zahlt die Hälfte // Das neue Museum wird nach Plänen der Architekten Till Schneider und Michael Schumacher aus Frankfurt/Main gebaut.Die Kosten in Höhe von 4,8 Millionen Mark trägt zur einen Hälfte das Land Brandenburg, zur anderen Hälfte der Bund.Der ebenerdige Bau wird an der nordöstlichen Ecke des einstigen KZ-Geländes errichtet - in der Nähe der Steinbaracken, in denen ein Teil der Häftlinge lebte, und eines der Massengräber, in denen die Toten verscharrt wurden.Die erste Ausstellung soll etwa im Herbst des Jahres 2001 eröffnen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]