SCHÖNEBERG. Die "Mausefalle" gibt es nicht mehr. Neun Monate hatte der neue Betreiber der Schwulenkneipe an der Eisenacher Straße 6 durchgehalten. Jetzt ist dort eine Nachtbar - mit einem anderen Inhaber. Nebenan hängt seit drei Jahren ein Schild: "Zu vermieten". Das Café "Infinity" an der Kalckreuthstraße hat seit fünf Monaten zwei neue Wirtinnen. Die haben sicherheitshalber ihre alten Jobs noch nicht aufgegeben, denn etwa zwölfmal wechselten in den vergangenen fünf Jahren die Inhaber der Gaststätte. Der Kiez ist in der Krise. "Die allgemeine wirtschaftliche Situation ist auch bei uns voll angekommen", sagt Theo van Tulden, der Chef der schwulen Wirte, die sich zum Regenbogenfonds e.V. zusammengeschlossen haben. Dabei gilt das Viertel rund um den Nollendorfplatz als etwas Besonderes: Es ist das größte schwul-lesbische Quartier Berlins. Regenbogenfahnen hängen an den Fenstern, es gibt Reisebüros, Antiquitätengeschäfte und Buchhandlungen, die sich der speziellen Kundschaft verschrieben haben. Schon seit den 20er-Jahren ist der Dreh wegen seiner vielen Schwulenkneipen als Homosexuellen-Kiez bekannt.Rund 50 Bars und Gaststätten gibt es im Viertel, sechs Kinos und drei Tanzcafés. Sieben Kneipen oder Geschäfte stehen zurzeit leer. Mittelfristig geben mindestens fünf weitere auf, prognostiziert van Tulden. Doch die Entwicklung sei noch nicht am Endpunkt: "Wo einmal Leerstand war, etabliert sich keiner mehr so schnell", sagt er. Selbst die alteingesessenen Wirte hätten seit der Euro-Einführung eine "Durststrecke" zu überwinden - auch die im Großen und Ganzen zahlungskräftige schwule Kundschaft sei "recht verhalten" im Geldausgeben. Neueinsteigern, oft ohne genügend Kapital und mit zu wenig Erfahrung in der Szene, falle es noch schwerer durchzuhalten. Zudem seien die Gewerbemieten hoch, sagt van Tulden. Die Preise pro Quadratmeter liegen zwischen zwölf und 60 Euro, im Schnitt müssen 30 bis 40 Euro gezahlt werden.Der Regenbogenfonds-Chef sieht die Entwicklung aber nicht nur der Konjunkturflaute geschuldet. "Die schwul-lesbische Ausgehkultur hat sich in den letzten zehn Jahren völlig verändert", sagt er. Separate Angebote verlören immer mehr an Reiz, insbesondere die Jüngeren aus der Szene feierten lieber gemeinsam mit Heteros. "Die angesagtesten Clubs und Discos gibt es inzwischen in Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain." Es sei schwer, etwas Gleichwertiges dagegenzusetzen, sagt van Tulden. Im Schöneberger Kiez dürften außer den bestehenden Tanzbars keine Diskotheken eingerichtet werden. Das Resultat: Der Durchschnittsgast in den Kneipen des Nollendorfkiezes ist etwa zehn Jahre älter als in den Szenebezirken des Ostteils - zwischen 25 und 45 Jahren."Wer den Trend verschläft, wird nicht lange durchhalten", sagt van Tulden. Nur 40 Prozent aller Bars und Kneipen im Kiez setzten noch auf ausschließlich schwules oder lesbisches Publikum. "Früher gab es beispielsweise zwölf Gaststätten, wo keine Frauen rein durften, heute sind es noch sieben." In der früheren Stricherkneipe "Pinocchio" beispielsweise würden jetzt ebenso weibliche Gäste bedient wie in der "Blue Boy Bar". Die Szene müsse sich aber noch weiter öffnen.Mitte Oktober wollen die Regenbogen-Wirte bei einem gemeinsamen Frühschoppen mit Mitgliedern des Bezirksamtes und mit Anwohnern über die Entwicklung im Viertel diskutieren. Leer stehende Gewerberäume, Möglichkeiten für ergänzende Bebauung beispielsweise mit Hotels sollen ebenso Thema sein wie Kneipenlärm und Straßenschmutz. Bezirksbürgermeister Ekkehard Band (SPD) hofft auf viele gute Ideen: "Schließlich wollen wir, dass der Nollendorfkiez weiterhin über Schöneberg hinaus eine Adresse bleibt."BLZ/MAX LAUTENSCHLÄGER Das "Infinity" an der Kalckreuthstraße wechselte zwölfmal den Inhaber.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]