In der Nibelungensage ist es Alberich, der Zwerg, der den Schatz der Nibelungen bewacht. Mit 1,75 Metern bin ich zwar auch nicht der Längste, aber mit der Sage hat mein Ordensname natürlich nichts zu tun.
Nein, Alberich hieß auch einer der Mitbegründer des Ordens der Zisterzienser, die seit mehr als 900 Jahren in Europa wirken und gerade im Osten Deutschlands bedeutende Klöster (Chorin, Lehnin, Doberan) errichtet haben. So trage ich nun diesen Namen, seit ich ein Zisterziensermönch bin.
Erfüllende Arbeit mit Menschen
Geboren bin ich 1992 in Lauchhammer als Dominik Fritsche, aufgewachsen in Senftenberg. Dass meine Familie wegen ihres katholischen Glaubens zu einer kleinen Minderheit gehörte, war mir schon als Kind bewusst; ansonsten war das aber kein großes Ding. Zu einer Weltkirche zu gehören, hat mir gefallen – das soziale Engagement, auf den Nächsten zu achten, und auch die großen Feiern der Kirche, Weihnachten, Ostern, Pfingsten.
Außerdem hat mich die Musik schon immer begeistert. Von der 5. Klasse an war ich in der Musikschule, das volle Programm: Orchester, Wettbewerbe, Kirchenkonzerte, Kammerchor. Mein Lieblingsinstrument war die Klarinette. Die Freude an Musik und Gesang ist geblieben und begleitet mich durchs ganze Leben, während die Mitgliedschaft im Boxverein nur von begrenzter Dauer war.
Nach dem Abitur 2011 in Senftenberg war ich zunächst für ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer evangelischen Gemeinde in Charkiw in der Ukraine. Die Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen – körperlich oder geistig – hat mich erfüllt. Daher wollte ich anschließend eine Ausbildung zum Krankenpfleger in Berlin machen, bin aber noch in der Probezeit vor die Tür gesetzt worden. Ich würde viel zu viel Zeit mit den Patienten im Gebet und Gespräch verbringen und solle das mit dem Krankenpfleger lieber vergessen. Ich könne ja Seelsorger werden.
Nun ja. Ein bisschen hat es noch gedauert, aber einige Priester des Erzbistums Berlin haben mich ermutigt, mich auf den Weg zu machen und verschiedene Ordensgemeinschaften und Hochschulen im deutschen Sprachraum zu besuchen. Vielleicht könnte ich ja erst einmal Religionspädagogik oder Soziale Arbeit studieren.
Nach einigen Kurzbesuchen bei den Dominikanern und in Paderborn wollte ich für ein bis zwei Wochen die große Zisterzienserabtei Stift Heiligenkreuz bei Wien besuchen, weil es dort sowohl ein Kloster als auch eine „freie“ Hochschule gibt. Die Gemeinschaft, die Musik, die Atmosphäre eines seit 1133 belebten Klosters, die spürbare Präsenz Gottes sowie die moderne, päpstliche Hochschule Benedikt XVI. beeindruckten mich sehr.
Beim lateinischen Chorgebet, beim Niederknien vor dem Kreuz Jesu und bei der stillen Bibellesung hörte ich immer wieder – und wie nie zuvor in meinem Leben – die Stimme Jesu: „Folge mir nach! Verlass deine Heimat! Komm und diene mir hier!“ Kurz darauf sprach ich mit dem Abt des Stifts Heiligenkreuz, der mir die Chance eröffnete, Kandidat und Student im Stift Heiligenkreuz zu werden. Ein großes Abenteuer begann. Schon bald durfte ich ein Zimmer im Kloster beziehen, im Mönchschor mitsingen, in der Bibliothek mithelfen und Theologie studieren.
Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt und hatte natürlich keinen Schimmer, dass ich nur wenig später wieder in Brandenburg landen würde, gerade einmal eine gute Stunde von meiner alten Heimat Senftenberg entfernt. Richtig begeistert war ich zunächst nicht, aber Bischof Ipolt von Görlitz hatte Heiligenkreuz besucht und unseren Abt überzeugt: In Neuzelle sollten wieder Zisterzienser wirken und arbeiten.
Das alte Kloster dort war vor über 200 Jahren geschlossen worden, aber es sei an der Zeit, in einer der kirchenfernsten Gegenden Deutschlands einen Neustart zu wagen. Wir Zisterzienser haben seit Gründung unseres Ordens vor mehr als 925 Jahren immer wieder Aufbruch und Aufbau gelebt. Ein solcher Neuanfang, gerade an einem historischen Klosterstandort wie Neuzelle, schien durchaus passend. Ein bisschen hin und her ging es dann noch, aber schließlich war es so weit: Mit fünf weiteren Mitbrüdern – alles Wessis – haben wir 2018 Neuzelle als abhängiges Priorat, also eine Art Filiale von Heiligenkreuz, gegründet.
Bis die Bedingungen für eine wirkliche Unabhängigkeit vom Mutterkloster gegeben sind, wird es möglicherweise noch etwas dauern, aber der Grundstock ist gelegt. Jeder von uns hat seine eigenen Aufgaben im Team. Ich bin für die Gästebetreuung zuständig und für die Führungen durch die beeindruckende Stiftskirche. Hinzu kommt die Verantwortung für den Aufbau der klostereigenen Bibliothek. In einer nahegelegenen Sozialeinrichtung wirke ich aber auch bei der Betreuung von Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen mit – einer Tätigkeit, der ich seit meiner Zeit in der Ukraine sehr gerne nachgehe. Weil ich sehr viel unterwegs bin, halten meine Mitbrüder den schwarzen Aktenkoffer für meinen charakteristischen Begleiter.
Die Neuzeller Kirche kannte ich so, wie sie viele von Ausflügen kennen. Als Kind war ich schon öfter hier gewesen – ein spannender, wunderschöner Bau, der über viele Jahrhunderte von den Baustilen her verfeinert und ergänzt wurde. Von der wechselvollen Klostergeschichte hatte ich aber (vermutlich ebenso wie die meisten Besucherinnen und Besucher) kaum eine Vorstellung.
Markgraf Heinrich der Erlauchte hat das Kloster 1268 gestiftet. Die Mönche kamen aus dem Kloster Altzella bei Meißen, daher der Name Neuzelle. Der Bau der großen Hallenkirche mit Westturm zog sich knapp 100 Jahre hin und war um 1350 abgeschlossen. Bereits wenig später erlebte das junge Kloster seine erste große Krise: Die Hussiten überfielen 1429 Neuzelle, brannten den Großteil der Gebäude nieder und ermordeten bzw. verschleppten die Mönche. Das Kloster wurde wieder aufgebaut und blieb in der Reformation im 16. Jahrhundert als einziges Kloster weit und breit katholisch.
Ein ostdeutscher Mönch berichtet über sein Leben im Kloster Neuzelle* Das Kloster Neuzelle ist ein ehemaliges Zisterzienserkloster im Landkreis Oder-Spree im Osten Brandenburgs. Die dortigen Mönche sind teilweise erst Anfang zwanzig.
© Dante Busquets
Freundschaftlich und im Geist der Ökumene
Nach der Reformation orientierte sich Neuzelle an den Klöstern der böhmischen Krone; die Mönche des Klosters studierten in Prag und Breslau. Baulich bedeutete diese Entwicklung die Verbindung der gotischen Basis mit starken Elementen des Barock. Höhepunkt der Barockisierung war 1741 die Weihe des neuen Hochaltars. Auch durch den Schutz der Wettiner hat das Kloster die napoleonischen Kriege noch überstanden; nicht überstanden hat es dann aber die Preußen.
Beim Wiener Kongress 1815 übernahmen sie die Niederlausitz von Sachsen. Entgegen der vertraglichen Vereinbarung wurde das Kloster im Februar 1817 zwangsaufgehoben. Die 33 verbliebenen Zisterzienser mussten gehen, die Klostergebäude wurden ein Lehrerseminar. Die Kreuzkirche übernahm 1818 die evangelische Gemeinde, und die barocke Stiftskirche wurde katholische Pfarrkirche. Beide Gemeinden arbeiten heute freundschaftlich und im Geist der Ökumene zusammen.
Die Rechtslage ist damit klar: Der gesamte Grundbesitz des früheren Klosters inklusive der Kirchen ist Eigentum der 1996 vom Land Brandenburg errichteten Stiftung Stift Neuzelle. Sie verwaltet das gesamte frühere Grundvermögen der Zisterzienser, ist aber natürlich keine religiöse Stiftung. Der klösterliche Hintergrund mag sich für die touristische Vermarktung eignen, mehr nicht.
Verschiedene Einrichtungen – Schulen, Museen etc. – nutzen heute die früheren Klosterräumlichkeiten. Der beeindruckende Barockgarten ist zu Recht weithin bekannt und ein Besuchsziel. Aber als wir 2018 aus dem Wienerwald nach Neuzelle kamen und die Seelsorge an der Stiftskirche übernahmen, konnten wir lediglich als Mieter das dazugehörige Pfarrhaus beziehen. Selbstverständlich akzeptieren wir ohne Einschränkung die Rechtslage, aber die sich daraus ergebende räumliche Enge wurde ein immer größeres Problem.
Junge Männer, die sich uns in der Folgezeit anschlossen, und andere Gäste mussten ein Zimmer im Ort anmieten, einen Wohnwagen beziehen oder wurden gastfreundlich im evangelischen Pfarrhaus aufgenommen. Im Pfarrhaus ist für klösterliches Leben einfach kein Platz. Wir Mönche brauchen und erwarten nicht viel, aber Ruhe und Räume für das Leben als Klostergemeinschaft sind essenziell. Bei aller Aufgeschlossenheit und Unterstützung der Einwohner finden wir das in Neuzelle nicht.
Natürlich sind auch das religiöse Leben und die Situation der Kirchen im Jahre 2026 im Süden von Brandenburg eine Herausforderung. Vermutlich ist das auch der Grund dafür, dass Bischof Ipolt sich mit dieser Aufgabe der Seelsorge in Neuzelle an das Stift Heiligenkreuz gewandt hat. Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie, dass in unmittelbarer Nachbarschaft zu Neuzelle, dem jahrhundertelangen geistlichen Mittelpunkt der wenigen Katholiken in der Region, die DDR versucht hat, mit der auf dem Reißbrett entworfenen Planstadt Eisenhüttenstadt die erste Stadt zu errichten, in der es keinerlei Kirchengebäude oder Bezug auf Gott geben durfte.
Ein ostdeutscher Mönch berichtet über sein Leben im Kloster Neuzelle* Das Kloster Neuzelle ist ein ehemaliges Zisterzienserkloster im Landkreis Oder-Spree im Osten Brandenburgs. Die dortigen Mönche sind teilweise erst Anfang zwanzig.
© Dante Busquets
Die Kirche verändert sich seit Jahrhunderten
Auch Eisenhüttenstadt gehört zu unserem seelsorglichen Gebiet. Das Interesse an Glaube und Kirche ist vorhanden und wächst, aber die Erfahrung, die andere Regionen Deutschlands in den nächsten Jahren erst noch machen werden, nämlich als überzeugte Christen eine kleine Minderheit in der Gesellschaft zu sein, diese Erfahrung machen wir und die anderen klösterlichen Gemeinschaften auf dem Gebiet der früheren DDR natürlich – für mich als Brandenburger ist das nichts Neues. Wir stellen uns dieser Herausforderung. Die Kirche verändert sich seit Jahrhunderten und wird sich weiter ändern. Wer glaubt, darf nicht pessimistisch sein.
Die räumliche Situation allerdings musste und muss schnell geändert werden. Uns war sehr schnell klar, dass wir eine räumliche Alternative zu der vereinzelten Unterbringung im Ort brauchten. Wir sind sehr froh, dass wir 2023 in Treppeln, einem nahegelegenen Dorf, einen aufgegebenen, renovierungsbedürftigen Bauernhof erwerben konnten. Das höchste Kaufangebot konnten wir nicht abgeben, aber der Erbengemeinschaft hat unser Projekt gefallen, und so bekamen wir den Zuschlag. Dort entsteht nun der „Bernhardshof“, benannt nach Bernhard von Clairvaux, der im 12. Jahrhundert einer der charismatischsten Zisterzienser war.
Die Scheune wird zur Kapelle; es gibt Gemeinschaftsräume, Zimmer für 14 Mönche, Gästezimmer und einen Kreuzgang. Von Anfang an sind wir in Treppeln großartig aufgenommen worden und konnten mit vielen Arbeitseinsätzen von Freunden, Nachbarn und uns Mönchen eine Menge selbst zum Baufortschritt beitragen. In einigen Monaten werden wir den Bernhardshof beziehen. Wir freuen uns sehr, dass wir dann wirklich als Gemeinschaft leben können – für Menschen, die sich bewusst für ein Kloster entschieden haben, ist das unverzichtbar.
Die Verbundenheit zur Pfarrkirche in Neuzelle und die seelsorgliche Verantwortung für die Gemeinde dort werden bleiben, aber der Mittelpunkt des Klosterlebens wird schon sehr bald der Bernhardshof in Treppeln sein. Und das ist gut so! Auch der Bernhardshof soll und wird allerdings nur eine Zwischenetappe darstellen. Als Ordensleute glauben wir, dass Gott mit uns in Neuzelle noch Großes vorhat.
Es soll ein neues Kloster „Maria Friedenshort“ entstehen. Zu dem Dorf Treppeln gehört nämlich auch ein Waldareal, in dem die Stasi ein „konspiratives Objekt“ als „Kurheim“ betrieben hatte. Nach langen Verhandlungen sind wir Zisterzienser inzwischen Eigentümer des Areals. Auf einer solchen Fläche ein der Gottesmutter Maria geweihtes Kloster zu errichten – das mag leicht verrückt klingen. Aber das hat uns Zisterzienser noch nie gescheut.
Derzeit freuen wir uns erst mal darüber, dass unsere Gemeinschaft in Neuzelle beachtlich wächst. Im August letzten Jahres hat zum ersten Mal seit mehr als 200 Jahren wieder ein junger Mann (aus Mecklenburg-Vorpommern) die ewige Profess abgelegt, das heißt, sich nach Jahren der Prüfung bis zum Tod an unser Kloster gebunden. Ein Novize und ein Kandidat werden in Heiligenkreuz ausgebildet; zwei weitere junge Männer prüfen als Kandidaten bei uns, ob sie den Schritt zur Mitgliedschaft bei uns gehen wollen und das Noviziat beginnen.
Es ist kein Geheimnis, dass Klöster in unserer Zeit eher schrumpfen oder sogar schließen. Wir empfinden es als eine besondere Gnade, dass junge Männer bei uns die Berufung zum Ordensleben prüfen und den Schritt in ein Leben wagen, das Selbstverwirklichung im Dienen sieht. Es ist eine junge Gemeinschaft: Nur einer von uns Neuzeller Mönchen ist älter als 50.
Die Niederlausitz hat sich wie viele andere Gegenden auch weitgehend von Kirche und Religion entfremdet. In vielen Familien gibt es seit zwei oder drei Generationen niemanden mehr, der gläubig ist und Glaubenspraxis vermittelt. Aber Interesse an dem, was Kirche und Glauben ausmacht, ist vorhanden und scheint wieder zu wachsen.
Es gilt, für dieses Interesse auch Angebote zu schaffen und die Menschen zu erreichen. Wir haben von Beginn an sehr auf digitale Vermittlung und Kommunikation gesetzt. Gottesdienste, Gebete und geistliche Angebote kann man auch mit einer Netzgemeinde gestalten. Wir produzieren Podcasts zu vielen Themen und sind im TV, auf YouTube und Instagram präsent. Auch wenn die Zahl der Gläubigen in der Region Neuzelle zahlenmäßig nicht groß ist, erreichen wir über Social Media inzwischen Tausende in ganz Deutschland und auch im Ausland. Die Reichweite unserer geistlichen Angebote wächst stetig.
Als Ordensleute glauben wir, dass es nicht alleine an uns liegt, wie die Zukunft aussieht. Wir sind dankbar für die vielen Menschen, die uns helfen und tatkräftig unterstützen, für den Freundeskreis und die Ordensschwestern, die ebenfalls in Neuzelle wirken. Wir glauben, dass unsere Zukunft, unser Wirken in Gottes Hand sind. Die Geschichte der Zisterzienser in Neuzelle ist seit acht Jahrhunderten spannend und wechselvoll. Nun schreiben wir das nächste Kapitel. Ich bin froh und dankbar, daran mitzuschreiben.
[email protected], www.mariafriedenshort.de
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