Im Weißen Haus wird wieder einmal ein Schurkenstück gegeben

Im Spiel um die Macht gibt es keine Ehre

Olivia Schoeller
3 Min

In den täglichen Pressekonferenzen des Weißen Hauses geht es meist recht zivilisiert zu. Selten wird es laut oder unhöflich. Dass es nun doch laut und unhöflich wurde, liegt an einer unerhörten Situation: Erstmals in der Präsidentschaft von George W. Bush ist sein umstrittener Berater, Karl Rove, der Architekt von Bushs Erfolg, verwundbar geworden. Wie das Nachrichtenmagazin Newsweek berichtet, soll Rove die Identität einer CIA-Agentin bekannt gegeben haben, was in den USA als Verrat gelten kann. Doch die Betroffene, Valerie Plame, war nicht nur Undercover-Agentin des Auslandsgeheimdienstes, sie ist auch die Frau des ehemaligen Diplomaten Robert Wilson, der als einer der ersten die Behauptung der Bush-Regierung über Saddam Husseins Nuklear-Programm öffentlich in Zweifel stellte. Die Enttarnung seiner Frau hat nicht nur Wilson als eine Art Racheakt des Weißen Hauses gegen Kritiker empfunden.Seit die Bundespolizei FBI vor zwei Jahren in dem Fall ermittelt, hat das Weiße Haus mantrahaft alle Vorwürfe zurückgewiesen und vor allem die Beteiligung Roves verneint. Es sei "absurd" zu glauben, dass Rove mit dem Fall zu tun habe, hatte der Pressesprecher Scott McClellan damals gesagt. Bush zeigte sich entsetzt. Er wolle wissen, sagte der Präsident, wer im Weißen Haus geheime Informationen weitergebe. Bush drohte dem Täter damals auch mit der Entlassung und genau darauf wollen ihn nun Reporter und die oppositionellen Demokraten festlegen. Für die Demokraten wäre ein Rücktritt Roves, des stellvertretenden Stabschefs des Weißen Hauses, eine Genugtuung.Seit der Präsidentschaft Bushs hat Rove den Demokraten das Verlieren beigebracht. Zwei Jahre nach der Wahl des Republikaners Bush zum Präsidenten gelang es den Republikanern überraschenderweise auch den Kongress zu gewinnen - dank Karl Rove, der den Krieg gegen den Terror und nicht die stagnierende Wirtschaft zum Hauptthema der Zwischenwahl machte. Zwei weitere Jahre später wurde Bush - dank Rove und seinen Bemühungen das wertekonservative Amerika an die Urnen zu locken - als Präsident wiedergewählt. Für die Liberalen ist Rove, der Mann, der die Träume einer Kerry-Präsidentschaft durchkreuzt hat und damit ein rotes Tuch. Seinen Niedergang würden sie - wie seiner Zeit die Abdankung von Richard Nixon im Watergate-Skandal - mit Champagner begießen.Doch Wilsongate ist noch nicht Watergate. Bushs Weißes Haus agiert intelligenter als Nixons Weißes Haus. Man fühlt sich stärker an Clintons Lewinsky-Skandal erinnert, als es darum ging, den Begriff "Sex" zu definieren. Im Fall Rove benutzt das Weiße Haus heute eine ähnliche Taktik der verbalen Haarspalterei. Rove hat zwar die Familienverhältnisse der CIA-Agentin veröffentlicht, und damit eigentlich jedem der ein wenig recherchieren wollte, auch ihre Identität preis gegeben. Doch offiziell hat er ihren Namen nicht genannt. Ist das nun ein Verbrechen oder nicht?Für Bush ist es in jedem Fall eine peinliche Situation. Hatte sich der Präsident stets damit gebrüstet, dem Weißen Haus nach den Clinton-Jahren die Würde zurückgeben zu wollen, so beweist der Fall Rove erneut, dass es im Spiel um die Macht keine Ehre gibt. Verbrechen oder nicht, das Weiße Haus hat sich moralisch falsch verhalten und sollte Konsequenzen ziehen.Doch die Stimmung unter den Moralisten ist durch den Kampf um die Zukunft des Obersten Gerichtshofes derart angespannt, dass man den Fall Rove als "linke Propaganda" abtut und sich keine Niederlage leisten wird. Wenn die Beweise gegen Rove so dürftig bleiben wie jetzt, werden vermutlich selbst die wertekonservativen Hüter der Moral nicht nach Roves Rücktritt rufen.

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