Im Wiegeschritt

Christoph Schultheis
3 Min

Es ist 21.45 Uhr. Am unteren Bildschirmrand laufen die Schlagzeilen des Tages über die Mattscheibe, es didelt die dazugehörige Erkennungsmelodie, und im Studio - die Kamera zeigt es - stehen links ein adrett gekleideter Mann und links von ihm eine attraktive Frau am lang gestreckten Moderationspult. Der Mann im dunkelblauen Anzug deutet mit den Armen eine ausladende Bewegung an, dann macht er eine dieser Motivationsgesten, die Hand zur Faust geballt, in Bauchhöhe vom Körper weg, man kennt das. Es werden Manschetten gerichtet, Papiere neu geordnet, die Mikros sind noch aus - und wer nicht auf die Schlagzeilen am Bildrand schaut, schaut nun fast unwillkürlich auf den Mann am Pult, der in wenigen Sekunden gut gelaunt die Zuschauer willkommen heißen wird.Natürlich muss man Claus Kleber mögen, grundsätzlich mögen, seinen Zugang zur Berichterstattung, die der Begrüßung folgt, ihre gemächliche Gangart. Wer lieber auf Freundlichkeit und Wärme bei der Nachrichtenvermittlung verzichtet, wer schnell ist beim Denken oder Zappen (oder einfach nur gerne Anne Will anschaut), hat abends um 21.45 Uhr ohnehin Besseres zu tun als das "heute-journal" einzuschalten. Als Kleber am 2. Februar sein erstes "journal" moderierte, war danach überall nachzulesen, wie professionell sein Einstand gewesen sei, wie tadellos Scheitel und Krawatte saßen, und dass die Quote seiner Debütsendung gar um ein paar Zehntelprozent über dem Durchschnitt gelegen habe. Selbst die FAZ, die sich zunächst öffentlich verweigerte und partout nicht Kopf- und Sitzhaltung beurteilen wollte, attestiert Klebers Moderationen inzwischen beiläufig "einen eigenen, unverwechselbaren Rhythmus". Falsche FährtenUnd tatsächlich: Claus Kleber spricht Walzer - wenn man genau hinhört jedenfalls. Und wenn man genau hinschaut, sieht man ihn selbst beim Sprechen immer wieder auf die Fußspitzen wippen. Dabei ist Kleber ein ausgesprochener Silbenbetoner, ein Sprechpausenmacher und ein Mann der falschen Fährten. Alles zusammen geht dann so: "Donald Rums-feld ist nach Bag-dad gereist. Zu einem ge-hei-men Treffen mit Sad-dam Hus-sein. Die beiden sprachen über ge-mein-same Interessen und setzten sich für eng-ere Beziehungen zwischen Wash-ington und Bag-dad ein. - (Pause) - Diese Meldung ist 20 Jahre alt", sagte Kleber kürzlich als Einstieg in die Nachricht von Rumsfelds jüngstem Irak-Besuch. Die gelegentliche Schmallippigkeit der Kollegin Slomka und das latente Auskennertum des Kollegen Siegloch sind Kleber fremd. Bei ihm erinnern nicht nur die Tränensäcke an Wolf von Lojewski, seinen Vorgänger. Und es scheint, als sei die Sendung durch Kleber magaziniger, noch magaziniger, geworden. Da ist dann auch schon mal Platz für einen ausführlichen Programmhinweis auf die neue "Lesen"-Sendung von Elke Heidenreich (im ZDF natürlich), für einen Beitrag zum zehnten Geburtstag des World Wide Web, für ein langes Interview mit Marcel Reich-Ranicki oder eine Minireportage über die neuen Glocken der Dresdner Frauenkirche.Informiert fühlt man sich hernach trotzdem. Und wenn nicht, schaut man halt woanders - und verpasst zum Beispiel dies: Am Mittwoch, die Sendung war zu Ende, das Mikro bereits ausgeschaltet, machte Kleber eine etwas ungelenke Bewegung mit dem rechten Arm hinters "journal"-Tischchen, holte eine langstielige, weiße Rose hervor und reichte sie etwas umständlich an seine Nachrichtensprecherin Gundula Gause. Warum auch nicht? Die Kollegin hatte schließlich Geburtstag.Man muss Claus Kleber einfach mögen. Irgendwie.BLZ/WÄCHTER Viel Taktgefühl: ZDF-Mann Claus Kleber.

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