Im Wohnheim am Kladower Damm leben rund 350 Flüchtlinge aus dem verwüsteten Bosnien

Die Angst vor der Abschiebung geht um

Lennart Paul
4 Min

Unsicherheit und Angst machen sich bei den bosnischen Flüchtlingen im Wohnheim Kladower Damm breit. Sie fürchten die Abschiebung in ihre Heimat, die ab April kommenden Jahres beginnen kann."Blaue Lagune" wird das 1990 für Übersiedler errichtete Heim am Kladower Damm 290 genannt. 592 Menschen finden hier Unterkunft. Zur Zeit wohnen 537 Kriegsflüchtlinge, Asylbewerber und in Deutschland Geduldete in den acht hellblau gestrichenen und mit roten Ziegeln gedeckten Gebäuden. Sie alle sind in der "Blauen Lagune" gestrandet, leben auf den ihnen gesetzlich zustehenden sechs Quadratmetern, jeweils zu zweit in einem Zimmer. Zwei Drittel der Bewohner stammen aus Bosnien. Das Heim gibt ein Miniaturabbild des balkanischen Völkergemischs: Serben, Muslime, Kroaten, Roma und Kosovo-Albaner leben hier unter einem Dach. "Das funktioniert gut", sagt der Heimleiter Wolfgang Bünsow, "nur manchmal droht ein Bosnier damit auszuziehen, wenn wir ihm einen Albaner ins Zimmer legen wollen.""Wir haben jahrzehntelang so gut zusammengelebt", sagt die Dolmetscherin für Serbokroatisch, Vlasta Celar-Kappner, "es gab kaum Unterschiede zwischen den Völkern. Sie beugt sich über ihren Schreibtisch nach vorn und sagt: "Die kleinen Leute trifft keine Schuld am Krieg. Der wurde von oben angezettelt."Aber die kleinen Leute mußten fliehen. Und jetzt eint sie die Angst vor der Abschiebung. ehra Jugovic hat sich ihre alte Heimat wieder angesehen. Die Muslimin machte eine "Schnupperreise" mit, eine jener von Deutschland finanzierten Werbefahrten, die den Bosniern ihr Land schmackhaft machen sollen. Aus Srebrenica stammt sie, "aber dort ist nichts mehr wie früher. Und es wird nie wieder so sein." Vor dem Krieg ging es den Jugovics gut, sie besaßen drei Häuser. Jetzt sind alle zerstört. Srebrenica ist fest in serbischer Hand, dorthin führt für Familie Jugovic im Moment kein Weg. Trotzdem schwankt ehra Jugovic, wenn sie an die Möglichkeit der Rückkehr nach Bosnien denkt: "Ich hätte Angst, daß wieder Krieg kommt. Aber hier sitzen wir nur und warten."Die Bosnierin kam mit zwei Schwestern und ihrer Tochter Mirnesa nach Berlin. ehras Mann ist seit dem Juli 1995 verschollen. "Damals war mein Vater Soldat", erzählt die zehnjährige Mirnesa in akzentfreiem Deutsch, "in einem Wald kam ein Serbe und schoß. Da flohen alle in verschiedene Richtungen." Mirnesas Bett steht am Fenster. Neben ihr schlafen ihre Mutter und eine ihrer Tanten. Das Mädchen hat sich ein Stück eigenes Zimmer geschaffen, mit einem Pferdeposter und den Backstreet Boys an der Wand über ihrem Kopfende. Mirnesa geht in die vierte Klasse der Kladower Grundschule Am Ritterfeld. Sie hat Freundinnen gefunden, die sie auch in der "Blauen Lagune" besuchen. Doch sie sehnt sich auch nach ihrem alten Leben in Bosnien. Die Worte ihrer Mutter übersetzt sie nahezu simultan ins Deutsche: "Wir würden sofort zurückgehen, wenn mein Mann wieder auftaucht. Aber so können wir dort nicht leben. Wir wissen nicht, was wir tun sollen."Dane Banovic stammt aus Gorazde. Als Serbe gehörte er dort zur Minderheit. "Plötzlich war der Haß da", sagt er, "wir hatten gesehen, was in anderen Teilen Jugoslawiens daraus entstanden ist, und wußten, was auf uns zukam." Mit seinen Eltern und seinem Bruder floh er nach Serbien. Doch dort habe es zu viele Flüchtlinge gegeben, außerdem habe er Vorladungen zum Militär erhalten. Dane und sein Bruder gingen nach Deutschland. Seit März 1994 lebt der 22jährige nun in Berlin, seit zwei Jahren in Spandau. Zurück in seine Heimat will er nicht: "Ich traue dem Frieden nicht." Ins muslimische Gorazde könne er ohnehin nicht gehen. Außerdem stehe in seinem Paß bloß, daß er Bosnier sei - das könne in Serbien Schwierigkeiten machen. Bis jetzt kann er sich gar nicht vorstellen, abgeschoben zu werden. Aber er hat ein schlechtes Zeichen ausgemacht: "Früher gab es eine Duldung für ein halbes Jahr. Jetzt werden meine Papiere nur noch um ein oder zwei Monate verlängert."Dane Banovic hat in Deutschland drei Anträge auf Arbeitserlaubnis gestellt - vergeblich. In Gorazde fehlte ihm noch ein Jahr zum ausgebildeten Maschinentechniker. Er konnte die Berufsschule nicht beenden. Dane verbringt viel Zeit in seinem Zimmer. Er sitzt auf der Couch unter dem New-York-Poster, lernt Deutsch oder spielt Gitarre. Was würde er machen, wenn ihm alle Möglichkeiten offenständen? Er schüttelt den Kopf, will nicht anfangen zu träumen: "Ich kann nicht machen, was ich will." Nach einer Pause sagt er: "Nach Kanada gehen. Oder in die USA. Dort würde ich jede Arbeit annehmen." +++

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