Im Ziehbrunnen in Mahlsdorf

Renate Rauch
4 Min

Kürzlich stand an dieser Stelle der Bericht über einen Besuch im Paprikant, das das einzige ungarische Restaurant der Stadt sei. Postwendend trafen Leserbriefe ein. Eine Fan-Gemeinde war offensichtlich in tiefster Seele getroffen, gibt es den Ziehbrunnen doch schon fast zwölf Jahre.Mit einem Klick ins Internet hätten wir Bescheid gewusst: "Das traditionelle Landgasthaus der ungarischen Tiefebene, die Csarda, hat im idyllischen 650-jährigen Mahlsdorf am Rande der Hauptstadt Berlin eine neue Heimat gefunden." Klingt, als hätten die Ungarn ihre ländliche Gastlichkeit längst ausgerottet, und in Mahlsdorf sind die Retter vor Ort."Da meine Frau und ich selbst dem Charme Ungarns verfallen sind, wollen wir uns mit unserem Gasthof einen Traum erfüllen und auch andere Leute am ungarischen Flair teilhaben lassen", schreiben die begeisterten Traditionsbewahrer Gabriele & Wilfried Rogowski auf ihrer Homepage, und der Name "des uralten Ziehbrunnens der Puszta, des Gémeskút", bewahre "ein Stück überlieferter Hirtenkultur Ungarns". Ein Vororthaus wurde zu einem Hotel mit 36 Betten umgebaut, eine Art Wintergarten als Gastraum davor gesetzt, ein Ziehbrunnen im Vorgarten platziert. Das alles haben wir ignoriert. Wir bitten demütigst um Verzeihung.Die Puszta von Mahlsdorf also. Aus den Fenstern des Gastraumes am Hultschiner Damm blickt man tatsächlich ins Offene, über eine große Wiese, an deren Saum Einfamilienhäuschen aus dem Grünen grüßen. Hin und wieder rauscht eine nachtblaue Straßenbahn vor dem Fenster vorbei und durchschneidet die Aussicht. Drinnen wird das gesamte Repertoire des rustikalen Ambiente aufgefahren, der obligatorische folkloristische Zierrat: Paprikaketten und Knoblauchzöpfe hängen von der Decke, rot-weiße Webdecken liegen auf den Tischen, Tonkrüge, Hirtentrinkflaschen, Wagenrad schmücken die Wände, und die schwarze Weste des Kellners ist mit bunten Blumen bestickt. Er selbst allerdings war auch durch ungarische Ansprache, derer der Begleiter mächtig ist, nicht zu volkstümlichen Darbietungen zu bewegen, er reagierte beinahe maulfaul.Die Speisekarte enthält viele Positionen "nach Art", Schweinesteak Bakonyi-Art, Schweinegeschnetzeltes nach Debreceni-Art, Hühnergeschnetzeltes nach Nyirseg-Art ., was immer das zu bedeuten hat. Wir hoffen, nein, nachdem wir gespeist haben, sind wir überzeugt, es ist weder Analogfleisch noch Synthetikfisch. Der Koch, so wird versichert, sei original ungarisch, vielleicht heißt "nach Art" ja auch nur: für Deutsche nicht so scharf. Scharfer Paprika zum Nachwürzen wird extra gereicht.Die Karte ist zu lang, als dass man alles probieren könnte, zu lang auch, als dass alles immer frisch zubereitet sein dürfte, was aber nicht immer ein Nachteil ist. Dem Kesselgulasch, der stundenlang überm Feuer köcheln muss, bekommt das natürlich bestens. Er erwies sich als das schönste Beispiel überlieferter Hirtenkultur Ungarns auf Mahlsdorfer Boden. Das Fleisch war so zart, als hätten die Magyaren in der Puszta es unterm Sattel weich geritten. Es war ein Fehler, nur die kleine Portion zu nehmen (Tasse 3,40 Euro, Kessel 6,40 Euro), aber wir wollten ja noch mehr probieren, zum Beispiel die Szegediner Fischsuppe.Eine Fischsuppe ist immer eine heikle Angelegenheit. Erstens ist sie sowieso Ansichtssache wie keine andere Suppe sonst, zweitens ist sie Vertrauenssache, vor allem, wenn sie püriert ist. Dem Kesselgulasch konnte sie jedenfalls nicht das Wasser reichen. Und das Balaton-Welsfilet (13,80 Euro) ließ gar den Verdacht aufkommen, es könnte aus der Truhe mit den Halbfertiggerichten stammen, so konfektioniert schmeckte seine Mandelpanade.Den Fisch wiederum übertrumpfte der in Rotwein geschmorte Lammbraten (auf der Rechnung erscheint er als 1 Schaf Rotwein - 12,40 Euro) um Längen. Das war Hausmannskost für den Feiertag, langsam geschmort und gut gewürzt, nur die Serviettenknödel fielen ab in ihrer Altbackenheit. Man konnte sie aber ohne Not weglassen, die Fleischportion war groß genug, um einen Mann vor dem Hungertod zu retten, der die ungarische Tiefebene ohne Wegzehrung durchwandert hat. Vom Alexanderplatz aus ist man aber in einer halben Stunde dort, am Ziehbrunnen.------------------------------Zum ZiehbrunnenAdresse: Hultschiner Damm 23612623 BerlinTelefon: 56 54 75 11Geöffnet: tägl. 11.30 - 23 UhrKreditkarten: alle außer American Express

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