Es geschieht keineswegs aus dem Wunsche, unsere Person in den Vordergrund zu schieben, wenn wir hier unserer Verblüffung Ausdruck verleihen: Die Sache hat durchaus gezündet. Das war nach der ermüdenden Lektüre der Stückfassung von Regisseur Stefan Bachmann und Dramaturgin Carmen Wolfram nicht zu erwarten. Ganze 28 Druckseiten haben sie Thomas Manns tausendseitigem "Zauberberg" abgepresst. Beim Besichtigen der Inszenierung hat sich indes erwiesen, dass die Verzwergung dem Theater meistenteils zum Segen gereichte.Denn Bachmann hat es verstanden, dem "raunenden Beschwörer des Imperfekts" zu widerstehen - er hat mit der ausführlichen Gründlichkeit von Mann nicht den Wettstreit gesucht, sondern sich mutig ins Bühnenmögliche gestürzt. Mutig, weil gerade jene Romanpassagen ausgelassen wurden, die nach theatralischer Umsetzung gieren. Auf die Mynheer Peeperkorn wird ebenso verzichtet wie auf das Duell zwischen dem Jesuiten Naphta und dem Freidenker Settembrini, ausladende Mahlzeiten im Bergsanatorium finden nicht statt, Clawdia Chauchat geistert nur durch wenige Szenen. Sechs Schauspieler und knapp zwei Stunden braucht Bachmann für seine Geschichte des jungen Hans Castorp, der von Hamburg nach Davos-Platz ins Graubündische reist, um drei Wochen bei seinem febrilen Vetter Ziemßen zu bleiben. Entstanden ist eine Séance, die nicht in die Breite und Tiefe erzählt, sondern von der Eigentümlichkeit unseres Zeitorgans.Es beginnt mit leisem, ungnädigen Ticken. Oben, über das im Stile des Zuschauerraumes gestaltete Bühnenportal, ist eine pochende Digitaluhr angeheftet. Und auf der Drehbühne liegen die Sanatoriumsinsassen auf ihren Liegestühlen im Schnee. Acht Minuten vergehen, zehn, elf. Im Publikum regt sich Unruhe. Dann richtet Marek Harloff sein Haupt in den Schneefall: "Ich bin seit langer Zeit hier oben." Die Liegenden erheben sich, treten mit umwölkten Trauerweitblicken an die Rampe und Bühnenarbeiter räumen die Lagerstätten nach vorn. Eine gewisse Blödigkeit beherrscht den Kreis. Sie betten sich und Ronald Kukulies setzt in trockenem Erzählton auseinander, wie das Deckeneinwickeln vonstatten zu gehen habe. Im Hintergrund tritt jetzt Hans Castorp in den Schnee. Auf drei Wochen wolle er bleiben.Er wird immer wieder ankommen und Marek Harloff also stets aufs Neue seine schnarrend kipplige, für die Figur Castorps wundersam passfertige Stimme denselben Ankunftssätzen widmen. Dem Abend wird so eine wunderlich strudelnde Rondo-Struktur aus Wiederholungen, Modulationen, Variationen über dasselbe Thema geschenkt. Die Frage nach der Zeit mutiert dabei unversehens zur Frage nach dem "Mondscheingespinst" namens Seele. Der feinen Ironie ist es dabei zu danken, dass die handlungsarme Veranstaltung erstaunlich kurzweilig ist. Kukulies rät als Settembrini dem Neuangekommenen Castorp, schnellstmöglich wieder ins Flachland abzureisen und Anja Schneider echauffiert sich, er sei selber aus Angst vor dem Sterben nicht zum Fortschrittskongress nach Barcelona gefahren; für einen kernigen Satz ist sie die störrisch dumme Frau Stöhr. Dass sie auch die schöne Chauchat ist und lange ihren Castorp küsst, Kukulies dagegen später zugleich zum Assistenzarzt Dr. Krokowski wird, wenn sie alle den Geist Holger beschwören - dass also die Figuren zu lauter verwischten Persönlichkeiten werden, ist im Einzelfall zwar nicht immer überzeugend, als Prinzip aber einleuchtend: Die Sanatoriumsgesellschaft aus "reichen Genießern und Tagedieben" löscht die Unterschiede aus, aber alle sind sie Hofrat Behrens, der leitende Arzt bei "Denen dort oben". Auf diesem Zauberberg herrscht eine so lustvoll moribunde Stimmung, dass er fast zum Komödienhügel wird. Ruth Reinecke erzählt von dem schrecklichen "Pleurachock", dem sich Herr Ferge unterziehen musste, es ist herrlich komisch. Gunnar Teuber im goldenen Schlafgewand will als Ziemßen abreisen, und es ist wunderbar albern. Zumal die wiederholten Sätze Running-Gag-Qualitäten besitzen: "Immer schön die Quecksilberzigarre ins Gesicht gesteckt! Messen kann nie was schaden."Dass Miguel Abrantes Ostrowski seinen Penis vorführt, wenn er als Herr Albin von seinem "gefährlichen Revolver" erzählt; dass Castorp träumend seine eigene Geburt erlebt und unter "Lohengrin"-Gedonner nackt in den Schnee plumpst - das sind, wie es bei Thomas Mann heißt, nichts als "Aufpulverungsmethoden" im Dienste schaler "Augenblickserfolge". Der Abend betreibt hier eine einzig dem Knalleffekt gehorchende "Zeitbewirtschaftung" - und verliert sich in erstaunliche Unbeträchtlichkeiten. Castorps Ausflug ins Schneegebirge gerät entsprechend flachländisch plump: Harloff irrt mit rotem Schal und ältlichen Schneeschuhen über die leere Bühne, und aus dem Off rieseln die Romansätze herab.Zudem lässt die Inszenierung ziemlich bekümmert den Ausgang offen: Der Donnerschlag findet nicht statt. Bei Mann wird Castorp vom Krieg im Flachland heimgesucht, bei Bachmann werden die Anfangsszenen wiederholt. Das "Weltfest des Todes" kommt erst noch - oder hat längst angefangen.Wieder am 30.9. und 8..10., 20 Uhr.------------------------------Foto: Hans Castorp (Marek Harloff), Schnee und ein anderer Gast (Ruth Reinecke).
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