Immer mehr Haushalte machen sich unabhängig von den großen Energieversorgern. Die Vorreiter sind auf dem Land. Metropolen dagegen tun sich noch schwer

Selbst ist das Dorf

Till Schröder
6 Min

Dieser Markt kommt so ungreifbar daher wie seine Ware: Energie. Er wird von diesem chronisch mulmigen Gefühl begleitet, dass seine Ware immer knapper wird. Und seine Akteure erscheinen meist in der unpersönlichen Gestalt international tätiger Großkonzerne, Börsen und politischer Gremien. Die Tatsache, dass Deutschland 85 Prozent seines Erdgasbedarfs und 100 Prozent des Rohstoffs für Heizöl aus dem Ausland bezieht, macht die Situation noch unheimlicher. Deshalb ist es ja auch ein erklärtes Ziel des Gesetzgebers, die heimischen Haushalte weniger abhängig von Lieferanten aus fernen Kulturkreisen zu machen. Als allerdings vor zwei Wochen die europäische Kommission die "EU-Energiestrategie" verabschiedete, um die Versorgung "sicher und nachhaltig" zu machen, musste sie zerknirscht eingestehen, dass Europa in Zukunft eher noch mehr Energie importieren muss."Der Ruf nach Unabhängigkeit ist, abgesehen von Energie aus unserer Kohle, gleichbedeutend mit der Forderung nach regenerativer Energie", sagt Roger Corradini, Projektleiter der Forschungsstelle für Energiewirtschaft. "Denn eigenes Öl und Gas werden wir in Deutschland nicht finden." Dafür finden dank regenerativer Energien immer mehr Menschen dort einen Weg in die Unabhängigkeit, wo sie selbst Hand anlegen können: in ihrem Alltag. Die Zahl ambitionierter "Bioenergiedörfer", "energieautarker Dörfer und Regionen" explodiert geradezu. Das Grundprinzip ist immer ähnlich: Bürger investieren in eigene Kraftanlagen, schaffen Nahwärmenetze und melden sich von ihrem bisherigen Versorger ab. Den großen Anbietern wird allmählich klar, dass sie bei dieser "Dezentralisierung" nicht mehr mitspielen dürfen.Ein leuchtendes ostdeutsches Beispiel ist Feldheim, einem Ortsteil des brandenburgischen Treuenbrietzen. Die 43 Haushalte beziehen den meisten Strom aus eigenen Windmühlen, die die ansässige Energiequelle GmbH während der letzten zehn Jahre dort installierte. Die 160000 Liter Heizöl für die Heizungen benötigen die Feldheimer bald auch nicht mehr. Denn für Wärme sorgt neben Holzpelletöfen demnächst Biogas aus Schweinegülle. Der Rohstoff kommt aus den eigenen und benachbarten Ställen. Die Biogasanlage dafür "fährt" die ansässige Agrargenossenschaft gerade "ein", wie Thomas Roßner von Energiequelle das ausdrückt. Im Frühjahr sollen die Versorgungstrassen für Gas und Strom verlegt werden. "Dann ist Feldheim zu 100 Prozent unabhängig von E. on", sagt Roßner. "Begeistert waren die nicht."Die Erfolgsformel dieses 1,6 Millionen Euro teueren Projekts ist nicht die Technik, sondern das Engagement aller Feldheimer Bürger. Die Fördergelder der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und aus dem "REN-Programm" des Brandenburgischen Wirtschaftsministeriums zur Unterstützung erneuerbarer Energien reicht für die Investition nicht aus. Die Haushalte beteiligen sich mit jeweils 3000 Euro an dem Projekt. Dafür ist ihnen viele Jahre eine Versorgung zu günstigen Preisen sicher.Deutschlands erstes BioenergiedorfEnergiequelle und Agrargenossenschaft sind gleichzeitig die Arbeitgeber vor Ort. "Daraus ist über viele Jahre ein Vertrauen zu den Akteuren des Projektes gewachsen", sagt Roßner. Dieses Vertrauen muss sich der Bürgermeister für sein nächstes Vorhaben erst noch erarbeiten: Er will 500 Haushalte in Treuenbrietzen von der Unabhängigkeit zu überzeugen.Viel Reden stand auch am Anfang von Westdeutschlands leuchtendem Beispiel: Jühnde in Niedersachsen, "Deutschlands erstem Bioenergiedorf". Hier geht es ganz in der Tradition alternativer Bewegungen basisdemokratisch zu. Die Betreibergesellschaft, eine Genossenschaft, gründete sich 2004, ein Jahr später gingen die Biogas-Anlage und das Holzhackschnitzel-Heizwerk in Betrieb, die gut 70 Prozent der etwa 170 Haushalte mit Strom und Wärme versorgen. "Es war damals alles sehr freiwillig", erklärt Vorstandsmitglied Reinhard von Werder den Grund, warum nicht alle Jühnder mitmachen. Der Ölpreis war noch niedrig, die Macht der Gewohnheit groß. Inzwischen überzeugten die offensichtlichen Preisvorteile die letzten Skeptiker. "Nächstes Jahre werden wir wohl eine Anschlussdichte von 85 bis 90 Prozent haben", sagt von Werder. "Zu den verbleibenden Haushalten gehören Menschen im hohen Alter, die den Umbau scheuen."Unbesiegbares BrandenburgGute Aufklärung vor Ort und Vertrauen zu den Akteuren nennt auch von Werder als Schlüssel für den Weg in die Unabhängigkeit. Deshalb stellen auch die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe und das Bundeslandwirtschaftsministerium den Gewinnern des Wettbewerbs "Bioenergie-Regionen" ausschließlich für kommunikative Maßnahmen Preisgelder von bis zu 400000 Euro in Aussicht. Die 25 Gewinner sollen Anfang 2009 feststehen.Die vielen Wettbewerbe für nach Unabhängigkeit strebende Kommunen werfen ein bezeichnendes Licht auf die Szene. Der erwähnte Wettbewerb "Bioenergie-Regionen" ist nicht zu verwechseln mit dem Wettbewerb "Innovative Energieregion", deren Gewinner das Centrum für Energietechnologie Brandenburg (Cebra) an der TU Cottbus letzten Monat bekannt gab. Auch nicht mit dem Wettbewerb "Klimaschutzkommune 2009" der Deutschen Umwelthilfe, dessen Bewerbungsschluss am 31. Dezember ist. Oder mit den Rankings der Agentur für Erneuerbare Energien. Die bestimmt nicht nur die "Kommune des Monats". Sie veröffentlichte kürzlich auch das erste Bundesländer-Ranking in Sachen erneuerbare Energien. In der Studie, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und das Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung (ZSW) anfertigte, landete Berlin auf dem vorletzten Platz. Gewinner des "Leitstern 2008" ist Brandenburg.In die Bewertung ging nicht nur die Anzahl der Biogas-Anlagen, Solarkollektoren und Windmühlen ein, womit Berlin erwartungsgemäß kaum dienen kann. Auch in puncto "Förderprogramme" und "Hemmnisvermeidung" schnitt die Hauptstadt beschämend schlecht ab. Die Studie bemängelte, dass "administrative Hürden wie fehlende Ansprechpartner oder langwierige Genehmigungsprozesse bisher nicht beseitigt wurden".Ein unabhängiges Berlin -ein unerfüllbarer Traum? "Eine Stadt kann man nicht mit dem ländlichen Raum vergleichen", verteidigt Harald Güther die Metropole. Der Wissenschaftler vom Institut für Städtebau weist darauf hin, dass Berlin immerhin das größte Fernwärmenetz Europas besitze. Das Blockkraftheizwerk von Vattenfall in Berlin-Mitte sei technisch auf dem modernstem Stand. "Das Potenzial ist da."Der Weg einer Großstadt in die Unabhängigkeit verlaufe anders, vor allem müsse man die Schritte in der richtigen Reihenfolge machen. "Einfach nur Solarpaneele und Windmühlen auf die Dächer zu bauen, wäre Unsinn". Stattdessen sei der erste Schritt, den Energiebedarf erheblich zu reduzieren. Am besten wäre die Dämmung des Bestands auf Niedrigenergie- oder gar Passivhausstandard. Dann müsse im zweiten Schritt die Kraft-Wärme-Kopplung der bestehenden Kraftwerke effizienter werden. Das setzt Kapazitäten frei, wodurch -drittens -sich die Versorgung durch das Fernwärmenetz ausgedehnen ließe. So könnte es noch etwas werden mit einem freien Berlin.------------------------------EnergieautarkieWärmegesetzDas Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz verpflichtet Bauherren ab 2009 zur Investition in regenerative Energieträger. Als Ersatzmaßnahme lässt das Gesetz den Anschluss an ein Fern- oder Nahwärmenetz zu, weshalb eine Zunahme dieser Versorgungsart zu erwarten ist.DezentralisierungInformationen über die Akteure der "Energierevolution", die eine Versorgung aus eigener Kraft anstreben, bieten viele Internetseiten, vor allem: www.kommunal-erneuerbar.deEnergieträgerIn ländlichen Regionen ist nicht nur genug Platz für Windkraftanlagen. "Bioenergiedörfer" im engeren Sinne nutzen Biomasse. Dazu gehört die Gewinnung von Gas aus landwirtschaftlichen Abfallprodukten und Wärme aus der Holzverbrennung.BeispieleDie Idee zu Deutschlands erstem Bioenergiedorf Jühnde entstand an der TU Göttingen. Infos unter: www.bioenergiedorf.de. Infos und Links zu weiteren Beispielen auf www.bioenergie-regionen.deStudieDie Agentur für Erneuerbare Energien stellt das Engagement der Bundesländer detailliert in einer aktuellen Studie dar: www.unendlich-viel-energie.deTagungDas Institut für Städtebau Berlin veranstaltet vom 27. bis 28. November eine Fachtagung zum Thema Klimaschutz im Städtebau und innovative Energiekonzepte. Das Programm sowie weitere Informationen gibt es im Internet unter www.staedtebau-berlin.de------------------------------Grafik : Wir befinden uns im Jahr 2008. Ganz Deutschland wird von großen Energiekonzernen versorgt. Nur einzelne Dörfer, wie das Brandeburgische Feldheim, setzen auf Strom und Wärme aus Eigenerzeugung.

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