Nach fast zehn Jahren Ausbildung, drei Examina, Doktorarbeit und zwei Jahren Berufserfahrung als Ärztin im Krankenhaus entschloss sich Ute Watermann, ihren Arztberuf aufzugeben. Zu unerträglich empfand sie die Arbeitsbedingungen für Mediziner im Krankenhausalltag. Nicht nur, dass Überstunden wie selbstverständlich geleistet werden mussten, der Tag war zudem extrem dicht gedrängt. Pausen waren überhaupt nicht denkbar. Auf Mittagessen musste die Ärztin regelmäßig verzichten. "Ich habe meinen Patienten geraten, weniger zu arbeiten, um gesund zu werden und beobachtete mich und meine Kollegen dabei, wie wir durch die Arbeit krank wurden", sagt Watermann. Statt auf einen Professorentitel hinzuarbeiten, entschloss sie sich deshalb für eine Karriere im Journalismus. Mit diesem Entschluss ist Watermann keine Ausnahme. Viele ihrer Kollegen entscheiden sich für einen Alternativberuf. "Der Nachwuchs bricht uns weg", beklagt der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) Jörg-Dietrich Hoppe den Trend. Gut jeder fünfte Absolvent beginnt nach der Ausbildung nicht mehr mit dem ärztlichen Praktikum. Wer aber auf diesen Qualifizierungsschritt verzichtet, gibt damit auch die Möglichkeit auf, Arzt zu werden. Hoppe befürchtet bereits einen "drohenden Versorgungsnotstand in der Medizin".Denn dem Schwund an jungen Ärzten steht ein steigender Bedarf gegenüber. Laut Statistik der BÄK gehen in den kommenden Jahren viele ältere Ärzte in den Ruhestand. Bis zum Jahr 2010 werden knapp 22 000 Hausärzte ausscheiden. In den neuen Bundesländern rechnet der Verband damit, dass 35 bis 40 Prozent der Hausärzte in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand gehen. Weniger FachärzteAbsehbar ist für Hoppe bereits, der Rückgang in verschiedenen Facharztgruppen. Zuerst werden Augenärzte knapp und Radiologen. Doch auch im Krankenhaus gibt es deutliche Anzeichen für einen Ärzteschwund. Brandenburger Krankenhäuser verzeichneten im vergangenen Jahr 16 Prozent weniger Ärzte im Praktikum als im Jahr zuvor. Sollte ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) auch in Deutschland Anwendung finden, verschärfte sich diese Situation sogar noch. Danach ist der ärztliche Bereitschaftsdienst als reguläre Arbeitszeit anzusehen. Folge: In Krankenhäusern würden dann 27 000 Ärzte mehr gebraucht, ermittelte die BÄK.Um diese Lücke wieder zu füllen, müsste der Arztberuf wesentlich attraktiver werden. Damit ist nicht nur die Bezahlung gemeint. Vielmehr stören die Nachwuchsmediziner vor allem die schlechten Berufsbedingungen. In einer Umfrage in Berliner Krankenhäusern gaben junge Ärzte an, unter gravierenden Verletzungen des Arbeits- und Tarifrechts zu leiden. Bei fast 90 Prozent der Befragten wurde mindestens eine gravierende Verletzung des Arbeitsrechts festgestellt. "Keine industrielle Branche und kein Dienstleistungssektor würde eine derartige dauerhafte Ausnutzung der Arbeitnehmer unter Missachtung der gesetzlichen Vorschriften tolerieren", resümieren die Autoren der Studie. Die meisten Befragten haben Arbeitszeiten von 45 bis 49 Stunden in der Woche. Gerade Nachwuchsärzte müssten aber noch mehr arbeiten. Eine Belastung von 50 bis 64 Stunden in der Woche kommen bei Ärzten im Praktikum häufiger vor als bei Assistenten. Bei vielen stelle sich angesichts dieses Pensums das "Gefühl der Überforderung" ein.Noch scheinen die für die Personalplanung mitverantwortlichen Chefärzte dieses Problem nicht wahrzunehmen zu wollen. Die Studie ergab, dass die meisten Chefs die in ihren Abteilungen geleisteten Überstunden erheblich unterschätzen.Nachwuchsmangel // Rückzug der Jungen: Ärzte tragen hohe Verantwortung bei Behandlung und Beratung von Menschen. Neben der Arbeit mit Patienten nimmt die Verwaltung viel Raum ein. Wegen der extrem hohen Arbeitsbelastung verzichten viel Mediziner auf eine Karriere als Arzt.Beschäftigte Ärzte in Deutschland Q: BUNDESANSTALT FÜR ARBEIT; BLZ/KÜHL
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