Immer zwischen den Fronten

DR.SCHIWAGO

Katja Tichomirowa
2 Min

Es beginne wie eine James-Bond-Geschichte, schreibt die Rezensentin: An einem Herbstabend des Jahres 1956 müssen die Passagiere einer Verkehrsmaschine von Moskau nach Malta zwei Stunden im Wartesaal ausharren, während ein bereits verladener Koffer wieder ausgeladen wird, damit ein darin befindliches 600-Seiten-Manuskript heimlich kopiert werden kann. Auf diese Weise, behauptet der russische Journalist Iwan Tolstoj, sei der Roman des späteren russischen Nobelpreisträgers Boris Pasternak in die Hände der CIA gelangt. Er hat darüber ein Buch geschrieben: "Der gewaschene Roman Pasternaks - Doktor Schiwago zwischen KGB und CIA", erschienen dieser Tage im russischen Verlag "Wremja".Die Rezensentin der russischen Tageszeitung Kommersant, Anna Narinskaja, fragt sich nun verwirrt, was uns der Autor mit der Beigabe einer Spionage-Story zur Editionsgeschichte des Romans beweisen wolle. Und die Süddeutsche Zeitung fragt sich: Hätte Boris Pasternak den Nobelpreis für Literatur 1958 verliehen bekommen, wenn die CIA sich nicht eingemischt hätte?Es sei nämlich so, schreibt die SZ, dass das Nobelpreiskomitee noch wenige Jahre zuvor wenig Gefallen an der Idee gefunden habe, Pasternak den Nobelpreis zu verleihen. Pasternak gehöre nicht zu den Dichtern, deren Auszeichnung auf "Widerhall beim Volk" stoßen könnte, zitiert sie aus den nun zugänglichen Akten der Schwedischen Akademie von 1946.Umso mehr Widerhall fand der Meinungswandel der Akademie, als sie Pasternak den Preis 1958 doch verlieh. Pasternaks Beitrag zur großen russischen Erzähltradition aber habe das Nobelpreiskomitee offenbar nur durch die Vermittlung der CIA ermessen können, legt die SZ nahe und folgt damit der These des Buchs von Iwan Tolstoj. Der zufolge stellte der amerikanische Geheimdienst das Manuskript des "Doktor Schiwago" russischen Emigranten in Paris zur Verfügung, die es unter dem Namen des italienischen Verlegers Feltrinelli veröffentlicht haben sollen.Eine abenteuerliche Geschichte, fürwahr! Tatsächlich war es Giangiacomo Feltrinelli, der den Roman 1957 in Mailand veröffentlichte. Er tat es gegen den erbitterten Widerstand der italienischen kommunistischen Partei, deren Mitglied er war. Dass fünfzig Jahre später noch immer neue Volten der Editionsgeschichte des Romans in Umlauf gebracht werden, räumt wohl jeden Zweifel daran aus, dass der Literaturnobelpreis von 1958 so verstanden wurde, wie er gemeint war: als eine eminent politische Preisvergabe. Aufschlussreicher als der Beitrag der CIA zur russischen Literaturgeschichte aber dürfte die Aufarbeitung des KGB-Anteils an ihr sein.

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