6281 Kilometer mit der Bahn durch Europa: Für viele Menschen wäre es der Horror. Doch für Jon Worth ist es eine prickelnde Herausforderung. Der Bahnexperte will mit 18 planmäßigen Zügen in hundert Stunden und neun Minuten von Finnland nach Portugal reisen. Nicht mehr lange, dann soll die Rekordfahrt durch die Europäische Union beginnen.
„Ich habe mich gefragt, was alles möglich wäre“, sagt Worth, der lange in Berlin lebte und von hier zu vielen Zugtouren aufbrach. Seitdem eine Strecke zwischen Finnland und Schweden wiederbelebt wurde, kann man so weit wie lange nicht mehr auf Schienen durch die EU reisen. „Ich dachte mir: Warum bin ich nicht der Erste, der das macht?“
Doch dem 46-Jährigen geht es nicht nur um schöne Tage unterwegs. Er will auch für sein Anliegen werben, für das er seit Jahren eintritt: Die internationalen Verbindungen in Europa müssen besser werden. „Manchmal muss man etwas Verrücktes tun, damit ernste Argumente – zu Fahrplänen, Fahrkarten und Fahrgastrechten – Gehör finden.“
27.550 Kilometer im Zug: Warum ein Berliner zu Europas toten Gleisen reist
Totgesagte fahren länger: Dieses Unternehmen rettet den beliebten Nachtzug Berlin–Paris
Der internationale Bahnverkehr war schon mal besser
#CrossBorderRail: So heißt das Projekt, mit dem der Politikwissenschaftler die Diskussion in den vergangenen Jahren vorangebracht hat. Europa dürfe nicht nur in Sonntagsreden existieren, fordert Worth, der in Wales geboren und in Berlin eingebürgert wurde. Damit es wirklich zusammenwächst, braucht es besser koordinierte Fahrpläne, attraktivere Ticketangebote und Streckenreaktivierungen.
Absurd: Mancherorts führen zwar Schienen über die Grenze, aber es fahren keine oder nur wenige Reisezüge – wie zwischen Spanien und Frankreich. Der Süd-Express, der von Hendaye über San Sebastián nach Lissabon fuhr und für seinen portugiesischen Barwagen gerühmt wurde, verschwand 2020 nach 133 Jahren. Allen Europa-Reden zum Trotz: Der internationale Bahnverkehr ist teils schlechter geworden.
Reise quer durch Europa: Mit dem Optima-Express fuhr Jon Worth von Österreich in die Türkei. Früher gab es mehr direkte Zugverbindungen auf dieser Strecke.
© Jon Worth
Gerade ist der einstige Brite in Litauen unterwegs, um unterbrochene Verbindungen aufzuspüren. Sein klappbares Fahrrad begleitet ihn auch bei dieser Recherchefahrt. Wo keine Züge fahren, reist er mit Pedalkraft zu brachliegenden Schienen und verwitterten Schwellen. Auch in den baltischen Ländern sind viele internationale Routen außer Betrieb.
Nicht mehr lange, dann reist Worth nach Finnland zum Start der Rekordfahrt durch die Europäische Union. Wobei sich der Rekord nicht nach den zurückgelegten Bahnkilometern bemisst, sondern nach der geografischen Entfernung. Zwischen Kemijärvi in Finnland und Lagos in Portugal beträgt die geodätische Distanz 4008 Kilometer und 330 Meter.
„Anders als bei meinen anderen Projekten habe ich diesmal weder eine Drohne noch ein Fahrrad dabei“, berichtet Worth. „Nur Kleidung, Laptop, eine Kamera, Lebensmittel, das Nötigste an Hygieneartikeln. Und zwei Plaketten, die ich an den Bahnhöfen in Kemijärvi und Lagos überreichen werde, um den Start- und Endpunkt zu markieren.“
Erfolg für Start-up aus Berlin: Nox bekommt zwei Millionen Euro für den Nachtzug der Zukunft
Start am Montagabend: So sieht der Reiseplan aus
Der Reiseplan steht. Am 7. September soll es um 19 Uhr in Kemijärvi mit dem Zug 274 der finnischen Staatsbahn VR losgehen. Nach einer Nacht im Hotel folgt die nächste Etappe. Auf einer Strecke, auf der nach 38 Jahren Pause wieder Reisezüge verkehren, geht es nach Haparanda in Schweden. Die Reaktivierung hat Jon Worth zu der Reise inspiriert.
Die zweite Nacht verbringt Worth im Nachtzug von Stockholm nach Malmö. Der Nightjet bringt ihn von Hamburg nach Offenburg. Zwischen Spanien und Portugal fährt kein Nachtzug mehr. Der Lusitania-Express wurde 2020 nach 73 Jahren eingestellt. Deshalb übernachtet der Rekordfahrer in Madrid im Hotel, bevor es mit fünf weiteren Zügen an die Felsalgarve geht. Ankunft in Lagos: 11. September, 21.09 Uhr.
So zumindest die Hoffnung des Europareisenden. Jon Worth hat lange am Reiseplan getüftelt. Schließlich geht es ihm nicht nur darum, die längstmögliche geodätische Entfernung in der Europäischen Union mit planmäßigen Zügen zurückzulegen. Zum Rekordversuch gehört es auch, die Distanz in der kürzestmöglichen Zeit zu bewältigen.
Demolierter Zug in Albanien: In vielen Ländern wird die Bahn vernachlässigt.
© Jon Worth
Deshalb könnte es immer wieder spannend werden. „Meine erste Sorge gilt Boden in Nordschweden, wo ich Dienstagmorgen nur drei Minuten Zeit zum Umsteigen habe“, so Worth. „Wenn das nicht klappt, kann ich bis Hamburg aber immer noch im Zeitplan bleiben. Die Pünktlichkeit der Züge zwischen Kopenhagen und Hamburg war in diesem Sommer furchtbar, aber da habe ich etwas Puffer in meinem Fahrplan.“
Seinem Deutschland-Transit sieht der Rekordfahrer ziemlich entspannt entgegen. Leidgeprüfte Bahnkunden dürften dies merkwürdig finden. Worth: „Die Leute gehen davon aus, dass meine Reise in Deutschland schiefgehen wird, bei all den Verspätungen.“ Doch seine Daten zeigen, dass der Nightjet von Hamburg nach Offenburg zuverlässig ist.
Sorgen bereiten ihm stattdessen zwei weitere Abschnitte. Zwischen Straßburg und Lyon sowie zwischen Lyon und Straßburg fährt jeweils nur ein durchgehender Zug, der in den Reiseplan passt.
Große Pläne: Berlin soll europäisches Drehkreuz für Nachtzüge werden
Plan B im Gepäck: Verspätung nicht ausgeschlossen
Anschließend wird Worth zwischen Spanien und Portugal erleben, wie ernst die dortigen Bahnen den Europa-Gedanken nehmen. Zwischen den Hauptstädten Madrid und Lissabon muss Worth zweimal umsteigen. Eine direkte Zugverbindung gibt es weiterhin nicht.
„Am letzten Tag kann es sein, dass ich 90 Minuten später als geplant in Lagos ankomme. Aber der springende Punkt ist: Wenn ich am vierten Tag pünktlich in Barcelona eintreffe, schaffe ich es am fünften Tag nach Lagos“, fasst der Traveller zusammen. Er wirkt sehr entspannt.
„So eine Reise zeigt all die guten und schlechten Seiten, die Freuden und den Stress des Fernreisens mit dem Zug“, sagt Jon Worth. Hundert Stunden wird er laut Plan unterwegs sein. Die Bahnfahrten summieren sich auf 61 Stunden und acht Minuten. Errechnete Durchschnittsgeschwindigkeit der 18 Züge: 102 Kilometer pro Stunde.
Nachtzug Berlin–Stockholm gerettet: Privates Unternehmen springt ein
Was in der „Excel-Tabelle aus der Hölle“ steht
Auch für diese Tour hat Worth eine „Excel-Tabelle aus der Hölle“ vorbereitet. „Darin ist nicht nur die Hauptroute festgehalten. In der Liste stehen auch zwölf verschiedene Ausweichpläne für den Fall, dass etwas schiefgeht.“ Für alle Eventualitäten ist vorgesorgt.
Die Kosten halten sich im Rahmen. Interrail-Pass und Reservierungen werden sich auf 400 bis 500 Euro summieren, rechnet Worth vor. Um die Reise zu finanzieren, verkauft er Merchandise: T-Shirts, Pullover, Kaffeebecher mit dem Aufdruck „Longest train journey in the EU“. Oder man abonniert seinen Newsletter für fünf Euro pro Monat.
Unterwegs zu unterbrochenen Strecken: Mit Bahn und Faltrad reist Jon Worth durch Litauen, Lettland und Estland.
© Jon Worth
Bahnskeptiker würden sich nach so einer Rekordreise erst einmal einige Tage an den Strand legen. Jon Worth nicht: Im Vergleich zu den Touren, zu denen er von Berlin aus aufbrach, wirkt die jetzige Fahrt wie eine Kurzstrecke. 2022 reiste er 27.550 Kilometer per Zug durch Europa, über 74 Grenzübergänge mit 150 Zügen. Wer ihn kennt, wundert sich also nicht, dass Worth nach kurzem Verschnaufen in Lagos mit der portugiesischen Staatsbahn CP zur nächsten Zugreise aufbrechen will.
„Mit meinem Interrail-Pass die Strecke am Douro im Norden Portugals erkunden. Eine Gegend, in der ich noch nie war“, berichtet er. Dann soll es nach Norden gehen. Über Andorra, das keine Eisenbahn hat, aber den Bau einer grenzüberschreitenden Straßenbahn prüft, nach Frankreich. Dort hat er inzwischen seinen Wohnsitz.
Viele weitere Bahnreisen werden folgen, davon ist Jon Worth überzeugt. „Es gibt noch so viele Dinge zu sehen und zu unternehmen.“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]