In Beirut demonstrieren Zehntausende gegen die libanesische Regierung und gegen Israel. Die neue Volksbewegung stellt den Waffenstillstand in Frage und vertraut auf die Hisbollah

Die Gegen-Revolution

Markus Bickel
4 Min

BEIRUT. Andächtig faltet Hassan Nasrallah die Hände. Hoch über seinem schwarzen Turban explodieren die ersten Raketen, dann verschwindet das Gesicht des Generalsekretärs der "Partei Gottes" von der Leinwand. Rasch schaltet der Hisbollah-Fernsehsender Al-Manar um auf die jubelnde Menge im Zentrum Beiruts, die der Rede ihres unumstrittenen Führers über siebzig Minuten lang gefolgt war. Hunderte rot-weiße Fahnen wehen über den Demonstranten, laut knallen die Böller des Feuerwerks.Korruption und VerschuldungAm siebten Abend der Massenproteste gegen die Regierung von Premier Fuad Siniora haben sich wieder Zehntausende auf dem Riad al-Solh-Platz unterhalb von Sinioras Regierungssitz Serail versammelt. An dem Bürogebäude hinter der großen Leinwand sind Parolen zu lesen, die die neue Protestbewegung zusammenschweißen: "Regierung der Verschuldung", "Regierung der Korruption" und "Wir wollen eine saubere Regierung".Siniora wirft der Hisbollah vor, einen "Staatsstreich" gegen seine Regierung zu planen. Noch vor vier Wochen gehörten zwei Hisbollah-Minister und drei der mit der Nasrallah-Organisation verbündeten Mitglieder dem Kabinett Sinioras an. Doch das interessiert die Anhänger der Parteimiliz nun nicht mehr. "Diese Regierung will den Libanon verkaufen an die USA und Israel, die für das Massaker von Kana und alle anderen Massaker verantwortlich sind", schimpft Hamad Latif. Tief aus dem Süden des Libanon, wo der Krieg gegen Israel im Juli und August am heftigsten war, ist der 40-Jährige in die Hauptstadt gereist, um seinen Teil zum Sturz der Regierung beizutragen. Vom Display seines Nokia-Handys lächelt Latifs während des Krieges geborener Sohn Adam. "Ich wünsche mir, dass er eines Tages mit einem Gewehr in der Hand gegen Israel kämpfen wird", sagt er.Die Wut auf das südliche Nachbarland schweißt die Menschen zusammen. Auch Hisbollah-Chef Nasrallah erneuert in seiner Rede an diesem kalten, klaren Donnerstagabend die Anschuldigungen: "Sollen wir es einfach hinnehmen, dass der Premierminister der libanesische Armee während des Krieges befohlen hat, unsere Waffen zu beschlagnahmen?", ruft er den Demonstranten zu. "Das waren die Waffen, mit denen wir unser Land gegen israelische Angriffe verteidigen wollten."Von Nato-Draht umzäunt ist das Nordende des Märtyrerplatzes, wo im Frühjahr 2005 Zehntausende für den Abzug der syrischen Protektoratstruppen aus dem Libanon demonstrierten. Zahra Wahid, die gemeinsam mit ihrem Mann Pierre nach Beirut gekommen ist, hält nichts von dem Gerede über einen neuen Krieg. "Es gibt zwei Männer in unserem Leben: Michel Aoun und Hassan Nasrallah", sagt die 42-Jährige. In der linken Hand hält die Sozialarbeiterin die orangene Fahne des christlich-maronitischen Exgenerals Aoun, der mit Hilfe der Hisbollah nächstes Jahr zum Präsidenten gewählt werden will. Wie ihr 50-jähriger Mann und eine Handvoll Jugendlicher trägt sie auf dem Kopf die orangene Mütze von Aouns Freier Patriotischer Bewegung.Der christlich-schiitische Schulterschluss scheint bislang der wichtigste Garant für den Erfolg der neuen Basisbewegung zu sein, die den "Zedernrevolutionären" des Frühjahr 2005 schnell den Rang ablaufen könnte. Denn vier Wochen nach dem Rücktritt der prosyrischen Minister aus dem Kabinett erscheint ein Kompromiss immer unwahrscheinlicher. Zahra und Pierre Wahid freut das. "Eigentlich sollte die Regierung gar nicht zurücktreten, denn so lange wir hier bleiben, so lange gehört die Innenstadt endlich uns", sagt der Grundschullehrer.Auch in den Hunderten Zelten rund um den Riad al-Solh und das Südende des Märtyrerplatzes stellen sich die Menschen auf eine lange Dauer des Konflikts ein. Überall sitzen junge Männer in Grüppchen vor den Notunterkünften und ziehen an den Wasserpfeifen. Die Amir Bashir-Straße, die die beiden Plätze verbindet, gleicht einem Jahrmarkt: Fliegende Händler verkaufen heißen Mais und Getränke. Am Sonntag, wenn hier wieder demonstriert wird, werde er wiederkommen, sagt Bassem Moqtada. "Aoun und Nasrallah haben als einzige nicht gestohlen". Mehr muss er nicht sagen.------------------------------Foto: Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah spricht in Beirut zu seinen Anhängern.

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