Ich höre sie noch heute, die leicht angewiderten Stimmen meiner ehemaligen Nachbarn aus dem Prenzlauer Berg: Bäh, Brandenburg, da kann man nun auch nicht mehr hinfahren, jetzt, wo die AfD dort immer stärker wird. Besonders nach Wahlen wallten diese Stimmen auf, und besonders laut jaulten gern jene auf, die gerade erst einen Vierseithof dort erworben hatten – Uckermark natürlich.
Und so lief das und ist bei weitem kein Klischee: Am Freitagabend zog man den Schlüssel aus der Eigentumswohnung am Arkonaplatz und fuhr aus Berlin hinaus, parkte den SUV gut sichtbar vor den neuen Latifundien und erklärte am Sonntagabend vehement, warum dieses braun-versiffte Bundesland nicht bereisbar war. Zu viele Glatzen, zu viele Baseballschläger.
Wenn das Wahlergebnis zur Moralerhebung wird – oder eben auch nicht
Selbst gesehen hatte man zwar keine, aber ihre Existenz war schließlich evident. Zwischendurch verklagte man noch den Ur-Einwohner-Nachbarn und seinen lauten Hahn wegen nächtlicher Ruhestörung, obwohl man bei der Erstbesichtigung genau besonders diesem Mann gegenüber herumgewundert hatte: „Ach, alles so schön urig und naturbelassen hier!“
Das war nicht bloß eine private Marotte. Die Vorstellung, man könne bestimmte ostdeutsche Gegenden (besonders gern auch Mecklenburg-Vorpommern!) wegen ihrer politischen Gesinnung nicht mehr guten Gewissens betreten, ploppte eigentlich zuverlässig nach jeder Landtagswahl dort auf. Auch in den Medien wohlgemerkt. Schon 2017 plapperte die taz angesichts des AfD-Zuwuchses in Brandenburg meinen Nachbarn nach: „Kann man da überhaupt noch hinfahren?“
Und 2026 erklärte die unvermeidliche Katrin Göring-Eckardt in selbiger Zeitung, sie denke an die vielen queeren Berliner, die sich wegen der AfD-Wähler nicht mehr nach Brandenburg trauten. Hat sie auch jemals an die jüdischen Studenten gedacht, die sich angesichts pro-palästinensischer Proteste an der Humboldt-Uni die gesprayte Hassbotschaft „Juden ins Gas“ ertragen mussten?
Antisemitismus als innerparteiliches Problem
Bitte nicht falsch verstehen: Rassistische Gewalt ist keine Einbildung und rechte Dominanz in manchen ländlichen Regionen ein reales Problem. Und natürlich darf jeder selbst entscheiden, wo er Urlaub macht. Aber seltsam ist es schon: In Brandenburg wird ein Wahlergebnis schnell zur Atmosphäre – und die dann zur Gefahrenzone. Im Berliner Szenebezirk Neukölln hingegen bleibt selbst ein massiver Konflikt um Antisemitismus zunächst nur ein „innerparteiliches Problem“. Die Hauptstadt deshalb meiden? Nö.
Die Berliner Linke hat bei der Abgeordnetenhauswahl 25,7 Prozent erreicht und damit ihr Ergebnis von 2023 mehr als verdoppelt. Und 57.000 Grünen-Wähler haben das mitermöglicht, weil sie zu Wahlwanderern wurden. Ihre Gründe kann man nur erahnen: Wer grün wählt, kann es sich meist leisten und denkt auch eher links. Generell sogar sympathisch, wenn da nicht so viele Doppelstandards wären.
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Denn all jene, die illegale Migration beklagen, sind in diesem Universum erstmal „Rechte“, gern auch „Nazis“. Wenn man allerdings selbst eine Partei ermöglicht, die sich in Teilen mit Judenhassern und Hamas-Sympathisanten gemein macht, heißt es nirgendwo: Wie konntet Ihr nur? Wenn Brandenburg AfD wählt, ist der Ostler der Problembär, wenn ein städtisches Milieu die Linke zum Erfolg stubst, bleibt man in jedem Fall ein Guter. Die Flexibilität moralischer Maßstäbe glich in diesem Lager schon oft der eines 1A-Gummibandes.
Dabei ist die Lage durchaus erklärungsbedürftig: Denn auch in Berlin haben queere Menschen inzwischen auf der Straße Angst, Frau Göring-Eckardt. Auch hier wählen Schwule AfD und sitzen immer mehr Juden auf gepackten Koffern. War das auch gemeint mit: Wir sind so cool und weltoffen? Man vermisst die kulturjournalistische Aufregung darüber oder wenigstens eine Neuzeichnung der Landkarte des guten Gewissens. Wo sind sie, die besorgten Bürger, Politiker und Journalisten, die nun erklären: Nach Berlin reisen – schwierig!
Ohne Worte.
© Sascha Steinach / Imago
Vielleicht, weil es einen Unterschied macht, wer falsch wählt? Weil es in Brandenburg „die Hinterwäldler“, „die Frustrierten“ und all die Menschen sind, welche „die da oben“ sagen? Und der Berliner Linken-Wähler urban, kulturinteressiert und je nach Liquidität entweder prekär oder in den eigenen vier Wänden lebt? Oder ist linksextrem dann doch nicht ganz so schlimm wie rechtsextrem? Vielleicht sollte man deshalb die alte Brandenburg-Frage einfach einmal umdrehen: Kann man überhaupt noch nach Berlin reisen? Nicht aus politischer Konsequenz, sondern aus Gründen der Gleichbehandlung. Das ist ja schließlich auch ein linkes Narrativ, das man mit seiner Wahlentscheidung unterstützt hat.
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