In Brandenburg sind Hunderte von Sorten verloren gegangen eine überlebte in einem Kleingarten

Des Kaisers alter Apfel wird wieder wachsen

Jan Thomsen
4 Min

Wie er schmeckt, ist Fritz Brudel eigentlich ganz egal. "Man beißt halt rein, und es ist wunderbar", sagt der 66-Jährige. "Wie soll ich das beschreiben?" Immer und immer wieder soll er das in diesen Tagen, schließlich besitzt der promovierte Gartenbauer knapp zwei Dutzend Äpfel einer Sorte, die jahrzehntelang als verschollen galt, obwohl sie noch vor hundert Jahren sehr beliebt war. "Das ist eine Werdersche Wachs-Renette", sagt Brudel zu der kleinen gelben Frucht in seiner Hand. Ein "Winterapfel" sei das, erst im Januar "genussreif", obwohl schon im Herbst zu pflücken, mit wie Kerzenwachs schimmernder, fester Schale und feinem, weißen Fruchtfleisch. Einst war die Werdersche Wachs-Renette gar der Lieblingsapfel des deutschen 99-Tage-Kaisers Friedrich. Doch dann verschwand sie allmählich von den Obstplantagen an der Havel, so wie Hunderte anderer Sorten. Erst Fritz Brudel hat sie wiederentdeckt. Zimmetfarbig berostetDas war vor einem Jahr. Die Landesanstalt für Gartenbau in Müncheberg (Märkisch-Oderland) hatte ihre jährliche Obstschau mit Äpfelbestimmung angekündigt, und ein paar Kleingärtner aus Berlin-Pankow trugen ihre selbst Geernteten hin. Auch der Obstforscher im Ruhestand Fritz Brudel war da, und als die versammelten Müncheberger Experten die kleinen Gelben aus der Kleingartenkolonie "Daheim II" sahen, wuchs ihre Begeisterung allmählich ins Euphorische. Genau wie in den alten Schriften beschrieben lag sie da: eine "hochgebaut-kegelförmige Frucht", heißt es in den "Pomologischen Monatsheften" von 1877, "mit kleiner, abgestumpfter Kelchfläche", die "Stieleinsenkung oft zimmetfarbig berostet". Kein Zweifel, das hier ist die längst verloren geglaubte "Werdersche Wachs-Renette", ein Schlager unter den Obstkennern des 19. Jahrhunderts: Gar der "gesuchteste und wertvollste Tafelapfel" von Werder bei Potsdam sei sie gewesen, diese "schöne und schätzbare Frucht", noch 1891 ausgestellt als für jene Region "besonders charakteristisch".Dass sie überhaupt verloren ging, liegt an einem knappen Dutzend von Apfelsorten, das sich im Laufe der Zeit unter den Bedingungen des wachsenden Welthandels durchgesetzt hat: Golden Delicious, Elstar, Gala, Gloster, Braeburn, Granny Smith und ein paar andere. "Die haben einfach die besten Eigenschaften für die Vermarktung im großen Stil", sagt Hilmar Schwärzel, Leiter der Abteilung Obstbau in Müncheberg. "Die sind belastbar, lagerfähig, gleichmäßig geformt und sehen hübsch aus." Guter Geschmack sei eher zweitrangig. "Geschmackliche Spitzensorten wie der Borsdorfer oder der Gravensteiner haben heute keine Chance, weil sie in Form und Größe nicht der EU-Norm entsprechen oder weil man sie nicht lange lagern kann."So sind von den "mehreren Tausend" Apfelsorten, die es noch vor 150 Jahren gab, nur zwei Hand voll übrig geblieben im Erwerbsanbau, versteht sich, und damit in den Obstauslagen der Supermärkte. Im "Landessortengarten" von Müncheberg dagegen, einem 7 000 Quadratmeter großen Feld auf dem Gelände der Landesanstalt für Gartenbau, wachsen heute noch an die 800 verschiedene Apfelsorten. Etwa 14 000 einzelne Bäume hat das Brandenburger Institut für diese Sammlung untersucht und erfasst, aufgespürt in Vorgärten, auf Streuobstwiesen und an Straßenrändern, sagt Hilmar Schwärzel. "Davon sind etwa 300 Sorten erhaltenswert." Sie werden als frisch geschnittene Reiser an Kleingärtner abgegeben, in Baumschulen weitergezüchtet oder im Gartenlandschaftsbau eingesetzt. "Nur diese alten Sorten können überhaupt noch natürliche Baumkronen ausbilden und müssen nicht jährlich gepflegt werden." Bis zu 200 Jahre alt könne so ein Apfelbaum werden, jeder sei eine "eigene kleine ökologische Insel", die anderen Pflanzen und Tieren Nahrung, Schutz und Lebensraum biete. Und auch den Menschen böten die Bäume doch mehr als nur ein paar vitaminreiche Öko-Snacks: "Nach langen, dunklen Wintern möchte jeder das Frühlingserwachen und wirklich blühende Landschaften sehen doch das findet man ja fast nur noch auf den großen alten Obstanlagen."Erste Früchte in vier JahrenFritz Brudel jedenfalls hat für die nächsten Jahre vorgesorgt. Einen dünnen Ast vom 70 Jahre alten Pankower Renetten-Baum hat er auf einen kurzen Wurzelstamm aufgepropft und in einen Topf gepflanzt. "Veredeln" nennt man das. Wenn das Bäumchen erst in drei, vier Jahren Früchte trägt, werden nach langer Zeit wieder Wachs-Renetten in Werder wachsen.OBSTANBAU Äpfel und Kirschen verdrängen den Wein // Die Geschichte der Stadt Werder beginnt mit dem Kloster Lehnin. Die Zisterzienser kauften den Ort 1317, sicherten sich die Fischereirechte und bauten Wein an.Bald entwickelte sich auf den Havel-Hängen auch der Obstanbau und verdrängte allmählich den Weißwein.Das Baumblütenfest im Frühling ist eine 120 Jahre alte Werbe-Idee des Werderaner Obstzüchtervereins. Die Bauern öffnen eine Woche lang ihre Gärten und schenken Obstwein aus.In Brandenburg gibt es rund 3 500 Hektar Anbaufläche für Baumobst, davon fast 60 Prozent im Kreis Potsdam-Mittelmark. In der DDR waren es noch 16 000 Hektar.Auf mehr als der Hälfte der Flächen werden Äpfel angebaut, auf etwa einem Viertel Süßkirschen. Es folgen Sauerkirschen, Pflaumen, Zwetschken und Birnen.

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