Berlins Regierender Bürgermeister ist ein moderater Mensch. "Liegt in dem Rücktritt von Christa Thoben nicht auch eine Chance?" fragte Diepgen jüngst, obwohl er die schnelle Flucht der Kultursenatorin nach nur 100 Tagen Akklimatisierung als persönlichen Affront wertet.Doch welcher Art soll die Chance sein? Die Subventionssüchtigen versuchen in der derzeitigen Krise um die Finanzierung der Berliner Kulturszene den Mythos der Sonderrolle Berlins wiederzubeleben. Einerlei ob Front- oder Hauptstadt: Berlin braucht frisches Geld, damit es sich leisten kann, was Bund und Länder sich anderswo verkneifen. Die Mauer ist weg, aber die Kultur ist noch da. Das Schulden-Chaos als Chance? Berlins politisches Establishment ist derzeit zu aufgeregt, um glauben machen zu können, man führe jetzt eine geordnete Offensive, die im Schatzkeller des Bundesfinanzministeriums enden werde.Die große Koalition der Stadt steckt in einer Abwehrschlacht gegen den Bund, der seit dem Regierungsumzug im vergangenen Sommer mehr und mehr in die Stadt hineinregiert - und hineinsieht. Der Bund ist Berlin, Berlin ist der Bund. Doch der Senat hat auf diese Herausforderung nur die alten Antworten gefunden: Hand auf, Geld her, sonst knallt s in dieser sozial so schwachen Stadt. Der Fall Thoben bietet in Wahrheit die Chance, sich einige Realitäten im Verhältnis Berlins zum Bund klar zu machen. Zeit des Erwachens - und des Erschreckens.Berlin ist eine Stadt, in der erst eine bundesweit freund- wie feindwärts anerkannte Haushaltsexpertin kommen muss, um der Öffentlichkeit zu offenbaren, dass der Kulturetat voll ist von millionenschweren Versprechungen, Nebenvereinbarungen, Mauscheleien und Buchungstricks. Es ist eine Stadt, in der ein Regierender Bürgermeister von den Leistungen beim Stellenabbau im öffentlichen Dienst spricht, während Fachleute die Stadt am Rande des Bankrotts sehen. Es ist eine Stadt zwischen Ruinen und Morast, in die die reicheren Bundesländer jährlich weit mehr als 1 000 Mark pro Kopf pumpen.Doch Rest-Deutschland verliert die Lust für diese Ruinenlandschaft weiter zu zahlen. Diepgen und sein Gefolge haben noch nicht begriffen, dass es keine Ehre, sondern ein politisches Armutszeugnis ist, für Notopfer die Hand aufzuhalten. Viel schlimmer noch: Sie sehen nicht, dass ein neues Notopfer niemals kommen wird, solange Berlin sich nicht dem Bund unterwirft. Sie verstehen nicht, dass derjenige, der zahlen soll, auch entscheiden will - sei es in Fragen der Kultur, der Sicherheit oder der Präsentation der Stadt. Jede Mark, die der Bund für seine Bundeshauptstadt künftig zahlen wird, bedeutet mehr Verzicht auf lokale Autonomie.Berlin ist auf dem Weg des Übergangs. Das Rote Rathaus ist kleiner geworden, seit die Staatsgäste schon am Bundeskanzleramt abbiegen. Berlin wird vom Bundesland zum erweiterten Regierungsbezirk. Hier ist wahrhaftig nicht New York - eine Stadt, in der der Bürgermeister mächtiger ist als Gouverneure von Flächenstaaten. Hier ist schon eher Washington, D.C., ein kleiner Vorort der Macht. Der Bund übernimmt Berlin. Das ist nicht bedauerlich, solange Berlins Regierende auswärtige Experten aus dem Bund mehr als Bedrohung denn als Verstärkung ansehen. Diepgen versteht gar nicht, warum er die Prügel einsteckt, wenn Hoffnungsträger aus der Bundespolitik desertieren. Vor Thoben vergraulten er und sein Senat eine Justizsenatorin, einen Innensenator und eine Spar-Expertin. Zwei Charakteristika machten diese Vertriebenen unverzichtbar und gefährlich. Sie kamen aus der politischen Bundesliga und akzeptierten die sechszehnjährige Alleinherrschaft Diepgens nicht widerspruchslos.Im Falle Thoben trifft Diepgen nun sogar der Groll der eigenen Bundespartei. Die Kultursenatorin reiste als ausgebildete Entwicklungshelferin an und wurde behandelt wie eine Studentin im ersten Semester Politik. Diese Arroganz passt nicht zur der dramatischen Haushaltslage in der Stadt und noch weniger zu der Wertschätzung die Thoben in der Bundes-CDU zuteil wird. Diepgen, der nach seinem Wahlsieg unantastbar schien, hat sich in seiner Rolle als Moderator, als Mann des Aus- und Angleichs zwischen Ost- und West selbst überlebt. Je schneller es das erkennt, um so besser für die Stadt.Diepgen und sein Gefolge sehen nicht, dass ein neues Notopfer niemals kommen wird, solange Berlin sich nicht dem Bund unterwirft.
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