WASHINGTON. War es ein Putsch der Geheimdienste gegen den Präsidenten oder aber ein geplante Aktion aus dem Weißen Haus? Das jüngste Geheimdienst-Debakel lässt die Gerüchteküche in Washington brodeln. Nachdem die US-Geheimdienste mit ihrer jüngsten Erklärung, Iran habe bereits 2003 Pläne zur Entwicklung von Kernwaffen aufgegeben, die Regierung von Präsident Bush unter Druck setzte, rätselt man nun über die Hintergründe der Geschichte.Norman Podhoertz, der in Washington als der "Pate der Neonkonservativen" und als einer der stärksten Befürworter eines Bombardements des Iran gilt, geht von Sabotage aus. Nach der Veröffentlichung der jüngsten Geheimdienst-Erkenntnisse revidierte Podhoertz nicht etwa seine Meinung, sondern sprach von einem "gezielten Streich der Geheimdienste, um den Präsidenten zu schwächen".Seit Sommer bekanntErst am Mittwoch war bekannt geworden, dass Präsident Bush bereits im Spätsommer dieses Jahres von den neuen Geheimdienst-Erkenntnissen erfahren hat. Geheimdienst-Chef Mike McConell habe den Präsidenten bereits im August davon in Kenntnis gesetzt, dass der Iran sein Atomwaffenprogramm ausgesetzt habe, sagte Präsidentensprecherin Dana Perino. Obwohl das Weiße Hause Perino zufolge durchaus annahm, dass diese Erkenntnis die Meinung der Geheimdienste zu Iran revidieren werde, hatte Bush noch vor wenigen Wochen vor einem "Dritten Weltkrieg" gewarnt.Dass die 16 US-Geheimdienste in ihrer Nationalen Einschätzung nun das iranische Atomprogramm als erledigt ansahen, sieht man vor allem als eine Ohrfeige für Falken wie Vizepräsident Dick Cheney. Noch vor dem Irak-Krieg waren die Spannungen vor allem zwischen dem Auslandsgeheimdienst CIA und der Bush-Regierung bekannt geworden. Die Regierung, allen voran der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, kritisierten die CIA, weil sie nicht ausreichend Beweise für die Existenz von Massenvernichtungswaffen in Irak lieferten, und betraute den Militärgeheimdienst DIA mit der Aufgabe. Doch offenbar waren selbst die Mitarbeiter dieses Geheimdiensts jetzt nicht bereit, Iran als eine Gefahr darzustellen und somit einen möglichen Angriff zu rechtfertigen."Der Angriff auf Iran ist vom Tisch", schreibt nun auch der ehemalige CIA-Mitarbeiter Robert Bear im Time-Magazin. Allerdings geht er davon aus, dass die Bush-Regierung selbst hinter der Veröffentlichung der Analyse steht. "Es ist unmöglich, dass eine 180-Grad-Wende, wie sie nun in der Iran-Politik vollzogen wird, ohne die Zustimmung des Präsidenten geschieht", so Bear. Er vermutte, dass die Bush-Regierung selbst zu der Erkenntnis gekommen sei, dass Iran "eine Stufe zu hoch ist".Außerdem, schreibt Bear, sei man nicht unglücklich über die Zusammenarbeit mit Iran: Wenn sich die von Teheran unterstützten Schiiten-Gruppen in Irak zurückhalten, verbessert sich auch die Lage in dem Land. Auch in Libanon seien Fortschritte zwischen den anti-syrischen Gruppen und den pro-syrischen Gruppen, die von Iran unterstützt werden, zu vermelden. Schließlich hätten auch die arabischen Staaten vor einem Angriff gegen Iran gewarnt und deutlich gemacht, dass sie die USA nicht unterstützen würden. "Armageddon ist verschoben", schlussfolgert Bear.------------------------------Empörte Militärs als QuelleDie Erkenntnisse der US-Geheimdienste über die Aussetzung des iranischen Atomwaffenprogramms im Herbst 2003 beruhen einem Bericht der New York Times zufolge zum Teil auf Aufzeichnungen über Treffen iranischer Militärs.Die Militärs hätten sich über die Entscheidung Teherans empört, das Waffenprogramm und die Entwicklung von nuklearen Gefechtsköpfen zu beenden, berichtete die Zeitung unter Berufung auf US-Militär- und Geheimdienstkreise.Der Grund für den Stopp des Atomwaffenprojektes im Herbst 2003 sei aus den Aufzeichnungen nicht hervorgegangen. Dem Bericht zufolge bedienten sich die US-Dienste noch anderer Quellen, um ihre Informationen zu erhärten.------------------------------Foto: Nicht eben glücklich: US-Präsident George W. Bush während seiner jüngsten Pressekonferenz zum Thema Iran.
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