Der einsamste Kontinent der Erde" - so hat der Polarforscher Ernest Shackleton Anfang des 20. Jahrhunderts die Antarktis bezeichnet. Der Mensch scheint keine Rolle zu spielen in dieser Welt aus blau und weiß schimmernden Eisbergen, aus Gletschern und sturmgepeitschten Ebenen. Pinguine und Robben sind die einzigen Badegäste an den weitläufigen Stränden. Unter das Heulen des Windes und das Krachen im Eis mischt sich lediglich das Geschrei der Seevögel.Doch der lange Arm der Zivilisation reicht inzwischen selbst in diese entlegenen Regionen. Auf einer internationalen Konferenz der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung diskutieren Wissenschaftler diese Woche in Jena darüber, wie der Mensch die Umwelt des Süd-Kontinents verändert. Es gehe zum Beispiel darum, was es für die Tiere in der Antarktis bedeutet, wenn dort immer mehr Menschen auftauchen, sagt Tagungsleiter Hans-Ulrich Peter von der Universität Jena.In der Sommersaison von Dezember bis Februar bringen mehr als dreißig Touristenschiffe etwa zwanzigtausend Besucher in die Antarktis - Tendenz steigend. "Da wird es vor allem an gut zugänglichen Stellen eng", sagt Hans-Ulrich Peter. Er und seine Kollegen arbeiten zum Beispiel in der russischen Forschungsstation Bellingshausen, die im Südwesten der King George Insel liegt (siehe Karte). "Im Sommer laufen hier manchmal 250 Leute gleichzeitig herum", fügt Peters Jenaer Kollegin Christina Büßer hinzu. Denn auf der nur wenige Kilometer breiten Halbinsel haben auch Argentinien, Brasilien, Chile, China und Uruguay eigene Stationen und Hütten gebaut. Seit 1980 gibt es zudem eine befestigte Landebahn für Flugzeuge, die Fracht, Stationspersonal und Besucher auf die Insel bringen. Und in der Maxwell-Bucht ankern Touristenschiffe.Die Forscher aus Jena sind vom Umweltbundesamt beauftragt worden, die Auswirkungen dieses Besucheransturms auf Vögel und Robben zu erfassen, die dort ihre Jungen aufziehen. Auf dieser Grundlage soll ein Managementplan für den Südwesten der King George Insel erstellt und anschließend in einer internationalen Koordinierungsgruppe abgestimmt werden. Erste Diskussionen zwischen den beteiligten Nationen soll es schon auf der Tagung in Jena geben.Simone Pfeiffer aus Peters Team hat zum Beispiel untersucht, wie Riesensturmvögel auf Störungen reagieren. Die Rote Liste der Internationalen Naturschutzunion IUCN führt diese Art in der Kategorie "gefährdet", die Bestände gehen in der Antarktis zurück. So sind die Vögel aus dem Umkreis mehrerer Forschungsstationen verschwunden - vermutlich, weil sie sich von den vielen Menschen in der Nähe ihrer Nester gestört fühlen. Wenn die Tiere dann erschreckt aufflattern, kann das für ihren Nachwuchs das Ende bedeuten. Hungrige Raubmöwen, so genannte Skuas, warten nur darauf, sich ein ungeschütztes Ei oder Küken zu schnappen. Und selbst wenn die Sturmvögel auf dem Nest sitzen bleiben, verschwenden sie durch die Aufregung wertvolle Energie.Wie gestört sie sich fühlen, sieht man ihnen allerdings nicht immer an. Daher hat Simone Pfeiffer ihnen Mikrofone ins Nest geschmuggelt, die wie ein Stethoskop die Herztöne der Vögel aufnehmen. Einigen Tieren wurden künstliche Eier untergeschoben, in denen sich elektronische Herzschlag-Messgeräte verbargen. Mit diesen Hilfsmitteln lässt sich feststellen, ob ein Vogel näher kommende Menschen entspannt ignoriert oder ob sein Herz vor Aufregung rast. Pfeiffers Ergebnis: Der durchschnittliche Riesensturmvogel fühlt sich schon gestresst, wenn der zweibeinige Störenfried noch fünfzig Meter entfernt ist.Das Umweltbundesamt hat dieses Ergebnis bereits aufgegriffen und in seinen Verhaltensrichtlinien für Antarktisbesucher einen entsprechenden Mindestabstand zu brütenden Riesensturmvögeln vorgeschrieben. Auch in den neuen Managementplan für den Südwesten der King George Insel werden die Erkenntnisse einfließen. "Bestimmte Gebiete mit nistenden Riesensturmvögeln sollen für Besucher ganz gesperrt werden, und auch für Wissenschaftler wird es dort strenge Einschränkungen geben", sagt Hans-Ulrich Peter. An anderen Orten setzt der Wissenschaftler hingegen auf regelmäßige Besuche. Denn wenn Menschen mit Kameras in der Hand regelmäßig an den gleichen Stellen auftauchen, gewöhnen sich Pinguine, Robben und andere Tiere daran. Selbst die Herzen der sensiblen Riesensturmvögel hämmern dann bei weitem nicht so schnell und kommen in kürzerer Zeit wieder zur Ruhe.Störende Besucher sind aber nicht das einzige Problem für die Tiere der Antarktis. "Langfristig dürfte vor allem die globale Erwärmung negative Folgen haben", sagt Peter. Zwar habe es in der zentralen Antarktis bisher keine Temperaturerhöhung gegeben. Doch auf der Antarktischen Halbinsel, vor deren Küste auch die King George Insel liegt, messen Wissenschaftler seit Jahrzehnten deutlich steigende Werte.Die Folgen sind schon zu sehen. Seit dreißig Jahren untersucht Bill Fraser von der Montana State University Adelie-Pinguine in der Nähe der Palmer-Station auf der Antarktischen Halbinsel. In diesem Zeitraum sind die Bestände der schwarz-weißen Vögel auf etwa ein Viertel geschrumpft. Und in ein paar Jahren könnten sie ganz aus dem Gebiet verschwunden sein, befürchtet der Biologe.Die Zahl der Adelie-Pinguine ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen, weil die Tiere zu wenig zum Fressen finden. Auf ihrem Speiseplan steht hauptsächlich Krill - das sind kleine Krebse, die ihrerseits im Winter Kieselalgen von der Unterseite des Eises abweiden. Doch seit es vor der Antarktischen Halbinsel wärmer wird, schwimmt weniger Eis auf dem Wasser. Damit verschwindet auch der reich gedeckte Tisch für die Pinguine. Zu allem Überfluss bringt der Klimawandel auch noch starke Schneefälle im Frühjahr mit sich, die den Vögeln das Brüten erschweren. Der Mensch braucht also gar nicht selbst auf den einsamsten Kontinent der Erde zu reisen, um die Tiere dort in Schwierigkeiten zu bringen.------------------------------Karte: Forschung auf King George Island. Im antarktischen Sommer zwischen Dezember und Februar wird es mitunter voll auf der King George Insel. Dann erforschen dort Wissenschaftler aus vielen Nationen die Flora und Fauna. Und in der Maxwell-Bucht ankern Schiffe mit Touristen an Bord.------------------------------Foto: Touristen in der Antarktis müssen zu Pinguinen einen Mindestabstand von fünf Metern einhalten. Das gilt aber nicht, wenn sich die Tiere - wie in diesem Bild - aus Neugier dem Menschen nähern. Die jungen Königspinguine schauen interessiert zu, wie der Tourist mit seiner Hand im Sand wühlt.
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