In der Bernauer Straße soll mit authentischen Mauerresten die Geschichte der Teilung erzählt werden

Berlins größtes Nicht-Bauprojekt

Thomas Rogalla
3 Min

Eines der größten städtebaulichen Vorhaben Berlins nimmt Gestalt an - der "Gedenk- und Dokumentationsort Berliner Mauer in der Bernauer Straße". Rund 1,3 Kilometer lang und mehrere Hektar groß ist die Fläche des ehemaligen Todesstreifens, der in einem bizarren Winkel zwischen dem Mauerpark, dem Nordbahnhof und der Liesenstraße verläuft und bis 1989 Ost- und West-Berlin trennte. Hier soll bis 2011 Berlins zentrale Mauer-Gedenklandschaft entstehen. In vier Wochen wollen Senat und Gedenkstätte Berliner Mauer einen internationalen Wettbewerb für die Gestaltung des Geländes ausschreiben. Das Interesse in- und ausländischer Architekten und Planer sei riesig, sagte Günter Schlusche, der die Planungen in der Gedenkstätte koordiniert: "Viele haben bemerkt, dass es eine einmalige Chance ist, mitten in einer Metropole ein historisches Projekt von dieser Dimension zu gestalten".Wobei Gestalten an der Bernauer Straße nicht heißt, dass viel gebaut, sondern dass vor allem nicht gebaut wird. Grundidee des Wettbewerbs ist es, die noch vorhandenen Spuren der Grenzbefestigungen am authentischen Ort zu erhalten. "Es ist trotz Abriss der Mauer 1990 noch viel mehr an steinernen Spuren übrig als viele glauben", sagte der Cottbuser Denkmalpfleger Leo Schmidt gestern bei der Vorstellung einer umfassenden Dokumentation von Mauerresten, die er mit dem Berliner Bauhistoriker Johannes Cramer im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in mehrjähriger Arbeit erstellt hat.International bekannt ist hauptsächlich das als Gedenkstätte Bernauer Straße gestaltete, 60 Meter lange Original-Mauerstück zwischen zwei großen Spiegelflächen. Auch an der Ecke zur Gartenstraße sind noch Originalteile der Hinterlandmauer erhalten. Doch die meisten der Fundstücke der Wissenschaftler sind optisch höchst unspektakulär: Die Fotos ihrer Dokumentation zeigen den brüchigen Asphalt des ehemaligen Kolonnenweges der DDR-Grenzer, rostige Eisentore zum Grenzstreifen, graue Fundamente der Hinterlandmauer. Verzeichnet wurden auch die Kellerreste der Wohnhäuser an der Bernauer Straße, die die SED nach 1961 räumen und abreißen ließ. 3D-Computergrafiken zeigen den Verlauf der Grenze.Im Laufe der Jahrzehnte habe die DDR ihre "Staatsgrenze" immer wieder verändert und verfeinert, berichtete Leo Schmidt. "Das war kein statisches Bauwerk, sondern ein ständig optimiertes, tiefgestaffeltes, nach Osten ausgerichtetes System, das Fluchtversuche verhindern sollte." Historiker des militärgeschichtlichen Forschungsamts in Potsdam sollen die "archäologischen" Befunde der Bauhistoriker in weiteren Studien ergänzen: Wie arbeitete das zuständige Grenzkommando Mitte, wie brachte es Wehrpflichtige dazu, mit der Waffe an der Mauer Dienst zu tun? Aktenstudien haben gezeigt, dass die Grenztruppen die Bewachung der Mauer mit wissenschaftlicher Akribie optimierten. Unter anderem baute das Grenzkommando im Süden von Berlin eine "Übungsmauer" samt Todestreifen und ermittelte mit der Stoppuhr, wie lange ein durchschnittlich trainierter Flüchtling brauchte, um die Sperren und Hindernisse zu überwinden. Durch bauliche "Verfeinerungen" wurde aus den provisorischen Zäunen der 60er-Jahre eine elektronisch gesicherte, praktisch unüberwindliche Sperranlage.Solche Erkenntnisse sollen den Besuchern der Erinnerungslandschaft anhand der unscheinbaren Relikte vermittelt werden, die durch zahlreiche Information erklärt und "zum Sprechen gebracht" werden sollen. Die neue Senatsbaudirektorin Regula Lüscher zeigte sich mit dem Konzept, das bei ihrem Amtsantritt bereits weit gediehen war, sehr einverstanden. Es sei für Berlin "ein ganz wichtiges Vorhaben, für das ich mich mit aller Kraft einsetzen werde", sagte sie.------------------------------"Von der Mauer ist mehr übrig, als viele glauben." Leo Schmidt, Forscher------------------------------Foto: Zeitzeugnis aus Beton: ein bröckelnder Rest der Hinterlandmauer an der Bernauer-/Ecke Gartenstraße.

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