In der CSU geht es Schlag auf Schlag. Huber tritt ab, Seehofer wird Parteichef, Beckstein wackelt und Goppel will aufsteigen

Münchner G'schichten

Damir Fras Daniela Vates
8 Min

MÜNCHEN/BERLIN. So hat Erwin Huber schon lange nicht mehr gelächelt. Mit einem freundlichen Gesicht tritt er am Dienstagmorgen in der CSU-Zentrale in München vor die Presse. Eilig hat die Pressestelle frühmorgens zu diesem Termin geladen, es ist wenig planbar in der CSU in diesen Tagen. Huber also, der das ganze Wochenende und auch viele Tage vorher mit verkniffenem Mund verbracht hat, der nicht einmal 24 Stunden zuvor gesagt hat, Rücktritte stünden nicht auf der Tagesordnung, blickt nun fröhlich um sich und sagt: "Ich werde mein Amt zur Verfügung stellen."Es war schon am Wahlabend klar, dass dieser Schritt kaum abwendbar sein würde, nach dem Absturz der CSU. Mag es dafür auch viele Gründe geben, der Parteivorchef ist es schließlich, den man am leichtesten ausmachen kann als Schuldigen. Doch Huber hat gezögert. Er hat sich zureden lassen, er hat wohl auch selber noch gehofft, dass es irgendwie weitergehen kann.Jetzt ist die Entscheidung gefallen. Huber geht nach nur 13 Monaten im Amt, nicht ganz freiwillig. Das ist schon auch eine Schmach. Aber er wirkt fast erleichtert. "Ich gebe meiner Partei die Chance für einen personellen Neubeginn", sagt er, und dass er bis zum Sonderparteitag am 25. Oktober, an dem sein Nachfolger gewählt wird, geschäftsführend im Amt bleibe. Er dankt seinen Mitarbeitern und "vielen Parteifreunden" - nicht allen wohlgemerkt. Er sagt, er habe die CSU verjüngt und mit seinem Steuerkonzept wichtige Impulse für die Zukunft gesetzt. "Ich danke Ihnen", sagt Huber nochmals. Er bleibt stehen, lächelt in die Kameras, als müsste da doch jetzt noch irgendwas kommen. Es kommt aber nichts. Huber dreht sich um und geht. Die Tür schlägt mit einem lauten Knall hinter ihm zu.Es war ein kurzer letzter Auftritt, nach einem Nachwahltag, der an Dramatik ständig zugenommen hat, bis kurz vor Mitternacht. Nach der Runde der Bezirksvorsitzenden am Montagmorgen, nach der Vorstandssitzung danach hatte Huber noch hoffen können, den Parteivorsitz zu behalten und als Spitzenkandidat in die Bundestagswahl 2009 zu ziehen. Aber vielen in der Partei hat das nicht gereicht.In Keferloh östlich von München hat sich der Vorstand des mächtigen Bezirksverbands Oberbayern am Abend in einem Gasthof zusammengesetzt, um die Lage zu analysieren. In Oberbayern hat die CSU besonders dramatisch verloren. Schnell ist klar: Es muss Rücktritte geben, und nicht nur einen. Die Oberbayern wollen den größtmöglichen Wechsel: Gehen sollen nicht nur Huber und seine Generalsekretärin, sondern auch Ministerpräsident Günther Beckstein. Früher sei es so gewesen, dass der Spitzenkandidat bei Niederlagen die Verantwortung übernommen habe, sagt der Landrat von Fürstenfeldbruck. Keiner widerspricht. Horst Seehofer, der mit in der Runde sitzt, ergreift das Wort und spricht vom Stolz der CSU und davon, wie die Wahlen im nächsten Jahr gewonnen werden können. Viel Gefühl legt er in seine Worte.Das Gefühl ist es, was sie in der CSU bei Huber und Beckstein vermisst haben. Seehofer hält eine Bewerbungsrede. Danach fährt er zurück nach München. In der Parteizentrale sitzen die CSU-Spitzen wieder zusammen, Huber, Beckstein, der Chef der Landtagsfraktion und aus Berlin Landesgruppenchef Ramsauer und Bundeswirtschaftsminister Glos. In der CDU gibt es wichtige Leute, die finden, die CSU könnte ihr Rücktritts-Paket um Glos erweitern, dessen Abtauchen in der Finanzkrise die Zweifel an seiner Eignung bestärkt haben.Doch um Glos geht es in der Münchner Runde nicht. Man sitzt bis 23 Uhr zusammen und diskutiert verschiedene Varianten. Auch ein Rücktritt Becksteins wird diskutiert. Aber Fraktionschef Schmid macht klar: Seine Abgeordneten werden Seehofer nicht wählen. Dahinter steckt ein wenig Wahrheit - Seehofer gilt im Landtag als sprunghaft und eingebildet. Dahinter steckt auch Eigennutz: Schmid rechnet sich Chancen aus auf den Posten des Regierungschefs. Ihm steht dabei aber Bayerns Innenminister Joachim Herrmann im Weg. Doch weder Schmid noch Herrmann lösen in der CSU Begeisterung aus. Weil es also keine klare Alternative gibt zu Beckstein, einigt sich die Runde darauf, dass nur Huber gehen soll, am nächsten Tag. "Das war ein Minimalkonsens", sagt einer aus der Runde.Der Dienstag beginnt dann mit der Meldung einer Zeitung, Beckstein werde auch zurücktreten und durch Herrmann ersetzt. Die Staatskanzlei dementiert. Doch der Druck auf Beckstein steigt. In Berlin tagen die 46 CSU-Bundestagsabgeordneten. Viele von ihnen haben Angst, 2009 nicht mehr wiedergewählt zu werden, wenn es ihre Partei nicht schnell aus dem Schlamassel schafft. Einige drängen den müde wirkenden Horst Seehofer, auch den Posten des Ministerpräsidenten zu übernehmen. Seehofer bleibt still. Er will nicht einmal vor seinen Parteifreunden erkennen lassen, ob er nach München wechseln will.Dass er es sich zutraut, ist klar. Aber Seehofer kennt seine Gegner. Aus der Berliner Landesgruppe darf ihn der Ruf nicht ereilen, das würde seine Chancen zunichte machen. Das Angebot muss aus Bayern selbst kommen.Seehofer ist einer der besten Taktiker in der CSU. Vergangenes Jahr sagte er Huber und Beckstein erst ein klares "Ihr könnt es nicht" direkt ins Gesicht, verlor dann den Wettbewerb um den Parteivorsitz gegen Huber und zog sich nach Berlin zurück, um das langsame Scheitern der Nachfolger Edmund Stoibers genüsslich zu beobachten. Die Zuschauerrolle hatte er bis zum Sonntag. Jetzt agiert Seehofer wieder.Am Dienstagmittag steht er vor der Presse und verfällt in Pathos. Es gehe darum, die CSU "in ihrem Mythos, in ihrer Einmaligkeit, in ihrer Erfolgsgeschichte" wieder auf die Beine zu bringen. Dann ist Seehofers kurzer Auftritt als designierter CSU-Chef auch schon wieder vorbei. Ein Journalist ruft ihm noch zu: "Wer soll den Ministerpräsidenten machen?" Seehofer antwortet nicht.In München hat sich Beckstein in die trutzburgartige Staatskanzlei zurückgezogen. Das Kabinett tagt, Beckstein hat auch den Fraktionschef hinzugebeten und die Generalsekretärin. In ein paar Wochen werden hier Vertreter anderer Parteien mit am Tisch sitzen. Man ist das letzte Mal unter sich, ein angenehmes Zusammensein ist es nicht.Im Anschluss erklärt Christine Haderthauer ihren Rücktritt. Dann tritt Günther Beckstein vor die Presse. Er schmunzelt. Er sei überrascht, dass so viele Journalisten gekommen seien, sagt er. Es gebe schließlich nur eine "relativ geringe Erklärung". Dann dankt er Erwin Huber: "Es war wirklich eine gute Zeit mit ihm.", Er werde diese Woche noch mit den Koalitionsverhandlungen beginnen, sagt er dann. "Das war meine Erklärung." Die Journalisten hätten sicher Verständnis dafür, dass er jetzt keine Fragen beantworten wolle, auch wenn das nicht seiner Art entspreche. Wie lange bleiben Sie Ministerpräsident? Beckstein hätte diese Frage an diesem Tag wohl sowieso nicht beantworten können. Andere sind da forscher an diesem Tag. Am Abend meldet sich Thomas Goppel zu Wort. Er ist Wissenschaftsminister, sein Vater Alfons war Ministerpräsident. Auch Goppel traut sich das Amt zu. Falls Beckstein anträte, hätte er seine "volle Loyalität", lässt er verlauten. Und falls nicht? "Ich würde dann unter Umständen kandidieren", sagt Goppel. Gut möglich, dass in Bayern noch weitere Personalrochaden folgen.------------------------------Sie warn's einmalFoto: Josef Müller, genannt Ochsensepp, ist von 1945 bis 1947 der erste CSU-Chef. Der Anwalt ist in der NS-Zeit im Widerstand aktiv und in Buchenwald und Dachau inhaftiert. Müller kämpft für eine christlich-liberale Partei. Sein konservativer Gegenspieler ist Alois Hundhammer.Foto: Hans Ehard wird 1947 CSU-Chef. Der Jurist muss aber 1954 abtreten. Sein Vergehen: Die CSU wird in der Wahl zwar stärkste Fraktion im Landtag, doch schmiedet die SPD überraschend eine Koalition ohne Union. Die letzte SPD-geführte Regierung in Bayern.Foto: Hanns Seidel übernimmt im Januar 1955 den Parteivorsitz - er setzt sich damals in einer Kampfabstimmung gegen Franz Josef Strauß durch. Seidel löst BHE und FDP aus dem Bündnis mit der SPD und ist von 1957 bis 1960 zugleich bayerischer Ministerpräsident.Foto: Franz Josef Strauß wird 1961 CSU-Chef und bleibt es bis zu seinem Tod am 3. Oktober 1988. Seit 1978 ist er auch bayerischer Ministerpräsident. Er kultiviert in dieser Zeit das eherne CSU-Prinzip: In Bayern regieren, im Bund opponieren. Als Kanzlerkandidat scheitert er 1980.Foto: Theo Waigel tritt 1988 das schwere Erbe von Strauß an. Ministerpräsident darf er nicht werden, Münchens Erzbischof Friedrich Kardinal Wetter erhebt Einspruch gegen einen Geschiedenen in diesem Amt. Waigel muss Bayern verlassen. Er vertritt die CSU als Minister im Bund.Foto: Edmund Stoiber übernimmt 1999 den Parteivorsitz. Der Ziehsohn von Strauß hat sich 1993 gegen Waigel im Kampf um die Nachfolge von Premier Max Streibl durchgesetzt. Sein Scheitern als Kanzlerkandidat 2002 verzeihen ihm die Bayern, nicht aber das Zaudern auf dem Weg in Merkels Kabinett 2005. Die Bayern murren, die CSU entdeckt das Prinzip der innerparteilichen Opposition, Stoiber muss 2007 seine Ämter niederlegen.Erwin Huber wird am 29. September 2007 Stoibers Nachfolger als CSU-Chef.Ein Niederbayer, quasi ein Freistaat-Ostfriese. Sein Aufstieg wird damals als innerbayrische Integrationsleistung gewürdigt. Seit dem Wahlsonntag sehen das viele in der CSU anders.------------------------------Pauli kommtGabriele Pauli, einst CSU-Landrätin von Fürth und im Vorjahr maßgeblich am Sturz Stoibers beteiligt, zieht für die Freien Wähler in den Landtag.Florian Streibl, Sohn des CSU-Ministerpräsidenten Max Streibl, zieht ebenfalls für die Freien Wähler in den Landtag ein. Sein Vater war von Edmund Stoiber 1993 gestürzt worden.------------------------------Foto: Vor einem Jahr als Erneuerer zum CSU-Chef gewählt, jetzt für das Wahldebakel seiner Partei verantwortlich gemacht: Erwin Huber geht.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner