In der Havel wird nach alten Bomben gesucht - aber niemand weiß, wie sie zu entschärfen wären

"Hoffentlich finden wir nichts"

Jan Thomsen
4 Min

Aus den Dunstschwaden über der Havel taucht ein flaches Motorboot auf. Sein blaurot lackierter Rumpf wirkt abgenutzt, die hölzerne Kajüte ist nach hinten mit nebelnassen Kunststoffplanen verhängt. "Falke" heißt der tuckernde Kahn, auf dem im trüben Schein der Morgensonne drei Männer sitzen. Am Heck bedient Messtechniker Jürgen Treder eine Stahlseilwinde, die ein fast sieben Meter langes Alurohr-Gestell hinter dem Boot ins Wasser senkt. In der Kabine sitzt Schiffsführer Joachim Müller am Steuer, neben ihm beobachtet Teamleiter Peter Millner einen Computermonitor, auf dem Zahlenkolonnen flimmern. Sechs olivgrüne Kästen voller Regler und Zeiger-Skalen sind mit dem Rechner auf dem Tisch verbunden. Sie liefern Daten von den Metalldetektoren am Alu-Gestell, die hinten gerade ins Wasser tauchen. Doch die drei Männer suchen nicht nach alten Fahrrädern oder Eisenschrott im Schlamm der Havel. Sie suchen nach Bomben.Oft chemische LangzeitzünderIn Oranienburg (Oberhavel) ist das nicht gerade ungewöhnlich. Zumindest nicht an Land. In den vergangenen Jahren musste der Staatliche Munitionsbergungsdienst des Landes Brandenburg hier schon Dutzende von Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg entschärfen. Denn besonders in den letzten beiden Kriegsjahren hatten amerikanische und britische Bomberverbände ihre Fracht zigtonnenweise über dem Stadtzentrum abgeworfen auf die Auer-Werke zum Beispiel, einer Chemiefabrik, in der die Alliierten Teile des deutschen Atomwaffenprogramms vermuteten. Da die Munitionsreste nach dem Krieg nur sehr unvollständig geräumt wurden, ist Oranienburg nach Schätzung der Brandenburger Sprengmeister die deutsche Stadt mit den meisten Bomben im Boden. Oft sind es solche mit chemischem Langzeitzünder, bis zu zehn Zentner schwer, die auch Jahrzehnte nach dem Abwurf noch explodieren können.Die Stadt kann dabei nur für ihr eigenes Gebiet eine systematische Bombensuche anordnen. Die Oranienburger Havel ist jedoch, wie die Kanäle und der Lehnitzsee, eine Wasserstraße des Bundes. "Das zuständige Wasser- und Schifffahrtsamt hatte sich stets geweigert, ohne konkreten Anlass zu suchen", sagt Paul Koch, Leiter des Staatlichen Munitionsbergungsdienstes. Nur bei Bauvorhaben habe man räumen wollen, sonst nicht. Das hielt der oberste Kampfmittelwart des Landes schon immer für leichtfertig: "So eine Haltung mag überall richtig sein in Oranienburg ist sie falsch", sagt Koch. "Hier müssen wir flächendeckend suchen." Zu stark sei die Belastung gerade rund um den Fluss: Allein beim Lindenring, einem dicht bebauten Wohngebiet am Ufer, wurden schon sieben scharfe Bomben gefunden.Ebendort hat jetzt die Unterwasser-Suche im Auftrag des Bundes begonnen. Denn der zeigte sich letztlich einsichtig und stellte noch für dieses Jahr 300 000 Mark zur Verfügung. Seitdem fahren die drei Männer vom "Falken" täglich acht Stunden die Havel auf und ab, um mit ihren Sonden Meter für Meter Flussgrund auf Magnetfelder zu untersuchen. Nach ihnen werden noch einmal Taucher den Schlamm durchwühlen müssen, um alle Verdachtspunkte zu überprüfen. Bundesweit keine VorversucheAber was ist, wenn tatsächlich eine Bombe unter der Havel liegt? "Dann wird s spannend", sagt Bergungschef Paul Koch. Denn für Entschärfungen tief in einem Flussbett gebe es seines Wissens noch keinerlei Vorversuche, und zwar bundesweit nicht. Derzeit sind seine Brandenburger Bombenexperten zwar ausgeschwärmt, um Erfahrungen mit anderen Kampfmittelräumern auszutauschen, sei es im Hamburger Hafen oder am Rhein. Aber zur richtigen Methode gibt es trotzdem nur vage Überlegungen. Vorstellbar sei etwa eine Arbeitsröhre für den heiklen Job der Sprengmeister, die vom Grund der Havel bis über den Wasserspiegel hinaus reicht. "Das wäre eine Premiere", sagt Koch. "Eigentlich hoffe ich, dass wir gar nichts finden."BOMBENSUCHE Satellitengestütztes Ortungssystem // Für die Suche nach Bomben in der Oranienburger Havel wurde ein Unternehmen aus Mülheim an der Ruhr engagiert.Die Detektoren-Anlage der Firma ist in der Lage, den Grund eines Gewässers zentimetergenau zu erfassen.Die unterschiedlich starken Magnetfelder, die von metallischen Gegenständen ausgehen, werden dabei vermessen und aufgezeichnet. So entsteht eine Karte mit Verdachtspunkten.Um die Position jeweils exakt bestimmen zu können, wird ein satellitengestütztes Ortungssystem benutzt.Im Vergleich zu einer konventionellen Suche mit Tauchern können so die Kosten um bis zu zwei Drittel gesenkt werden.

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