André Uzulis ist dieser Tage ein gefragter Mann. Kaum hat der Chefredakteur des Nordkurier einen Gast verabschiedet, kündigt sich schon neuer Besuch an - der NDR bittet um einen Termin. "Um zwölf Uhr ist Konferenz", sagt Uzulis. "Danach." Durch das Fenster seines Büros im Neubrandenburger Verlagshaus blickt Uzulis auf Hügel und Felder. Das Augenmerk des Chefredakteurs reicht indes über die mecklenburgische Landschaft hinaus. Was die Europäische Union an diesem Wochenende als "historischen Schritt" feiert, ist für Uzulis längst Routine: die Osterweiterung. Seit fast sechs Jahren pflegt der Nordkurier engen Kontakt zum Kurier Szczecinski (Auflage: 34.400 Exemplare) im 100 Kilometer entfernten Stettin. Die Blätter tauschen Artikel und Fotos aus, veranstalten Gesprächsrunden und produzieren eine gemeinsame Jugendseite. "Wir leben in einer historischen Region, die nach dem Krieg geteilt war", sagt Andrzej Lapkiewicz, Chefredakteur des Kurier Szczecinski (KS). "Die Leute sollen mehr voneinander erfahren." Schon deshalb, weil Vorurteile und Ängste abgebaut werden müssten. Erste Bande zwischen den Zeitungen wurden über Marketingaktionen geknüpft. 1998 suchte der Tierpark Ueckermünde nach Namen für zwei Löwenbabys. Die beiden Blätter riefen zu einem Leserwettbewerb auf - hunderte Vorschläge trudelten ein. Die Tiertaufe gehört inzwischen ebenso zur Tradition wie die Modeschau "Heringsdorf goes fashion" auf der Insel Usedom. "Das ist eine der angenehmeren Aufgaben", sagt Uzulis schmunzelnd. Er und Lapkiewicz sitzen in der Jury, die die Models auswählt. Im Mittelpunkt steht allerdings doch die redaktionelle Kooperation. Der Kurier Szczecinski berichtet jeden zweiten Mittwoch über Ereignisse aus Mecklenburg-Vorpommern. Der Nordkurier hat eine wöchentliche Rubrik installiert. Titel: "Brief vom Nachbarn." Als Quelle dient der Artikel- und Bilderpool der polnischen Kollegen. Die freien Journalisten Georg Mahler und Milena Szunska übersetzen die Texte ins Deutsche - und umgekehrt. Mit Bogdan Twardochleb zeichnet Mahler auch für die gemeinsame Jugendseite verantwortlich, den "Jan Kurier", der einmal pro Monat erscheint. "Aufgegriffen wird, was für Jugendliche wichtig und spannend sein könnte", sagt Mahler. Unter dem Stichwort "On Tour" erfahren die Teenager etwa, wann und wo Festivals steigen oder Musikbands auftreten. Der "Wortschatz" vermittelt geläufige Vokabeln (Herzlich Willkommen: Serdecznie witamy) und Slang (Krasse Sache: Trudna sprawa). In Neubrandenburg sind die Volontäre mit der Gestaltung des "Jan Kurier" betraut. "Die Zusammenarbeit klappt reibungslos," sagt Steffi Schwabbauer. Die polnische Partnerzeitung ist eine verbindliche Ausbildungsstation für den Nordkurier-Nachwuchs. "Das ist eine Art Bildungsreise", erklärt Uzulis. "Die Volontäre sollen mitgehen, zuschauen und einen Einblick in andere Strukturen gewinnen." Jungredakteure des Kurier Szczecinski kriegen ebenfalls die Chance zu einer Hospitanz. Uzulis: "Unsere Tür ist immer offen." Einen kleinen Haken hat das Ganze allerdings. "Die Sprache ist wirklich ein Problem", klagt Uzulis. "Da müssen wir unbedingt dran arbeiten." Der Nordkurier bietet seinen Beschäftigten mittlerweile Polnischkurse an. "Ich habe auch angefangen", sagt Uzulis. Aus Zeitmangel habe er den Kurs aber leider abbrechen müssen.Zweimal jährlich organisieren der Nordkurier und der Kurier Szczecinski eine Podiumsdiskussion. Bei den "Grenzgesprächen" reden Experten und Bürger über Themen wie Ausbildung und Verkehr, Kriminalität und Wirtschaft. Jüngstes Projekt der deutsch-polnischen Beziehung ist der im Juni 2003 ausgelobte "Pomerania Nostra"-Preis. Die mit 2 000 Euro dotierte Auszeichnung ehrt Menschen, die sich in Kunst, Wissenschaft oder Politik um Pommern verdient gemacht haben. Dem Stiftungskomitee gehören neben den beiden Chefredakteuren die Rektoren der Universitäten Stettin und Greifswald an. Freilich hat auch beim Nordkurier die Krise der Medienbranche ihre Spuren hinterlassen. In Verlag und Redaktion wurden Stellen abgebaut. Die Kooperation mit dem KS werde dem Rotstift aber nicht zum Opfer fallen. "Da investieren wir trotzdem." Wie viel? Schweigen. Konkrete Zahlen lässt sich der Geschäftsführer Manfred Christoffer nicht entlocken. "Das ist nicht aufwendig", kommentiert er knapp und ergänzt: "Finanzielle Interessen spielen keine Rolle." Und auch der publizistische Imagegewinn - unter anderem empfing Bundespräsident Johannes Rau (SPD) Uzulis und Lapkiewicz zu einem Exklusiv-Interview im Schloss Bellevue - sei eher sekundär. "Wir wollen unseren Beitrag zur Völkerverständigung leisten", sagt Christoffer.Modellprojekt für andere VerlageDieser könnte schon bald einen zusätzlichen Impuls erhalten. Die Verantwortlichen der beiden Zeitungen wollen ein dreimonatiges Austauschprogramm auf die Beine stellen. Die Teilnehmer sollen zunächst einen Intensivsprachkurs, dann ein Praktikum absolvieren. Als Sponsor möchte man die Robert-Bosch-Stiftung gewinnen. "Für eine Auskunft ist es zu früh", sagt die dort zuständige Projektleiterin Maja Pflüger. "Wir müssen das sehr genau prüfen." Die Zeichen sprechen jedoch dafür, dass die Stiftung einspringen wird. "Wir stehen dem wohlwollend gegenüber", sagt Pflüger. Die Kenntnisse über Osteuropa tendierten auf deutscher Seite gen Null. Das merke man der Berichterstattung an, die oft vor sachlichen Fehlern wimmele. "Das Modell könnte Pilotcharakter haben", sagt Maja Pflüger. "Es wäre wünschenswert, dass der Funke auf andere Zeitungen überspringt."------------------------------Diesseits und jenseits der Grenze // Der Nordkurier hat eine Auflage von mehr als 115 000 Exemplaren. Die Regionalzeitung erscheint im Osten Mecklenburgs und der zu Brandenburg gehörenden Uckermark. Eigentümer sind die Kieler Nachrichten, die Augsburger Allgemeine und die Schwäbische Zeitung. Der Nordkurier pflegt seit sechs Jahren Kontakte zum Kurier Szczecinski in Polen. Der Kurier Szczecinski ist die meistgelesene Zeitung in Westpommern (Auflage: 34 000). Das Blatt ist seit zwei Jahren eine GmbH, in der das Kapital der rund 100 Mitarbeiter steckt.------------------------------Foto: Redaktionsrunde beim Kurier Szczecinski: Chefredakteur Andrzej Lapkiewicz (M.) begutachtet Zeitungsseiten.------------------------------Foto: Gemeinsame Jugendseite "Jan Kurier"------------------------------Foto: Titelseite des Kurier Szczecinski
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