In der Simon-Dach-Straße ist Ausschankschluss um 21, 22 und 23 Uhr

Von einer Zeitzone in die andere

Karin Schmidl
3 Min

FRIEDRICHSHAIN. Der Übergang von einer Zeitzone in die andere dauert keine fünf Sekunden. Man braucht nur in der Simon-Dach-Straße von einem Kneipengarten in den nächsten zu gehen. Zu drei verschiedenen Zeiten stellen die Kneipiers dort ihre Tische und Stühle vor die Türen. Je nach Genehmigung darf bis 21, bis 22 oder sogar bis 23 Uhr im Freien ausgeschänkt werden. Als Gast ist man also gut beraten, einen Stundenplan dabei zu haben. Auslöser für diese berlinweit einzigartige Situation ist der andauernde Lärmstreit im Wohngebiet. Weil die Anwohner dort seit Jahren nächtens keine Ruhe und kein Gehör bei den Wirten fanden, erzwangen sie im Juli vorigen Jahres einen Gerichtsbeschluss. Dieser bestimmte für den Bereich Simon-Dach-Straße einen einheitlichen Straßenausschank bis 22 Uhr. Am Boxhagener Platz dagegen darf im Freien weiter bis 23 Uhr gezecht werden. Diese Regelung gilt generell auch für diese Saison. Aber es gibt Ausnahmen. Gut ein Dutzend Wirte um die Simon-Dach-Straße beantragte eine Ausnahmezulassung für einen längeren Ausschank, bislang haben zehn Kneipen diese Zulassung erhalten. Unter Auflagen, denn der Schallpegel darf die für allgemeine Wohngebiete vorgeschriebenen 55 Dezibel nicht überschreiten. Auch Michaela Schlegel, die Wirtin vom "Conmux", darf bis 23 Uhr im Freien bedienen. "Vor 22 Uhr habe ich 70 Stühle draußen, danach dürfen es noch 38 sein", sagt sie. Die Genehmigung hat die Wirtin gut tausend Euro gekostet, die ans Tiefbauamt, an die Polizei und den Lärmgutachter gehen. Trotzdem ist Schlegel zufrieden: "Ohne Biergarten könnte ich gleich dicht machen." Michael Jäckel, dem Wirt des "Papaya", hat das Amt signalisiert, dass er die Zahl der Außenplätze von 20 auf 12 reduzieren muss. "Besser als nichts, denn sonst bleiben die Gäste gleich ganz weg, so wie einige Kollegen fürchten", sagt er. Das Gros der Kneipen erhält jedoch keine Ausnahmezulassung, denn die Schallpegelmessungen lassen dies nicht zu. Und einige, darunter das "Hundertwasser" und die "Astrobar", dürfen sogar nur bis 21 Uhr vor der Tür servieren. "Diese Wirte haben im vorigen Jahr ständig über die Stränge geschlagen und gedacht, Gesetze gelten nicht für sie", sagt Baustadtrat Franz Schulz (Grüne). Deshalb sollten sie eigentlich in diesem Jahr überhaupt keine Erlaubnis für einen Biergarten erhalten. Einen Rechtsanspruch auf Sondernutzung öffentlichen Straßenlandes gibt es nämlich nicht. "Da setzte plötzlich großes Wehklagen ein, und wir haben uns auf den Kompromiss 21 Uhr geeinigt", sagt Schulz. Laufe der eingeschränkte Betrieb bis Ende Juni beschwerdefrei, könne dann wieder bis 22 Uhr ausgeschänkt werden. Aus demselben Grund müssen auch vier Kneipen am Boxhagener Platz eine Stunde vor ihren Konkurrenten Schluss machen. Die Hauptschuld an der skurrilen Situation tragen laut Schulz die Wirte. Durch allzu gieriges, egoistisches Verhalten sei es dort zum "point of no return" gekommen - zu einer verhärteten Front, an der statt miteinander nur noch über Anwälte kommuniziert werde. Das habe aber durchaus pädagogische Wirkung: "Nach sehr intensiven Gesprächen haben die Kneipiers der Wiener und der Bergmannstraße darauf verzichtet, ihre Biergärten zu vergrößern." Ihnen seien gute Kontakte zu den Anwohnern wichtiger.------------------------------Foto: Wegen der hohen Kneipenkonzentration ist das Sitzen im Freien in der Simon-Dach-Straße zum Problem geworden.

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