BERLIN. Die sicherste Methode herauszufinden, ob es wirklich so bitterkalt ist wie alle behaupten, besteht darin, mal kurz an einem Stück Metall zu lecken. Ein zehnjähriger Junge im oberfränkischen Selb hat am Montagmorgen bei 18 Grad minus diesen ultimativen Test an einem Laternenpfahl vollzogen und blieb folgerichtig mit der Zunge daran kleben. Erst herbeigeeilte Sanitäter konnten das gute Stück mit Warmwasser weitgehend schadenfrei wieder ablösen und den Buben um eine Erkenntnis reicher in die Schule schicken.Nicht immer allerdings waren Risiken und Nebenwirkungen der Kälte, die aus dem Osten kam, so harmlos wie in diesem Fall. In Wolfen erfror eine gehbehinderte Frau, die auf dem Weg zum Briefkasten gestürzt war und nicht wieder aufstehen konnte, und in der Nähe von Salzwedel, ebenfalls in Sachsen-Anhalt, starb ein 48-jähriger Mann auf einem Feldweg den Kältetod. Im hessischen Wiesbaden kam am Sonntag ein 39 Jahre alter Obdachloser durch die Kälte ums Leben.Tiefpunkt am SeeDie Nacht zum Montag hat weiten Teilen Deutschlands rekordverdächtige Minustemperaturen gebracht. Kältester Ort war wieder einmal der Funtensee in Bayern, wo auf 1 600 Meter Höhe minus 33,8 Grad gemessen wurden. Meteorologen erklären die an diesem Ort häufig auftretenden Tiefsttemperaturen mit der Tatsache, dass kalte und damit schwerere Luft sich in der Mulde um den See sammelt. Ähnliches geschieht im vogtländischen Morgenröthe-Rautenkranz, das nicht nur Geburtsort des DDR-Kosmonauten Sigmund Jähn, sondern auch ein deutscher Kältepol ist. Hier an der Zwickauer Mulde zeigte das Thermometer am Montagmorgen immerhin minus 24,5 Grad an. Doch selbst im Flachland war es nicht viel wärmer. In Usedom auf Usedom wurden 23,3 Grad Frost registriert, Ueckermünde brachte es auf 23 Grad unter Null, knapp über dem Januarrekord der Stadt, der 1963 mit minus 26,9 Grad aufgestellt wurde.Ein Trost immerhin, dass es auf Straßen und Bahnstrecken zu keinen nennenswerten Zwischenfällen kam. Das große Chaos sei ausgeblieben, versicherte die Deutsche Bahn, außer ein paar eingefrorenen Weichen habe es keine Probleme gegeben und die Verspätungen hätten bei 10 bis 30 Minuten gelegen. Das schafft die Bahn auch mühelos im Sommer. Nur die Schifffahrt leidet zunehmend unter der Kälte. Die Oder war am Montagvormittag von Norden her bereits bis auf die Höhe von Küstrin-Kietz zugefroren. Auch der Elbe-Seitenkanal in Niedersachsen und der östliche Abschnitt des Mittellandkanals waren auf bestem Wege, völlig zu vereisen.Deutlich milder ging das Hoch "Claus" mit dem Westen Deutschlands um. Im Breisgau und im Markgräfler Land lagen die Tiefstwerte gerade mal bei minus drei Grad, auch anderswo fielen sie kaum in den zweistelligen Bereich. An der Wetterlage wird sich nach Angaben der Wetterdienste zumindest bis Mitte der Woche nichts ändern. Zwar wird es nicht mehr ganz so kalt, doch dafür könnte es im Norden und Osten schneien.Noch schlimmer hat die Kältewelle vor allem unsere östlichen Nachbarländer getroffen. In Mittelpolen lagen die Temperaturen nach wie vor bei minus 30 Grad. In einigen Städten brach der Nahverkehr zusammen, weil der Treibstoff in den Bussen gefroren war. Nachdem am Wochenende 27 weitere Menschen durch die Kälte ums Leben gekommen waren, liegt die Zahl der Kältetoten im Land jetzt bei 150.Auch in Russland hatten die Menschen weiter unter der Kälte zu leiden. Im Moskauer Vorort Podolsk waren am Montag 12 000 Einwohner ohne Heizung, nachdem eine Heißwasserleitung geborsten war. Betroffen waren mehr als 20 Gebäude. Die Temperaturen waren in der Nacht auf minus 38 Grad gesunken. In Moskau selbst wird vom kältesten Winter seit 1978/1979 gesprochen. Allein am Wochenende sind in der russischen Hauptstadt sieben Menschen erfroren. Landesweit sei die Zahl der Kälteopfer damit auf fast 50 gestiegen.In der Ukraine erfroren in der extremen Kälte fünf Menschen. Damit stieg die Zahl der Kältetoten dort auf 26. Hunderte Menschen kamen mit Erfrierungen ins Krankenhaus. In der Region Lugansk im Osten des Landes waren bei Temperaturen bis zu minus 34 Grad rund 60 000 Menschen weiterhin ohne Heizung.Temperaturen um minus 25 Grad haben auch in Rumänien mindestens fünf Menschen das Leben gekostet. 25 Menschen, die kurz vor dem Erfrieren waren, wurden ins Krankenhaus gebracht. In der Hauptstadt Bukarest, wo die Temperaturen bei minus 17 Grad lagen, wurden Zelte aufgestellt, in denen gratis heißer Tee an Bedürftige ausgeschenkt wurde. Kältetote wurden ebenfalls aus Estland und Moldawien gemeldet. (BLZ)------------------------------Eisige RekordeDie tiefste Temperatur aller Zeiten wurde am 21. Juli 1983 an der russischen Antarktis-Station "Wostok" gemessen: minus 89,2 Grad. Die Station liegt in 3 420 Meter Höhe.Den Kälterekord in einer "normalen" Stadt auf der Nordhalbkugel hält das sibirische Oimjakon. Hier wurden im Jahr 1933 minus 68,9 Grad registriert und vor einigen Jahren angeblich sogar minus 72 Grad. Damit steht der Ort im Guinness-Buch der Rekorde.In Deutschland wird der absolute Kälterekord seit über 100 Jahren vom Funtensee im bayerischen Nationalpark Berchtesgaden gehalten: Im Jahr 2001 wurden Heiligabend hier 45,9 Grad Frost gemessen.Die größte Schneemenge binnen eines Jahres wurde am Mt. Rainier im US-Bundesstaat Washington beobachtet. Dort fielen in der Zeit vom 19. Februar 1971 bis 8. Februar 1972 insgesamt 31,1 Meter Neuschnee.------------------------------Foto: Keine Kälte kann den russischen Eisangler schrecken. Gegen eisigen Wind schützt man sich mit einer Plastikplane.
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