In Deutschland will kaum einer Ausgehverbote für Kinder. In den USA sind sie selbstverständlich

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Christian Esch
5 Min

Die viel beschworene westliche Wertegemeinschaft zeigt immer wieder überraschend tiefe Risse. Einer der interessanteren Fälle ist die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit auf den Vorschlag von CSU-Generalsekretär Markus Söder, das Jugendschutzgesetz zu ändern. Kinder unter 14 Jahren sollten nach 20 Uhr das Haus nur noch in Begleitung Erwachsener verlassen dürfen, fordert Söder. Der Vorschlag wurde von manchen abgelehnt, von den meisten aber gar nicht ernst genommen. Schließlich liegen die Einwände auf der Hand: Kriminalität unter Jugendlichen ist nicht auf die Nachtstunden und den öffentlichen Raum beschränkt, man könnte zum Schutz der Kinder genau so gut den Schulbesuch verbieten; es ist Sache der Eltern, nicht des Staates, Kinder zu beaufsichtigen; es geht nicht an, einer großen Mehrheit von Jugendlichen ein Recht zu nehmen, um eine Minderheit von Missetätern zu kontrollieren. Offensichtlich hat man in den Vereinigten Staaten auf alle diese Einwände Antworten gefunden, denn dort sind Ausgehverbote für Jugendliche gang und gäbe. Die Konferenz der Bürgermeister der USA hat 1997 in einer Umfrage unter 347 Städten ermittelt, dass achtzig Prozent eine nächtliche Ausgangssperre für Jugendliche erlassen haben. Diese "juvenile curfews" sind zum Teil recht alt; manche gehen zurück bis auf die 1890er-Jahre, als die Verwahrlosung von Immigrantenkindern als Gefahr angesehen wurde, andere entstanden seit den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Die Erwachsenen, die derzeit über die Bewegungsfreiheit ihrer Kinder verfügen, sind oft selbst mit staatlichen Ausgangssperren groß geworden. Diese Verordnungen standen vielerorts jedoch nur auf dem Papier, denn die Popularität dieser drastischen Maßnahme wächst und schwindet in Zyklen. In den 1990er Jahren herrschte ein regelrechtes "curfew fever": neue Verbote wurden erlassen, bestehende durchgesetzt. Die amerikanischen Ausgehverbote betreffen meist, anders als Söder es vorschlug, Jugendliche im Alter unter 17 Jahren. Wie die zitierte Erhebung zeigt, gelten in einem Viertel der Städte darüber hinaus auch tagsüber Ausgehverbote. Viele andere Gemeinden haben ohnehin strikte Gesetze gegen das Schuleschwänzen ("truancy laws"), denen zufolge schulpflichtige Jugendliche aufgegriffen werden können, die während der Unterrichtszeiten nicht in der Schule sind.Ausnahmen werden unterschiedlich gefasst. Bezeichnenderweise nehmen alle nächtlichen Ausgangssperren Rücksicht auf Jugendliche, die auf dem Weg von der oder zur Arbeit sind. Manche untersagen nur das "Herumlungern" ("loitering"), andere die reine Anwesenheit auf Straßen und Plätzen. Die besonders strenge Verordnung in New Orleans von 1994 lässt nicht einmal den Aufenthalt auf dem Bürgersteig vor dem eigenen Haus zu. Die deutsche Öffentlichkeit, auch wenn sie sich im letzten Jahrzehnt schon an manche Beschränkung individueller Freiheiten gewöhnt hat, würde eine so drastische Maßnahme nur in einer bürgerkriegsähnlichen Situation akzeptieren. Tatsächlich hat es in Deutschland Ausgangssperren für eine ganze Altersgruppe nur in Ausnahmefällen gegeben, vor allem im Zweiten Weltkrieg in den "Polizeiverordnungen zum Schutze der Jugend" von 1940 und 1943. Dass in den USA eine breite Mehrheit kein Problem darin sieht, Jugendliche nachts ans Haus zu fesseln, ist erstaunlich. Zwar handelt es sich bei den Jugendlichen nicht um Wähler - genauso wie im 19. Jahrhundert bei den Schwarzen, die in den Südstaaten Ausgehverboten unterlagen -, wohl aber bei deren Eltern.Aber anstatt im staatlichen Ausgehverbot einen Eingriff in die elterliche Gewalt zu sehen, sieht man es gerade als Stärkung: "Ich bin sicher, viele Teenager halten dieses Ausgehverbot für zu streng", sagte Clinton im Wahlkampfjahr 1996 in New Orleans; "aber sie sollten wissen, dass die Welt da draußen gefährlich ist, und dass diese Regeln von Menschen gesetzt werden, die sie lieben und sich um sie sorgen". Tatsächlich werden die Ausgehverbote in der Öffentlichkeit stets mit beidem zugleich begründet: mit der Angst vor jugendlichen Verbrechern wie mit der Angst vor Verbrechen gegen Jugendliche. Jugendschutz, Kriminalitätsbekämpfung und Fürsorge verbinden sich: Wenn die Mannschaftswagen, die in Chicago die Jugendlichen auflesen, "Care-O-Vans" heißen und in den Großstädten eigens eingerichtete Sammelplätze für Jugendliche, die "Curfew Center", zu sozialen Dienstleistungszentren werden, dann verwischen die Grenzen zwischen Strafe und Fürsorge wie in vormodernen Zeiten. In Charleston, South Carolina sieht die "Operation Midnight" vor, dass Eltern die Polizei per Unterschrift ermächtigen, ihre Kinder nachts aufzugreifen und heimzubringen - die Polizei wird zum Gehilfen der Eltern. Wenn die Mehrheit der amerikanischen Wähler Maßnahmen gutheißt, die wir nur im Ausnahmezustand billigen würden, so ist dies letztlich nur damit zu erklären, dass sie sich im permanenten Ausnahmezustand fühlt. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände in einigen Innenstadtbezirken - in vielen weißen Suburbs sind die Verhältnisse dagegen sicherer als hier zu Lande - ließen jede effektive Maßnahme gerechtfertigt erscheinen. Und Curfews gelten als effektiv - zwar gibt es keine belastbaren Statistiken, aber die Kriminalität ist in den neunziger Jahren allgemein gesunken. Es ist diese Angst - Michael Moore hat sie im Film "Bowling for Columbine" zur Kenntlichkeit entstellt -, deren Ausmaß und Allgegenwärtigkeit uns fremd ist. Anders als die US-Amerikaner haben wir uns eine gewisse Unschuld des Blickes bewahrt. Wo, wie in amerikanischen Suburbs, der Bau von Radwegen verhindert wird - denn wer kein Auto besitzt, ist wohl mit schlechten Absichten unterwegs -, wo Basketballkörbe an öffentlichen Plätzen abmontiert werden - sie ziehen gefährliche schwarze Jugendliche an -, wo Musiklager in den Schulferien vom Staatsanwalt mitorganisiert werden - Hauptsache, die Kleinen sind von der Straße -, da ist diese Unschuld des Blicks auf die Jugend und auf die Welt verloren. Und ist das Vertrauen in die Welt erst einmal fort, kehrt es nicht so schnell wieder, egal wie sicher oder unsicher die "Welt da draußen" wirklich ist.Care-O-Van: so heißen die Mannschaftswagen, die in Chicago nachts die Jugendlichen auflesen.Foto: Ein Zifferblatt, von Eltern auf das Auto ihrer Kinder geklebt, hilft der Polizei in Natchez, Miss. die Ausgangssperre zu überwachen.

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