Der Autor Franz Dobler hatte ziemlich schnell die Schnauze voll. "Und ihr dahinten, die ihr euch so gern unterhaltet! Ihr könnt euch gern verpissen!" Bei der sehr gut besuchten Eröffnung des neuen literarischen Nachtclubs "Hardcover", den der Blumenbar Verlag, der Berlin Verlag und das Maxim Gorki Theater künftig einmal im Monat im WMF-Club in der Klosterstraße in Mitte veranstalten wollen, ging es, lautstärkemäßig, nämlich ziemlich drunter und drüber.Zwar saßen die meisten Gäste still und gesittet auf ihren Plätzen und gaben sich alle Mühe, etwas von dem Kulturprogramm mit Lesungen und Musik mitzubekommen, das vor der Tanzflächeneröffnung anberaumt war. Doch angesichts des parallel erfolgenden, regen Barbetriebs mit entsprechender Trink-Konversation im hinteren Raumteil war das Zuhören oft äußerst schwierig, um nicht zu sagen unmöglich. Ziemlich früh am Abend hatte deshalb auch schon Blumenbar-Verleger Wolfgang Farkas um mehr Respekt gegenüber den Autoren, Musikern und Schauspielern auf der Bühne gebeten - erst höflich, dann mit Nachdruck, bis er schließlich sogar die Schließung der Bar androhte. Unterstützt wurde er durch anhaltendes "Pscht!"-Gezischel und "Ruhe!"-Brüller aus dem Publikum. Und auch der Gorki-Schauspielerin und Sängerin Britta Hammelstein, die zusammen mit dem Pianisten Matthias Suter einige apart performte Leonhard-Cohen-Cover-Songs darbot, entfuhr irgendwann ein deutlich genervtes "Hallo dahinten!"Bisweilen kam man sich vor wie in der Schule, wenn der Lehrer die Schwätzer in der letzten Reihe erfolglos zur Ordnung ruft. Manchem Schreihals, Raucher oder Bierflaschen-Klirrer wünschte man deshalb ein mindestens zehnstündiges Nachsitzen, sowie, als Strafarbeit, das hundertfache Abschreiben des Satzes "Ich will mich bei Kulturveranstaltungen nie wieder wie der letzte Prolet benehmen" an den Hals. Von dem zeitweilig sehr eleganten, dann wieder angenehm trashigen Programm, das teilweise dem Musiker und bei Blumenbar erscheinenden Schriftsteller Leonhard Cohen gewidmet war, hätte man nämlich gern mehr mitbekommen. Etwa von Franz Doblers pittoresker Lesung, der aus Cohen-Gedichten vortrug. Oder von den Gorki-Schauspielern Wilhelm Eilers und Christina Große, die aus Cohens erstem Roman "Das Lieblingsspiel" (1963) vorlasen. Und natürlich auch von Alexander Schimmelbusch, dem diesjährigen Preisträger der neuen, von Independent-Verlagen eingeführten "Hotlist", der aus seinem Text "Blut im Wasser" vortrug.Glücklicherweise wurden die Künstler für ihre unzumutbaren Auftrittsbedingungen wenigstens durch den mehr als freundlichen Beifall der manierlicheren Publikumsfraktionen entschädigt. Die kulturbeflissene Mittebevölkerung, die - auch altersmäßig - an diesem Abend in ihrer ganzen schicken Breite vertreten war, weiß ja grundsätzlich durchaus, was sich gehört. Zwischen all den lila Seidenkrawatten, schmutzigen Chucks, löchrigen Tiger-Leggings und glitzernden Paillettenroben hätte man sich deshalb gern noch bis in die Morgenstunden amüsiert - hätten sie nur nicht mehrheitlich schon vor Mitternacht wieder zu Hause im Schrank gehangen.Wenn es den Veranstaltern von "Hardcover" also darum geht, Clubkultur, Theater, Musik und Literatur unter einen Hut zu bringen, und den unterschiedlichen Ausgehbedürfnissen von Lesungsbesuchern, Bier- und Tanzfreunden einen ganzen Abend lang möglichst vielfältig gerecht zu werden, so klappte das zumindest an diesem ersten Abend eher mäßig. Für den unlängst nach Berlin umgezogenen Blumenbar Verlag, der wie das WMF nun ebenfalls in den Räumen des ehemaligen DDR-Fernmeldeamtes in der Klosterstraße residiert und eine Vertriebspartnerschaft mit dem Berlin Verlag eingegangen ist, geht es mit dem neuen Veranstaltungskonzept aber auch darum, in der Hauptstadt Fuß zu fassen.Farkas will an die Anfänge in München anknüpfen, als bei den ersten Veranstaltungen des 2002 gegründeten Verlages in den Privatwohnungen der Mitarbeiter das Bier noch in der Küche ausgeschenkt wurde. Ha! Vielleicht wäre dies auch die Lösung für den nächsten Hardcover-Abend: Ab in die Küche mit den Tresen-Schwätzern! Ansonsten, Herr Farkas, schließen Sie beim nächsten Mal doch bitte wirklich einfach die Bar.
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