Wachsam bleiben! Das hatten Experten vor Beginn des Winters geraten. Das Ungeheuer namens Sars, das im vergangenen Jahr mehr als achttausend Menschen befallen hatte, schien nur zu schlafen. Sollte es in der kalten, feuchten Jahreszeit wieder zu neuem Leben erwachen, wollte man vorbereitet sein. Jetzt ist der Winter vorbei. Und einen neuen großen Ausbruch der lebensbedrohlichen Lungenkrankheit hat es zum Glück nicht gegeben. Seit Dezember sind lediglich vier Fälle des Schweren Akuten Respiratorischen Syndroms - so heißt die Erkrankung mit vollem Namen - bekannt geworden. Diesmal blieb sie in ihrem Ursprungsgebiet, der südchinesischen Provinz Guangdong. Den vier erkrankten Chinesen geht es mittlerweile wieder gut. Dass es keinen neuen weltweiten Seuchenzug gegeben hat, ist nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass die Wissenschaft diesmal wusste, mit welchem Erreger sie es zu tun hat. "Man hat das Virus in dieser Saison in einer Frühphase erwischt, bevor es großen Schaden anrichten konnte", sagt Rolf Hilgenfeld, Direktor des Instituts für Biochemie an der Universität Lübeck. In dieser frühen Phase springt der Erreger noch nicht so leicht von Mensch zu Mensch. Infizierte geben ihn nur an etwa drei Prozent ihrer Kontaktpersonen weiter. Das liegt unter anderem daran, dass sich das Virus, das ursprünglich aus dem Tierreich stammt, erst an die menschlichen Wirtszellen anpassen muss. Ist das einmal geschehen, ist die Übertragung von Mensch zu Mensch leichter. Ein Infizierter kann dann mehr als zwei Drittel seiner Mitmenschen anstecken. Von welchem Tier das Sars-Coronavirus auf den Menschen übergesprungen ist, weiß man bis heute nicht genau. Immer wieder ins Spiel gebracht wird der Larvenroller, eine südostasiatische Schleichkatzenart. Aus Larvenrollern, die auf Tiermärkten in China verkauft wurden, haben Forscher Viren isoliert, die dem menschlichen Sars-Virus stark ähneln. "Bei wild lebenden Tieren dieser Art ist der Erreger jedoch noch nicht gefunden worden", berichtet Rolf Hilgenfeld. Möglicherweise hat der Larvenroller das Virus also von einer anderen Tierart übernommen. Fest steht, dass das menschliche Sars-Coronavirus weiter verbreitet ist als allgemein angenommen. Hongkonger Mikrobiologen fanden den Erreger auch im Blut von gesunden Menschen und von Patienten, die keine Symptome einer Lungenentzündung aufwiesen. Im Medizinjournal Lancet erklären die Forscher um Patrick Woo von der University of Hongkong damit die Sars-Fälle bei Menschen, die keinen nachvollziehbaren Kontakt zu anderen Erkrankten hatten. Überhaupt scheint es mehr als die bislang bekannten drei Arten von Coronaviren zu geben, die Menschen befallen können. Im Fachmagazin Nature Medicine stellten Virologen um Lia van den Hoek von der University of Amsterdam erst vor zwei Wochen ein neues menschliches Coronavirus vor (NL63). Es war erstmals im Januar 2003 bei einem sieben Monate alten Baby aufgetreten, das mit Erkältungssymptomen ins Krankenhaus gebracht worden war. Dieses Virus scheint jedoch nicht so gefährlich zu sein wie der Sars-Erreger.Eine wirksame Therapie oder gar eine Impfung gegen Sars gibt es auch ein Jahr nach Bekanntwerden der ersten Fälle noch nicht. Aber die Wissenschaft kommt diesem Ziel immer näher. Mediziner der University of Pittsburgh meldeten kürzlich in Lancet erste Erfolge mit einem gentechnisch hergestellten Impfstoff. Das Team um Andrea Gambotto hatte ein Schnupfenvirus so verändert, dass es dem Sars-Coronavirus in Teilen ähnelte. Rhesusaffen, die damit geimpft wurden, hatten sechs Wochen später Antikörper gegen Sars im Blut. Ein anderer Impfstoff, der jetzt an Mäusen getestet wurde, ist ebenfalls Erfolg versprechend. Wissenschaftler um Gary Nabel und Kanta Subbaro vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland haben einen Impfstoff entwickelt, der DNA-Bruchstücke des Sars-Virus enthält. Wie die Forscher in der aktuellen Nature-Ausgabe berichten, sind die Erbgutfragmente so winzig, dass daraus auf keinen Fall das komplette Sars-Virus entstehen könne. Sie reichten aber aus, um eine schützende Immunantwort hervorzurufen. Bei Mäusen, die mit dem Serum geimpft wurden, ließen sich zwei Tage nach einer Sars-Infektion so gut wie gar keine Sars-Viren im Blut nachweisen. Nach Angaben von Nabel bereitet eine kooperierende Pharmafirma bereits einen Impfstoff vor, der in klinischen Studien an Menschen getestet werden soll. Eine andere Strategie verfolgen Forscher des Dana Farber Cancer Institute in Boston. Aus einer Sammlung von rund 27 Milliarden menschlichen Antikörpern haben sie den einen herausgefunden, der die Andockstellen des Sars-Erregers so verändert, dass dieser nicht mehr in menschliche Wirtszellen eindringen kann. In Tierversuchen habe sich der Antikörper "80R" schon bewährt, berichtete das Team um Jianhua Sui im Februar in der Online-Ausgabe der Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). Er eigne sich möglicherweise nicht nur zur frühzeitigen Therapie der Erkrankung, sondern auch zur Vorbeugung. Auch die Lübecker Wissenschaftler um Rolf Hilgenfeld arbeiten an einer Sars-Arznei. Die Biochemiker hatten im vergangenen Jahr gemeinsam mit Kollegen aus China die Struktur eines Enzyms enthüllt, welches das Sars-Virus für seine Vermehrung braucht. Ließe sich dieses Enzym blockieren, dann könnte sich der Erreger nicht im menschlichen Körper ausbreiten. "Wir entwickeln solche Inhibitoren", sagt Hilgenfeld, "aber noch ist nichts marktreif". Vielleicht kommen die Forscher in den nächsten Wochen ja noch einen entscheidenden Schritt weiter. Wenn Hilgenfeld Glück hat, kann er den Durchbruch im Mai vor Sars-Experten aus aller Welt vermelden, und zwar auf heimischem Terrain. Der nächste internationale Sars-Kongress wird nämlich von ihm organisiert und findet vom 8. bis 11. Mai in Lübeck statt. Lancet, Bd. 363, S. 841, Bd. 362, S. 1895; Nature Medicine, Online-Ausgabe vom 21. März; Nature, Bd. 428, S. 561; PNAS, Online-Publikation, 2. Februar------------------------------Foto: Ob der Larvenroller - das Foto zeigt ein Exemplar dieser Schleichkatzenart im Tokioter Zoo - am Anfang der Infektionskette des Sars-Coronavirus steht, ist noch nicht klar. Aufgrund eines starken Verdachts hatte die chinesische Regierung Anfang des Jahres die Schlachtung von zehntausend Tieren veranlasst.
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