In diplomatischem Ton kritisieren bosnische Minister die Art der Abschiebung von Flüchtlingen aus Deutschland

Sarajevo appelliert ganz leise

Norbert Mappes-Niediek
6 Min

"Kein heiles Haus in Kozarac?" Nun, das sei übertrieben, sagt der Leiter des örtlichen "Empfangszentrums" für rückkehrende Flüchtlinge. Dann deutet er mit einem zynischen Grinsen aus dem Fenster. "Da hinten zum Beispiel steht eins." Das zweite intakte Gebäude von Kozarac ist die Schule, wo er selber residiert. Nebenan hat das UNO-Flüchtlingshilfswerk eine Suppenküche aufgeschlagen für die paar alten Leute, die hier die Ruinen nach brauchbarem Brennholz absuchen.Kozarac, das heute zur serbischen Einheit Bosniens gehört, ist Haus für Haus zerstört, auf dem muslimischen Friedhof rund um die Moschee grasen die Schafe. Der Ort wurde im Juli 1992 vollständig "ethnisch gesäubert", die meisten der Bewohner in Lager gebracht. Einige schlugen sich im waldigen Kozara-Gebirge hinter die Linien, manche führte ihre Flucht bis nach Deutschland. Was der Leiter des serbischen "Empfangszentrums" von der möglichen Rückkehr der Flüchtlinge hält, will er nicht sagen. Kozarac ist, zumindest theoretisch, das Ziel etlicher bosnischer Flüchtlinge in Deutschland - wie etwa für Esad und Edin Mujkanovic, Vater und Sohn, die in der vergangenen Woche in der Unterkunft im sächsischen Kamenz ihre Abschiebungsbescheide bekommen haben. Beredtes Schweigen In der bosnischen Hauptstadt Sarajevo reagieren viele Menschen gereizt auf die Abschiebungen der Bosnier aus Deutschland. "Die Deutschen haben uns viel geholfen", sagt Jadranka Hasanbegovic diplomatisch unterkühlt. Die 73jährige Frau hat einen Teil des Zweiten Weltkriegs als Zwangsarbeiterin in Deutschland verbracht. "Svabo", das traditionelle Schimpfwort für die Deutschen, kam ihr schon lange nicht mehr über die Lippen. Aber wenn jetzt ein deutscher Minister im Fernsehen spricht, sagt Frau Jadranka manchmal Dinge, die ihr in den letzten fünf Jahren nicht eingefallen sind. "Das ist eine Sprache zum Marschieren, nicht zum Singen", entfährt es ihr dann. Und sie erzählt, daß ihr Sohn, ein habilitierter Neurochirurg, glücklich sein darf, in Frankfurt als Wachmann zu arbeiten.Das offizielle Sarajevo schweigt beredt zu den Abschiebungen der Bürgerkriegsflüchtlinge aus Deutschland. Nicht nur zu Dank verpflichtete Bosnier halten sich zurück, auch Vertreter internationaler Organisationen, die Grund haben, jeden Einfluß aus Bonn zu respektieren. Das deutsche Argument, die Flüchtlinge würden zum Aufbau gebraucht, sei "absolut richtig", erklärt Kris Janowski, der Sprecher des UNO-Flüchtlingshilfswerks in Sarajevo. Allerdings habe es einige bedauerliche "Abschiebungsfehler" gegeben. Janowski, erzählt man sich in Sarajevo, habe nach einem Kinkel-Brief an die UNO seine Tonlage deutlich gedämpft.Die beiden Tageszeitungen in der bosnischen Hauptstadt, "Oslobodjenje" und "Dnevni avaz", berichten zwar über die deutschen Abschiebungen auf ihren Titelseiten, doch sie kommentieren die Vorgänge nicht. Selbst aggressive Oppositionsblätter, wie die radikale "Slobodna Hercegovina", erregen sich eher über die eigene Regierung als über die Abschiebungsmethoden der Deutschen: Die Administration sei "nicht vorbereitet" auf den Strom von Rückkehrern.Bosniens Flüchtlingsminister Rasim Kadic ist bislang das einzige Regierungsmitglied, das sich zur deutschen Praxis kritisch äußert. Er appelliert an die Deutschen, doch zunächst die "leichteren Fälle" zu schicken. Er verstehe die Eile, sagt Kadic, und auch die Probleme der Deutschen. Aber er verstehe nicht, warum sechs Polizisten um drei Uhr morgens in die Wohnung einer älteren Frau kommen müßten und dort warten, bis sie ihre Sachen zusammengepackt hätte, so daß sie sich aus Schamgefühl nicht einmal umziehen könne. Neun Protokolle Was passiert ist und worüber man in Sarajevo eher schweigt, ist in der Stadt trotz der Diskretion der Medien bekannt. Das UNO-Flüchtligshilfswerk hat neun der 44 Flüchtlinge, die kürzlich per Flugzeug aus München abgeschoben wurden, interviewt - die neun mußten in das Übergangslager Sredinje, 30 Kilometer nördlich von Sarajevo, gebracht werden, weil sie nicht wußten, wohin sie gehen sollten. In Sredinje nahm das Flüchtlingshilfswerk ihre Berichte auf.Das Protokoll über die Abschiebung des Ehepaars Jusuf und Sabera Nukic zum Beispiel liest sich so: "Am 25. März 1997 um drei Uhr morgens kamen sechs deutsche Polizisten, alle in Uniform, in ihre Wohnung in Altötting und setzen sie von der bevorstehenden Deportation in Kenntnis. Ihnen wurden zehn Minuten gegeben, ihre Sachen zusammenzupacken. Frau Sabera erlitt einen Schwächeanfall. Trotzdem erfüllten die Polizisten ihre Pflicht und trugen sie in das Fahrzeug. Der Direktor des Flüchtlingszentrums, wo das Ehepaar Nukic untergebracht war, intervenierte vergeblich. Als das UNO-Flüchtlingshilfswerk sie interviewte, trug Frau Sabera noch immer ihren Schlafanzug. Jusuf und Sabera Nukic wurden zur Polizeistation gebracht, wo sie etwa zwei Stunden warteten. Dann wurden sie zusammen mit anderen Deportierten und sechs oder sieben Polizeibeamten zum Münchner Flughafen transportiert und in den Flug München-Sarajevo gesetzt. Sie behaupten, noch immer unter Schock, sie seien wie Kriminelle behandelt worden. Das Flugzeug habe in einem Hangar gestanden, umstellt von Dutzenden Polizisten." Kris Janowski, der Sprecher des Flüchtlingshilfswerkes in Sarajevo, kennt die Protokolle. "Deutschland hat sich mit seiner Gastfreundschaft in den letzten Jahren hohes Ansehen erworben", sagt er. Dann fügt er hinzu: "Dieses Ansehen droht es jetzt zu verlieren." Er räumt jedoch ein, daß bislang noch kaum etwas passiert sei: Etwa 100 Flüchtlinge seien seit dem vergangenen Spetember abgeschoben worden, als die deutschen Länder-Innenminister beschlossen, die Duldungen für Bosnien-Flüchtlinge nicht mehr zu verlängern. Keine Unterkunft Bosniens Vize-Flüchtlingsminister Sulejman Garib brachte von einer Sitzung der gemischten deutsch-bosnischen Expertengruppe die Nachricht mit, daß pro Monat künftig bis zu 200 Flüchtlinge aus Deutschland abgeschoben würden - gemessen an der Zahl der Menschen, die freiwillig zurückkehrten, sind das nur wenige: Allein aus Deutschland sind im letzten Vierteljahr zwischen 8 000 und 10 000 Flüchtlinge zurückgekommen. Dennoch stellen die Abschiebungen für die bosnischen Flüchtlingsbehörden ein Problem dar. Denn gerade diejenigen, die zwangsweise ausgeflogen werden oder sich unter dem Eindruck einer drohenden Abschiebung selber überstürzt auf die Reise machen, haben meist keine Unterkunft in Bosnien. Fünf neue "Empfangszentren" sollen bis zum Sommerbeginn in der muslimisch-kroatischen Föderation entstehen. Das seien "keine klassischen Flüchtlingslager", sagt Sulejman Garib, sondern "Übergangszentren für die Erfassung und Verteilung ankommender Flüchtlinge".Etwa 60 Prozent der bosnischen Flüchtlinge sind Muslime, die aus der heutigen Republik Srpska stammen und dorthin nicht zurückkehren können. Das "größere Problem" aber sind nach den Worten von Garib die Muslime, die aus der Föderation stammen und in ihre alten Wohnungen nicht einziehen können, weil sie längst von anderen Flüchtlingen belegt sind. Und so übt auch Garib vorsichtige Kritik an der deutschen Praxis. Man müsse darauf bestehen, sagt der Vize-Minister, daß bei der Rückführung die "realen Möglichkeiten" in Bosnien beachtet würden. Schließlich lebten bereits 400 000 Flüchtlinge im Land. "Die deutschen Behörden", so Garib, "haben kein hinreichendes Verständnis für unsere Schwierigkeiten." Besondere Probleme werden aus der Herzegowina berichtet. Muslimische Flüchtlinge, die aus Mostar oder aus dem unteren Neretvatal stammen, werden nicht in Gebiete gelassen, die heute unter kroatischer Verwaltung stehen. Eine Neuansiedlung kommt für die Behörden nicht in Frage. Das Recht auf Rückkehr von Muslimen in Orte wie Stolac oder Capljina ist daher einer der wichtigsten Streitpunkte zwischen muslimischen und kroatischen Politikern. "Da bleibt nur das Lager", meint Omer Hujdur, der Flüchtlingsminister des Kantons. "Wie sollen wir Rückkehrer in Stolac unterbringen, wenn es nicht einmal im Rahmen eines international unterstützten Pilotprojekts gelungen ist, eine einzige muslimische Familie dort wieder anzusiedeln?" Die Kantonsbehörden erwarten in diesem Jahr 5 200 Rückkehrer aus Deutschland. +++

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