In Italien häufen sich Übergriffe gegen Roma, Ausländer, Schwule und Linke

Scharfer Wind von rechts

Kordula Doerfler
5 Min

ROM. Unter Künstlern gilt Pigneto als Geheimtipp. Die Mieten sind noch bezahlbar in dem einstigen Arbeiterviertel hinter dem Hauptbahnhof in Rom. Indische Restaurants und asiatische Geschäfte geben dem Quartier einen internationalen Anstrich. Einträchtig, so schien es, lebten Einwanderer aus Indien und Bangladesh mit römischen Arbeitern, Studenten und Bohemiens zusammen. Bis am vergangenen Wochenende der Frieden zerbarst. Am helllichten Tag ging eine Gruppe maskierter und mit Baseball-Schlägern bewaffneter Männer auf farbige Bewohner des Viertels los und demolierte nicht-italienische Geschäfte und Bars.Mit Brechstangen und KettenNur zehn Tage vorher hatte ein wütender Mob in Neapel zwei illegale Roma-Lager angegriffen und in Brand gesteckt. Die Bewohner mussten unter Polizeischutz in Sicherheit gebracht werden. Jetzt, in Pigneto, waren es verängstigte Inder, die in die Fernsehkameras stammelten, dass sie doch friedlich seien und außerdem bestens integriert. Einen Tag später fand eine Solidaritätskundgebung statt, und auch Roms neuer Bürgermeister Gianni Alemanno, ein Postfaschist, beeilte sich zu versichern, dass solche Übergriffe nicht geduldet werden könnten. Auch Italiens Linke verurteilte dieses Mal schnell den "rechten Terror".Allein die Polizei zeigte sich ganz sicher, dass die Täter keine politischen Motive gehabt hätten. So ähnlich hatten auch die Kollegen im norditalienischen Verona reagiert, als dort kürzlich ein junger Mann von rechtsextremen Schlägern zu Tode geprügelt worden war, weil er ihnen eine Zigarette verwehrt hatte. Noch laufen die Ermittlungen zu den Vorfällen in Pigneto, deren Hintergründe offenbar tatsächlich komplexer sind als anfangs angenommen. Trotzdem ist ein beunruhigender Trend zu erkennen.So gingen zwei Tage nach den Ausschreitungen in Pigneto ganz in der Nähe, auf dem Gelände der römischen Universität La Sapienza, Mitglieder der neofaschistischen Gruppe Forza Nuova mit Brechstangen und Ketten auf linke Kommilitonen los. Die wollten mit einem Sit-In einen Auftritt des rechtsextremen Europa-Abgeordneten Roberto Fiore an der Universität verhindern. In der Nacht zu Sonntag warfen Unbekannte im Städtchen Altopascio in der Toscana einen Molotov-Cocktail auf einen Kebab-Laden. Der Inhaber ist ein kurdischer Türke. Kürzlich wurde in Rom der aus Albanien stammende Tänzer Kadiu Kledi bei einer Veranstaltung von einem Mann massiv bedroht. Ebenfalls in Rom wurde der Journalist Christian Floris vor seiner Wohnung angegriffen und verletzt. Er ist ein bekannter Homosexueller. Auch gegen Schwule, so beobachten deren Verbände, häufen sich gewaltsame Übergriffe.Staatspräsident Giorgio Napolitano mahnte die Italiener, derartige Akte von Intoleranz stünden nicht im Einklang mit der Verfassung und seien Anlass zu Besorgnis. Doch dass in ganz Europa die Medien kritisch über die Stimmung in Italien berichten, nimmt man hier halb düpiert, halb ungerührt zur Kenntnis. "Wir sind kein Volk von Rassisten", beteuert zum Beispiel Innenminister Roberto Maroni von der Lega Nord.Doch auch wenn die neuen Regierenden unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi Gewalt gegen Ausländer nicht explizit unterstützen - die Wahlen gewannen sie mit fremdenfeindlichen Parolen. Und sie tun wenig, um sich von solchen Übergriffen deutlich zu distanzieren. Stattdessen propagieren sie eine "politische Wende", in der endlich durchgegriffen werde, so dass die Italiener nicht mehr in Angst leben müssten.Im allgemeinen Rechtsruck, der durch das Land geht, werden Übergriffe auf alle Arten von "Andersartigen" offenbar mehr und mehr salonfähig. Dazu passt, dass Anhänger Alemannos dessen Sieg bei der Bürgermeisterwahl mit dem verbotenen Duce-Gruß feierten und dabei das Büro einer Schwulen-Organisation demolierten. Dazu passt auch, dass Alemanno eine jährliche Schwulenparade, die immer Anfang Juni in Rom stattfindet, am liebsten verboten hätte. Berlusconis neue Ministerin für Gleichstellung, das ehemalige Showgirl Mara Carfagna, sagte ihre Teilnahme ab - mit der Begründung, Homosexuelle gälten heute nicht mehr als Geisteskranke, sondern seien so anerkannt, dass es keiner besonderen Manifestationen mehr bedürfe.In diesen Trend passt auch, dass Alemanno in Rom eine Straße nach Giorgio Almirante nennen will, dem 1988 verstorbenen Chef des postfaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI). Aus ihm ging Anfang der 90er Jahre die Alleanza Nazionale hervor, die Partei Alemannos. Roms jüdische Gemeinde lehnt das Ansinnen des Bürgermeisters entsetzt ab, war Almirante doch während des Faschismus Kulturminister der Marionetten-Republik von Salò und Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes "La difesa della razza".Auch in Roms Kulturszene, die von Alemannos Vorgänger, dem inzwischen zum Oppositionsführer aufgestiegenen Kunstliebhaber Walter Veltroni, jahrelang eher gehätschelt wurde, wächst die Sorge über den Wind von Rechts. In vielen Clubs und Sozialprojekten befürchtet man, dass die staatlichen Unterstützungsgelder demnächst gekürzt oder sie einfach geschlossen werden.Schuldfrage ist schnell geklärtDie in Italien noch immer ausgeprägte linke Subkultur ist den neuen Regierenden suspekt und gilt ihnen nicht nur als Hort subversiven Gedankenguts, sondern auch als Brutstätte linker Gewalt. Während man bei rechtsextremen Übergriffen nur selten politische Motive ausmachen will, ist man mit Urteilen über die radikale Linke schnell bei der Hand. Nach den Auseinandersetzungen an der Universität in Rom waren für Alemanno die Schuldigen leicht ausgemacht: jene Linksextremen, die keine Redefreiheit gewähren wollten. Innenminister Maroni ging noch weiter. Er warnte vor einer "neuen Welle politischer Gewalt" und fühlte sich bereits an die "bleiernen" 70er-Jahre erinnert. Der Neofaschist Roberto Fiore sieht das ähnlich.------------------------------"Wir sind kein Volk von Rassisten." Innenminister Roberto Maroni------------------------------Foto: Mit dem Duce-Gruß feierten italienische Rechtsextreme Ende April den Sieg des Postfaschisten Gianni Alemanno bei der Bürgermeisterwahl in Rom.

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