Die Nacht verstärkt die Explosion der Gefühle, lässt sie aber auch in Lichtgeschwindigkeit wieder verglühen. Deshalb galt es, so wie es Singapur vorlebt, die emotionale Wucht des Augenblicks zu genießen beim ersten Nacht-Grand-Prix der Formel 1. Der Zufallsgenerator hat beim tropischen Stadtrennen kräftig mitgemischt, was in der entscheidenden Phase der Weltmeisterschaft hart ist für die, die leer ausgehen mussten. Aber zufällig wird in dieser Formel-1-Saison keiner Champion, vielmehr entscheidet die Zuverlässigkeit.Während die übers Rennjahr eher unglücklichen Asphalthelden Fernando Alonso und Nico Rosberg daher eher mit Demut die Avancen für Sieg und Platz zwei entgegen- nahmen, schlichen die Ferraristi gedemütigt in die Finsternis. "Fehler sind menschlich", sagte Felipe Massa nach dem Boxengassenchaos, bei dem er mit Schlauch im Tank losgefahren war. Ausgerüstet mit dem überlegenen Auto fürs Bodenwellenreiten auf den Straßen Singapurs, blieb auch für Kollege Kimi Räikkönen nur Frust, nachdem sein Dienstwagen kurz vor Schluss in den Barrieren verrauchte. Totalschaden für die Titelverteidigung.Rote KöpfeDer Finne hat nun 27 Zähler Rückstand auf den Silberpfeil-Spitzenreiter Lewis Hamilton. Felipe Massa liegt sieben Punkte hinten. Schattenmänner mit roten Köpfen. Aber Ferraris Teamchef Stefano Domenicali hat die Rolle des Krisenmanagers in diesem Jahr schon so oft spielen müssen, dass er die Parolen wie aus einer Powerpoint-Präsentation formuliert: "Uns hat schon immer die Leidenschaft ausgezeichnet, im richtigen Moment zurückzukommen." Die Hoffnung, dass dieser bei drei noch ausstehenden Großen Preisen in Fuji, Schanghai und São Paulo, allesamt für chaotische Rennverläufe bekannt, noch nicht verpasst ist, liefert der Blick auf die Formkurven einer unberechenbaren Saison: Sie wirken wie die 23 tückischen Kurven des Marina Bay Circuit in Singapur.Bereinigt um die chaotischen Umstände einer Nachtank-Regel, die Teamchefs und Piloten kaum verstehen, das Publikum schon gar nicht, wurden in Südostasien die Null-Fehler-Ritte belohnt: Das galt für Alonso, Rosberg und auch für den Drittplatzierten Lewis Hamilton. Der Silberpfeil-Pilot, mit seiner Kompromisslosigkeit schon so häufig angeeckt, war ein Ausbund an kalkuliertem Risiko. 24 Punkte in drei Rennen, dann wäre er Weltmeister. Doch da ist der Fluch des Vorjahres, als 17 Punkte Vorsprung verzockt wurden.Überlegenheit unter extremen Bedingungen hat mit Überlegtheit zu tun. Doch erst die Unbeständigkeit bringt die Perfektionsmaschine Formel 1 an die Grenzen. Wer von nun an alles klar machen will, der muss sich entkrampfen, die in Singapur erfolgreiche Dracula-Taktik anwenden: Sich lange versteckt halten, um dann im richtigen Moment zuzubeißen. Ob sich das auch ins Tageslicht übertragen lässt? Am übernächsten Wochenende in Japan geht die Sonne auf.------------------------------Foto: Weg ist er: Felipe Massa flüchtet mitsamt dem Tankschlauch.
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