In Kummersdorf-Gut wird Weltkriegsmunition vernichtet / Der Job ist hochgefährlich

Arbeiten wie auf dem Pulverfass

Martin Klesmann
3 Min

KUMMERSDORF. Freitags ist Sprengtag. Dann ist sogar der Luftraum gesperrt für die Ferienflieger vom nahen Flughafen Schönefeld. 17 wuchtige Erdhügel sind auf dem Sprengplatz des Kampfmittelbeseitigungsdienstes aufgetürmt, hier in Kummersdorf-Gut (Teltow-Fläming). Unter den Erdhügeln begraben liegen rostige Fliegerbomben, Panzergranaten und andere Munition, insgesamt 15 Tonnen. Die Zündschnüre des kleinen Sprengkörpers, den Truppführer Klaus Pöhl dort installiert hat, ragen heraus und sind mit einer Stromleitung verbunden.Dann heult eine Sirene. Pöhl löst die Sprengungen aus, 17 Mal hintereinander dröhnt es gewaltig. Selbst 200 Meter entfernt im Schutzraum wackelt der massive Betonboden. Auf dem Sprengplatz riecht es jetzt beißend nach Schwarzpulver. Die Erdhügel haben sich in vier Meter tiefe Trichter verwandelt, vereinzelt liegen Granatsplitter herum. "Die können hier bis zu tausend Meter weit fliegen", sagt Pöhl, 45, ein ruhiger Mann, der schon bei der Raketentechnik der NVA Munition entschärft hat.Brandenburg ist das Bundesland, in dem noch immer am meisten Weltkriegsmunition in der Erde steckt. Rund 13 Prozent der Landesfläche gelten als "kampfmittelverdächtig". 14 Männer entsorgen hier im Munitionszerlegungsbetrieb die explosive Hinterlassenschaft des Zweiten Weltkrieges, die auch mehr als 60 Jahre nach Kriegsende Tag für Tag gefunden wird.Zunehmend wird auch anhand von amerikanischen und britischen Luftbildaufnahmen systematisch nach Bomben gesucht. Und auch Bauherren oder Investoren wollen vorab Klarheit haben - bei Oranienburg hatte man vor ein paar Jahren erst nach der Fertigstellung eines Neubaus einen Blindgänger genau unter dem Haus gefunden.Gerade im einst schwer zerbombten Oranienburg müssen Blindgänger, die mit chemischem Zünder senkrecht in der Erde stecken, vor Ort entschärft werden. Ein hochgefährlicher Job, der dem Entschärfer eine Erfolgsprämie von 500 Euro einbringt. Lassen sich die Sprengkörper transportieren, werden sie zunächst mit massiven Kampfstoffanhängern in Bunkern vor Ort transportiert. Erst wenn genug Blindgänger beisammen sind, werden sie später zum zentralen Sprengplatz gebracht.Die Anlage in Kummersdorf-Gut liegt hinter Stacheldraht-Zäunen. In einem früheren Bundeswehr-Bunker wird die Munition gelagert. Die Sortierung ist lebensgefährlich - an einem Freitag im Mai 2004 starb hier ein 31-jähriger Mitarbeiter, als ein Sprengstoffrest an einer russischen Granate detonierte. Auch 1993 gab es einen Todesfall. Eine im Bau befindliche High-Tech-Sortieranlage soll das Risiko minimieren.Die Arbeit auf der Anlage ist nichts für jedermann. "Man muss zuverlässig und selbstsicher sein, Verantwortung übernehmen können", sagt Hans-Jürgen Weise, Technischer Einsatzleiter im Norden Brandenburgs. "Keine Militaria-Fans oder Besserwisser." Von manchen Mitarbeitern habe man sich schnell wieder getrennt. Viele Kampfmittelbeseitiger arbeiten bereits in zweiter oder gar dritter Generation hier. Fast alle kommen aus Brandenburg. Nicht die Schnelligkeit sei entscheidend, sagt Rainer Wuthe, 54, Leiter des Zerlegungsbetriebes. Wichtig sei, jegliches Risiko zu vermeiden. Um zu überleben.------------------------------Land der BombenAltlasten: Durch die Weltkriegsschlachten ist Brandenburg noch heute das am meisten munitionsbelastete Bundesland.Belastet: 392 000 Hektar Landesfläche (13 Prozent) gelten als kampfmittelverdächtig. Bisher sind 313 Hektar geräumt, 6 729 Hektar gelten nach Erkundung durch Spezialisten nicht mehr als verdächtig. Allein im Vorjahr wurden 350 Tonnen Kampfmittel vernichtet, darunter 1 075 Brandbomben, 457 Sprengbomben sowie 134 840 Granaten.Häufung: Hauptbelastet sind die Gebiete Oder-Neiße und Halbe, wo große Schlachten tobten, aber auch das schwer zerbombte Oranienburg sowie Potsdam und Brandenburg/Havel.------------------------------Karte: Hauptbelastete Regionen

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