ISLAMABAD. Der Autokonvoi kriecht langsam über die Hauptstraße von Rawalpindi. Vorneweg fahren zwei Wagen mit verdunkelten, geschlossenen Fenstern. Wahlplakate kleben an beiden Seiten. Dann folgen einige Pickups. Die Männer auf den Ladeflächen sind wegen der Kälte in Decken gehüllt und betrachten misstrauisch die Leute am Straßenrand. Ihre nervösen Blicke verraten, dass sie sich bei jedem Passanten fragen: Ist er ein harmloser Bürger oder handelt es sich um einen Extremisten, der einen Anschlag ausheckt.So sieht Wahlkampf in Pakistan aus, wenige Tage vor der für Montag geplanten Parlamentswahl und sechs Wochen nach der Ermordung der Oppositionsführerin Benazir Bhutto: Ängstlich wegen der Attentatsgefahr und fast verschämt aus Sorge, mit Präsident Pervez Musharraf in einen Topf geworfen zu werden, versucht die Regierungspartei Pakistan Muslim League-Q (PML-Q) Wähler zu mobilisieren."Quatil-League" - "Mörder-Liga" - haben einige Leute quer über die Wahlplakate der Partei gemalt. Sie stecke, so behauptet auch Asef Ali Zardari, der Witwer von Bhutto, mit den Mördern seiner Ehefrau unter einer Decke. Die am 27. Dezember getötete Oppositionsführerin ist auf den Straßen von Rawalpindi allgegenwärtig. Ihre Pakistan Peoples Party (PPP) wirbt natürlich mit dem Foto von "BB". Und ihr Witwer Zardari stellt sich in seinen wenigen öffentlichen Auftritten als Erbe seiner Frau dar. "Ich muss Pakistan retten", verkündet er. Doch der Mann, der sich in den 90er-Jahren als Industrieminister wegen seiner korrupten Machenschaften den Spitznamen "Mr. Zehn Prozent" einhandelte, ist zwar Parteivize, aber kein Kandidat. Dennoch wird die PPP wohl stärkste Kraft im Parlament werden.Die zweite große Oppositionspartei, die eher islamisch orientierte Pakistan Muslim League-N, kombiniert auf ihren Plakaten das füllige Gesicht von Nawaz Sharif, dem "Löwen von Punjab", mit dem Parteisymbol des Tigers. Sharif, der 1999 von Musharraf gestürzt wurde und bis zum vergangenen Herbst in Saudi-Arabien im Exil lebte, darf nicht an der Wahl teilnehmen. Ein Musharraf-höriges Gericht verbot es ihm, weil ihm Korruption vorgeworfen wird. Dennoch könnte seine Partei die zweitstärkste werden.79 Prozent aller Pakistaner, so ergab eine Umfrage, sind überzeugt: Wenn die Regierungspartei PML-Q bei den Wahlen am Montag gewinnen sollte, dann muss es Wahlbetrug gegeben haben.Kriegserklärung der ExtremistenAllen Parteien gemeinsam ist in diesem Wahlkampf die Angst vor Attentaten und Selbstmordanschlägen. Der Kandidat der Nawaz-Partei in Rawalpindi, Javed Hashmi, sagt: "Wir können nur auf kleinen Veranstaltungen auftreten." Der füllige Mann mit einem gewaltigen Schnurrbart ist von sechs Leibwächtern umgeben. "Wir dürfen auch vorher gar nicht ankündigen, dass wir kommen", sagt er: "Das wäre zu riskant."Die Vorsichtsmaßnahmen gelten den radikalen islamischen Gotteskriegern. Sie haben Pakistan den Krieg erklärt, seit die Regierung im Sommer 2007 die "Rote Moschee" im Zentrum der Hauptstadt Islamabad stürmen ließ, die unter den Augen der Behörden zu einer Art Zentrale der Extremisten geworden war. Und kurz vor der Wahl verstärken die Extremisten ihren Terror. Anfang der Woche wurde Islamabads Botschafter in der afghanischen Hauptstadt Kabul entführt, als er im pakistanischen Grenzgebiet unterwegs war. Sie verschleppten drei Mitarbeiter der pakistanischen Atomenergiekommission. Am Wochenende riss ein Selbstmordattentäter 27 Menschen nahe Peshawar in den Tod, als er bei einer Wahlveranstaltung eine Bombe zündete. Und gestern starben bei einem Bombenanschlag auf eine Wahlkundgebung im Norden des Landes ein Politiker und zwei Zuhörer."Pakistan hat noch nie einen solch' seltsamen Wahlkampf erlebt", sagt Sarwar Bari, Generalsekretär des "Netzwerks für freie und faire Wahlen" (Fafen), einem Zusammenschluss von 30 unabhängigen Organisationen. Bari sitzt an einem Bericht über die Unregelmäßigkeiten und Manipulationsversuche im Wahlkampf. "Es gibt keinen Zweifel", sagt er, "die Wahlkommission war nicht neutral, sie hat den Kandidaten der Regierungspartei alle Möglichkeiten gegeben." Die konnten zum Beispiel Regierungsfahrzeuge für ihre Auftritte im Land nutzen und durften auch während des von Musharraf ausgerufenen Notstands Veranstaltungen abhalten, was den anderen Parteien nicht erlaubt war. "Trotzdem ist nicht sicher, dass Musharrafs Leute gewinnen werden", glaubt Bari.20 000 Beobachter hat die Vereinigung im ganzen Land mobilisiert, um die Wahl in insgesamt 64 Wahlkreisen zu beobachten. Doch nun machen die Wahlbehörden Probleme, nicht alle Beobachter werden akkreditiert. Mudassir Rizvi, Fafen-Koordinator für den Urnengang, hegt keinen Zweifel, dass hinter der Behinderung durch die Wahlkommission Methode steckt. "Sie wollen gut aussehen und gleichzeitig verhindern, dass eine effektive Wahlbeobachtung stattfinden kann", sagt er. Die Kommission hat auch so genannte Quick Counts, die schnelle Zählung repräsentativer Ergebnisse, und die Befragung von Wählern nach der Stimmabgabe verboten."Noch könnte der Wahlrat seine Glaubwürdigkeit und die der Wahl verbessern", sagt Bari und warnt: "Das ist unbedingt nötig." Denn ein Sieg der Regierungspartei würde von der Opposition als Wahlbetrug gesehen, was zu neuen Unruhen führen kann. Allerdings: Ein Sieg der beiden großen Oppositionsparteien wiederum würde die Weichen für eine neue Konfrontation mit Musharraf stellen.Geschäftsleute kaufen Waffen"Wie immer man es auch betrachtet", sagt Bari, "nach der Wahl wird die Lage noch schwieriger sein als vor der Wahl". Das glauben offenbar auch die meisten Pakistaner. Sie bereiten sich auf das Schlimmste vor. "Wir haben herausgefunden, dass während der vergangenen sechs Monate etwa 10 000 Waffenscheine von der Zentralregierung in Islamabad an Bewohner in Karachi ausgestellt worden sind", sagt Waqar Bhatti von der Zeitung The News.Auch die Waffenhändler der Wirtschaftsmetropole Islamabad haben viel zu tun. Geschäftsleute decken sich mit automatischen Waffen ein, um für Unruhen gerüstet zu sein. Ende Dezember war bei den Ausschreitungen nach dem Mord an Bhutto ein Gesamtschaden von einer Milliarde Euro entstanden. Viele Unternehmer mussten wehrlos zuschauen, wie ihre Geschäfte und Häuser geplündert wurden. "Noch einmal wird uns das nicht passieren", sagt ein Firmeninhaber in Karachi.Unjela Siddiqi, Generalsekretärin der dortigen Handelskammer, hat mit ihrer Familie ebenfalls vorgesorgt. "Wir haben zusätzlichen Treibstoff für den Generator und unser Auto besorgt", erzählt die Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern. "Der Kühlschrank ist bis zum Rand gefüllt. Wir können eine Woche lang im Haus aushalten."------------------------------FavoritenrolleKarte: Mehr als 80 Millionen Menschen sind am Montag in Pakistan zur Wahl des Parlaments und der vier Provinzversammlungen aufgerufen. Die ursprünglich für Januar vorgesehene Wahl war nach dem Mord an Benazir Bhutto verschoben worden. Der Wahlkampf konnte wegen der 40-tägigen Trauerperiode nach dem Tod Bhuttos am 27. Dezember erst vor wenigen Tagen beginnen.Favorit ist die Pakistanische Volkspartei (PPP) der ermordeten Oppositionsführerin. Sie dürfte nach allgemeiner Erwartung stärkste Kraft im Parlament werden, aber keine eigene Mehrheit bekommen. Eine Koalition mit der Regierungspartei PML-Q wäre denkbar. Als möglicher Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten gilt der Bhutto-Getreue Makhdoom Amin Fahim.------------------------------Foto: Mitarbeiter der pakistanischen Wahlkommission untersuchen Wahlurnen in Hyderabad. Die Kommission steht im Verdacht, Unregelmäßigkeiten zugunsten der Regierungspartei zu dulden.
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