In Spanien regnet es so wenig wie seit langem nicht mehr. In vierzig Jahren könnte das aber normal sein

Der Kampf ums Wasser beginnt

Sven Titz
5 Min

Badegäste auf Mallorca sollten in diesen Tagen genau hinschauen, an welcher Stelle sie in die Wellen waten: Die Nesselfäden der Leuchtqualle Pelagia noctiluca zu berühren kann sehr weh tun. An der Westküste der Mittelmeerinsel sind viele Exemplare dieser Quallenart gesehen worden - jetzt wird eine richtige Plage befürchtet. Die Ursache liegt vermutlich in den ungewöhnlich hohen Wassertemperaturen im westlichen Mittelmeer.Das lauwarme Wasser, das sich erst von September an wieder abkühlen wird, begünstigt die Hitze und Trockenheit in der Region: Spanien, Portugal, Marokko und Teile Italiens und Frankreichs leiden derzeit unter einer Dürre. Auf der iberischen Halbinsel ist es die schlimmste Trockenperiode seit sechzig Jahren - monatelang schon hat es dort nicht mehr genug geregnet. Die spanischen Talsperren sind nur noch zur Hälfte gefüllt, und sie leeren sich stetig weiter.Noch mehr Sonne in SpanienDie Dürre ist womöglich Vorbote einer trockeneren Zeit in Südeuropa. Das geht aus einem Bericht der Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) mit Sitz im schweizerischen Gland hervor: Der WWF beauftragte Wissenschaftler vom Nationalobservatorium in Athen und von der italienischen Università degli Studi di Firenze mit einer Untersuchung zum Klimawandel und dessen Auswirkungen in ungefähr vierzig Jahren. Pünktlich zum bis morgen andauernden Treffen der G8-Staaten im schottischen Gleneagles ist der Bericht veröffentlicht worden, um Druck auf die dort versammelte Politprominenz auszuüben, die über den Klimaschutz berät.Der Athener Christos Giannakopoulos wertete in seinem Beitrag zum Report die Simulationsdaten eines bewährten britischen Computermodells aus. Diesen Daten zufolge wird es sowohl global als auch am Mittelmeer wärmer. Zwei Grad mehr als heute sind demnach für die Zeit zwischen 2031 und 2060 zu erwarten. Das gilt selbst dann, wenn die Emissionen der Treibhausgase eingedämmt werden.Giannakopoulos hat nun berechnet, dass im Mittelmeerraum die Zahl der Sommertage pro Jahr um etwa dreißig zunehmen wird. Im östlichen Mittelmeer können es sogar doppelt so viele sein. Meteorologen definieren einen Sommertag nicht nach dem Kalender - es muss nur mindestens 25 Grad warm werden. Steigt die Quecksilbersäule auf mehr als 30 Grad, sprechen die Wetterexperten von Hitzetagen. Auch deren Zahl wird zunehmen - wenn auch nur im Landesinneren. Entsprechend steigt die Gefahr von Dürren: In fast ganz Südeuropa wird es jährlich etwa 14 bis 28 mehr trockene Tage geben (siehe Grafik).Nicht alle Wissenschaftler sind einverstanden damit, dass der Report so detaillierte Aussagen macht. Der Hydrologe und Klimatologe Axel Bronstert von der Universität Potsdam ist zum Beispiel skeptisch: "Normalerweise studiert man so etwas mit räumlich genaueren Modellen einzelner Regionen, die in globale Simulationen eingefügt werden", sagt er. In dem globalen Computermodell, das für den WWF-Report zum Einsatz kam, wird die Landmasse der iberischen Halbinsel zum Beispiel auf vier Datenpunkte reduziert - das ist ziemlich wenig, um präzise Angaben zu machen. Klimaforschern stehen heute eigentlich schon ausgereiftere Methoden zur Verfügung.Eine beratende Wissenschaftlerin des WWF-Reports, Clare Goodess von der britischen University of East Anglia in Norwich, ist dennoch überzeugt von der Brauchbarkeit der Resultate - jedenfalls im Großen und Ganzen. Der Trend sei klar: "Es wird wärmere Wetterlagen mit längeren und heißeren Temperaturextremen geben, zusammen mit einer Verringerung des Gesamtniederschlags und längeren Dürreperioden", sagt sie. Diese Botschaft decke sich mit anderen Studien.Wenn es dann doch einmal regnet, könnte der Niederschlag heftiger ausfallen als heute, heißt es in der Studie. Gegen starke Unwetter mit viel Regen hätte man heute in Spanien kaum etwas einzuwenden. Der extreme Wassermangel löst bereits heftige Konflikte zwischen den Regionen des Landes aus. Weil die Obst- und Gemüseplantagen in Alicante und Murcia zu verdörren drohen, hat jetzt die Regierung in Madrid beschlossen, in den kommenden drei Monaten 82 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Fluss Tagus in der Landesmitte nach Süden umzuleiten. Damit traf die Zentralregierung eine salomonische Entscheidung - denn die Spenderregion Castilla-La Mancha wollte nicht einmal die Hälfte der Wassermenge abgeben. Die Empfänger hatten hingegen das Doppelte gefordert.Ähnliche Streitfälle sind künftig programmiert, denn der Niederschlag ist in Spanien äußerst ungleich verteilt. Der sattgrüne Norden kennt Dürreprobleme praktisch gar nicht. Ein Viertel des Landes, vor allem im Süden, ist hingegen von der Wüstenbildung bedroht. Verschärfend kommt hinzu, berichtet die spanische Tageszeitung El País, dass die Wassernachfrage in Spanien jährlich um 13 Prozent steigt. Angesichts der dort immer noch niedrigen Wasserpreise verwundert das kaum.Touristen bleiben ausNimmt in Zukunft die Trockenheit weiter zu, dann könnte das für die Landwirtschaft fatal sein. Der Ertrag von Nutzpflanzen wird generell schrumpfen, vor allem in Nordafrika, besagt der zweite Teil des WWF-Reports. Die Autoren Marco Bindi und Marco Moriondo aus Florenz nutzten für ihre Studie ein Simulationsmodell für das Wachstum von Nutzpflanzen, das sie mit den Daten der Klimasimulationen speisten.Diese Daten weisen obendrein darauf hin, dass sich die Region nicht auf den Tourismus als Einnahmequelle verlassen sollte. Denn der WWF-Report prognostiziert, dass die Urlauber aus Deutschland oder Großbritannien künftig ihren Sommer seltener am Mittelmeer verbringen werden. "Wir erwarten, dass wärmere nordeuropäische Sommer die Einwohner ermutigen werden, ihren Urlaub zu Hause zu machen", schreiben die Autoren. Hinzu kommt, dass die Dürreperioden und Hitzewellen, die für den Süden angekündigt werden, die Touristen abschrecken könnten: Bei 35 Grad und mehr im Schatten braucht es schließlich keine Quallen, um sich selbst am Strand etwas unwohl zu fühlen.------------------------------Grafik : Das Klima am Mittelmeer in 40 JahrenDie Grafik zeigt die Regionen, in denen es einer Studie des WWF zufolge in etwa 40 Jahren mehr trockene Tage geben könnte - also Tage, an denen es weniger als einen halben Millimeter regnet. Nicht eingezeichnet sind die Gebiete, auf die weniger trockene Tage zukommen - etwa im nördlichen Afrika.------------------------------Foto : Dürre in Spanien - die Flüsse führen immer weniger Wasser. So ist der Wasserstand des Entrepeñas (im Bild) in Kastilien seit Beginn der Trockenperiode gar um 75 Prozent gesunken.

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