In Wiesbaden trafen sich Terrorismus-Experten zur Herbsttagung des Bundeskriminalamtes - ihre Prognosen sind unangenehmer denn je

Vom Boden, vom Wasser und aus der Luft

Andreas Förster
3 Min

WIESBADEN, 14. November. Dreihundert Ermittler und Sicherheitsexperten im großen Saal des Bundeskriminalamtes starren auf das Foto eines zerbrochenen gelben Plastikmessers. "Mit solchen Waffen, die wir im Wrack der in Pennsylvania abgestürzten Maschine fanden, sind die Terroristen am 11. September an Bord der Flugzeuge gegangen", sagt Michael Rollence, Chef der Terrorfahndung in der US-Bundespolizei FBI. Die Kriminalisten, Staatsanwälte und Geheimdienstler im Saal, die zur BKA-Herbsttagung zum Thema "Islamistischer Terrorismus" nach Wiesbaden gekommen sind, hören regungslos zu. Gelbe Plastikmesser. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere in diesem Moment an das Referat von Innenminister Otto Schily am Tag zuvor. Schily sprach über seine Sicherheitspakete, die Rasterfahndung, die vielen Millionen Mark, mit denen die deutschen Sicherheitsbehörden jetzt zusätzlich ausgestattet werden sollen. Damit man den neuen Bedrohungen besser gewachsen ist. Bedrohungen wie die kleinen gelben Plastikmesser, die auf der Leinwand im großen Saal des Bundeskriminalamtes gezeigt werden.Spätestens mit den Anschlägen von New York und Washington, die nach Überzeugung des FBI in Hamburg geplant worden sind, hat sich unter den deutschen Terrorismus-Experten im Bundeskriminalamt eine Ahnung bestätigt: Deutschland ist nicht mehr nur Rückzugs- und Ruheraum ausländischer Terrororganisationen, die hier bestenfalls ihre Finanzen ordnen. "Die zunehmende Internationalisierung führt dazu, dass die Anschlagsziele der Terrorgruppen beliebiger werden", sagt auch BKA- Präsident Ulrich Kersten in Wiesbaden. "Wir müssen daher auch von ei- nem realen Gefährdungspotenzial in Deutschland ausgehen, obwohl uns derzeit keine Hinweise auf konkrete Anschlagsplanungen vorliegen." Das heißt, Deutschland ist auch ein Ziel geworden. Im Bundesnachrichtendienst teilt man diese Einschätzung. Der deutsche Auslandsgeheimdienst hatte seinen Abteilungsleiter für internationalen Terrorismus, Dieter Kaundinya, zur BKA-Herbsttagung entsandt. Der ranghohe Beamte kann bestätigen, dass nun auch Anschläge in Deutschland in den Planungen von Terrorgruppen eine Rolle spielen. "Die Gefahr, dass einzelne Gruppen praktisch aus dem Stand ein Attentat in Deutschland verüben, ist abstrakt, aber gleichzeitig auch sehr konkret", sagt Kaundinya. Gleichzeitig warnt er davor, sich bei der Beobachtung der internationalen Terrorismusszene nur auf Bin Laden und die Taliban zu konzentrieren. Es gäbe schließlich auch andere Terrorgruppen, die unabhängig agieren und Anschläge verüben könnten. Erkenntnisse, die dem Bundesnachrichtendienst über Diskussionen in einigen dieser Gruppen vorlägen, bestätigten entsprechende Überlegungen. "Die denken daran", sagt Dieter Kaundinya.Welcher Art die neuen Anschläge sein können, mag aber niemand der Terrorexperten in Wiesbaden prophezeien. Lediglich der Vertreter des Bundesnachrichtendienstes wagt eine kühne Spekulation hinsichtlich künftiger Anschläge der Bin-Laden-Gruppe. Grundlage für seine These sei die Analyse der letzten großen Anschläge von El Kaida gegen amerikanische Einrichtungen: Die Bombenattentate auf die Botschaften in Nairobi und Daressalam, der Angriff auf das amerikanische Kriegsschiff "Cole" im Hafen von Aden und die Attacken von Washington und New York. "Zunächst waren es Angriffe vom Boden, dann vom Wasser und dann aus der Luft", sagt Kaundinya. Der Bundesnachrichtendienst glaubt, darin ein Muster zu erkennen. Aber was wäre das nächste, das vierte Element, vom dem aus den Vereinigten Staaten Gefahr droht? Dieter Kaundinya zuckt mit den Schultern. "Vielleicht der Cyber-War", sagte er in Wiesbaden. "Eine Attacke, mit der die Daten- und Kommunikationsverbindungen der modernen Gesellschaft getroffen werden sollen.""Die Ziele des Terrors werden beliebiger." BKA-Chef Ulrich Kersten

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