Am 7. März 1951 nahmen Indien und die Bundesrepublik Deutschland diplomatische Beziehungen auf. Indien gehörte damit zu den ersten Staaten, die Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg anerkannten. In derselben Woche teilte das Bundespresseamt in zwei dürren Zeilen mit, dass Bonn und Neu-Delhi Vertretungen austauschen würden. 75 Jahre später – und 25 Jahre nach Beginn der strategischen Partnerschaft, die auf das Stahlwerk Rourkela und das IIT Madras folgte – ist aus dieser Beziehung etwas anderes geworden.
Daran lohnt es sich am 12. und 13. September zu erinnern, wenn elf Staats- und Regierungschefs im Bharat Mandapam zusammenkommen und die deutschen Titelseiten das bekannte Tableau zeigen: Putin, Xi, ein iranischer Präsident, der Gegen-Westen in einem einzigen Bild. Das Foto lässt sich leicht einsortieren und ist analytisch leer. Das Jahr ist der bessere Maßstab: über 350 Treffen in 25 indischen Städten, zu Lieferketten, Ernährungs- und Energiesicherheit, digitaler Infrastruktur.
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Der Störenfried im Bündnis? Wie Indien den Brics-Gipfel für seine Interessen nutzt
Zwei Mitglieder dieser Gruppe wollen die internationale Ordnung stürzen. Das Land, das den Vorsitz führt, will sie verbessern. Brics hat keinen Vertrag, kein Sekretariat, keine Kommandostruktur. Elf Mitglieder und zehn Partnerländer, die knapp die Hälfte der Menschheit und rund 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung stellen, sind ein Markt und eine Interessengemeinschaft – kein Pol. Indiens Ziel ist ein reformierter Multilateralismus. Es ist dieselbe Haltung, die 2023 der Afrikanischen Union einen Sitz in der G20 verschafft hat.
Europas Prüfstein ist die Währungsfrage
Nehmen wir die Währungsfrage. Eine Brics-Währung liegt nicht auf dem Tisch. Indien hat sich der Idee einer gemeinsamen Währung konsequent verweigert und zugleich die praktischeren Formen finanzieller Integration unterstützt: die Verknüpfung von Zahlungssystemen etwa und die Interoperabilität digitaler Währungen.
Dieser Unterschied zählt. Indien will den Dollar nicht durch eine Brics-Währung ersetzen. Es will grenzüberschreitende Zahlungen billiger und schneller machen – und unabhängiger von einer Infrastruktur, die anderswo kontrolliert wird. Dabei hat das Land etwas vorzuweisen, was kaum ein anderes Brics-Mitglied bieten kann: den Beweis, dass das im großen Maßstab funktioniert. Das Unified Payments Interface (UPI) ist gemessen am Transaktionsvolumen das größte Echtzeit-Zahlungssystem der Welt im Privatkundengeschäft. Allein im August liefen darüber 24,51 Milliarden Transaktionen im Wert von 29,82 Billionen Rupien – rund 285 Milliarden Euro und ein Rekord.
Indiens Handels- und Industrieminister Piyush Goyal bei einem Treffen mit Hessens Ministerpräsident Boris Rhein und Europaminister Manfred Pentz sowie einer Delegation deutscher Unternehmen in Neu-Delhi.
© IMAGO/ANI
Die Lehre reicht über UPI hinaus. Indien hat gezeigt, dass anspruchsvolle digitale Finanzinfrastruktur als öffentliche Infrastruktur gebaut und für eine ganze Bevölkerung ausgerollt werden kann. Indiens Beitrag zu Brics ist deshalb nicht bloß ideologisch. Er ist eine Fähigkeit. Und das erzeugt innerhalb der Gruppe eine ungewöhnliche Asymmetrie.
Für China kann Brics den Zugang zu Schwellenmärkten vertiefen, in einem Moment, in dem die traditionellen Exportziele politisch enger werden. Für Indien ist Brics weniger ein Ersatz für bestehende Märkte als eine Quelle von Verhandlungsmacht: ein Weg, die strategischen Optionen zu erweitern, ohne die Beziehungen zu den USA, zu Europa oder zu anderen großen Volkswirtschaften aufzugeben.
Was Deutschland gewinnt
Deutschland hat das als Erstes eingepreist. Kanzler Merz wählte Indien als erstes asiatisches Reiseziel seiner Amtszeit, kam am 12. Januar mit 23 Vorstandschefs und reiste mit 19 Vereinbarungen wieder ab: einer Halbleiterpartnerschaft, einer Erklärung zu kritischen Rohstoffen, die Verarbeitung und Recycling umfasst, und 1,24 Milliarden Euro innerhalb der zehn Milliarden Euro schweren grünen Partnerschaft. Anschließend drängte Berlin am härtesten auf das Handelsabkommen, das am 27. Januar unterzeichnet wurde: Es beseitigt die Zölle auf über 90 Prozent der gehandelten Güter und soll die europäischen Ausfuhren in einen Markt von 1,4 Milliarden Menschen bis 2032 verdoppeln. Deutsche Autos, Maschinen und Wein in die eine Richtung, indischer Tee, Kaffee und Gewürze in die andere.
Noch deutlicher ist die demografische Rechnung. Deutschland ist mit mehr als 617.000 unbesetzten Stellen ins Jahr 2026 gegangen und braucht etwa 288.000 ausländische Arbeitskräfte pro Jahr, damit sein Erwerbspersonenpotenzial bis 2040 nicht um ein Zehntel schrumpft. Die Quote für indische Fachkräfte wurde von 20.000 auf 90.000 angehoben; die Zahl der indischen Beschäftigten hierzulande stieg von 23.320 im Jahr 2015 auf 136.670 im Jahr 2024. Die Fachkräftepartnerschaft vom Januar zielt auf das Gesundheitswesen, wo allein in der Pflege 40.000 Kräfte fehlen.
Dazu kommt die Rüstung, und dort der U-Boot-Großauftrag. Projekt 75(I) – sechs Boote des Typs 214 mit außenluftunabhängigem Antrieb, gebaut bei Mazagon Dock gemeinsam mit Thyssenkrupp Marine Systems, bewilligt mit rund sieben Milliarden Euro, der lokale Fertigungsanteil steigt vom ersten Boot mit 45 Prozent auf etwa 60 Prozent beim sechsten – ist das größte Vorhaben, das beide Seiten je miteinander angegangen sind. Zum ersten Mal bauen sie Waffen gemeinsam, statt mit ihnen zu handeln.
De-Risking braucht ein Ziel
Zieht man die Rührung über gemeinsame demokratische Werte ab, bleibt eine industrielle Logik. 92 Prozent der Permanentmagnete, die die deutsche Industrie einführt, stammen aus einer einzigen Jurisdiktion. Das Defizit der EU mit diesem Land nähert sich 700 Milliarden Euro. Und die EZB kommt zu dem Ergebnis, dass über 80 Prozent der großen europäischen Unternehmen höchstens drei Zwischenglieder von einem chinesischen Zulieferer entfernt sind.
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De-Risking bleibt eine Parole, solange es kein Ziel hat: einen Markt, der um 7,8 Prozent wächst, während Deutschland auf ein Prozent kommt; durchsetzbare Schiedsverfahren; Koproduktion statt absorbierter Technologie; und einen Partner, der den Marktzugang nie als Zwangsmittel eingesetzt hat. Außerhalb von EU und Nato bietet kein Staat vergleichbarer Größe Berlin alle vier.
Europa will eine regelbasierte Ordnung, die dieses Jahrzehnt überdauert. Ordnungen werden aber nur besser, wenn die Länder, die beim Entwurf fehlten, bei der Überarbeitung am Tisch sitzen. In Delhi führt in dieser Woche ein Land den Vorsitz, das will, dass diese Überarbeitung gelingt.
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