Kapitulation

Indien: Maoisten ergeben sich in Jharkhand – Rückschlag für Guerilla

In Ranchi übergaben die Männer 17 Waffen und fast 3000 Schuss Munition. Die Polizei verspricht Aufnahme in ein Rehabilitationsprogramm.

Peter Steiniger
Peter Steiniger
4 Min
Maoisten geben im Februar 2026 im indischen Distrikt Sukma ihre Waffen ab.

Maoisten geben im Februar 2026 im indischen Distrikt Sukma ihre Waffen ab.

© ANI/imago

In der ostindischen Stadt Ranchi haben sich am Donnerstag 27 mutmaßliche Maoisten der Polizei des Bundesstaats Jharkhand gestellt. Nach Angaben der Zeitung Indian Express handelt es sich um die bislang größte Kapitulation von Mitgliedern der verbotenen Kommunistischen Partei Indiens (Maoistisch), kurz CPI (Maoist), in der Geschichte des Bundesstaats. Die Waffenübergabe fand in Anwesenheit der Landespolizeichefin Tadasha Mishra statt, wie der New Indian Express berichtete.

Kader aus Kolhan und Saranda

Laut Polizei gehören 25 der Aussteiger zu den Verbänden um Misir Besra, auch Sagar Ji genannt, und Asim Mandal. Beide werden der Führung der maoistischen Partei zugerechnet und sind in den Regionen Kolhan und Saranda im Distrikt West Singhbhum aktiv. Unter den Aussteigern sind nach Polizeiangaben sechs Mitglieder sogenannter Sonderzonen-Komitees, sechs Mitglieder von Gebietskomitees und 13 Angehörige bewaffneter Einheiten. Auf acht der Aussteiger war laut New Indian Express ein Kopfgeld von insgesamt 3,3 Millionen Rupien ausgesetzt, umgerechnet rund 29.600 Euro.

Die soziale Basis der indischen Maoisten bilden vor allem marginalisierte Gruppen in abgelegenen Waldgebieten Zentral- und Ostindiens. Landverlust, Vertreibung, fehlender Zugang zu Gesundheit, Bildung und Justiz werden als Gründe genannt, warum die Guerilla dort weiter Unterstützung findet. Politisch beansprucht die illegale CPI (Maoist), diese Gruppen gegen Staat, Grundbesitzer und Unternehmen zu vertreten.

Die Kapitulation erfolgte im Rahmen der Operation Navjeevan, eines Aussteigerprogramms der Landesregierung. Übergeben wurden nach Angaben der Nachrichtenagentur UNI 17 Waffen und 2987 Schuss Munition. Die Aussteiger sollen nach Polizeiangaben in das Rehabilitationsprogramm aufgenommen werden.

Fahndung nach Politbüromitglied dauert an

Misir Besra selbst ist nicht unter den Aussteigern. Der für Operationen zuständige Polizeigeneral Narendra Kumar Singh sagte dem Indian Express, die Fahndung nach ihm dauere an. Besra gilt laut Indian Express als eines der beiden letzten aktiven Mitglieder des Politbüros der CPI (Maoist), des höchsten Führungsgremiums der Partei. Er soll das östliche Regionalbüro leiten, zu dem die Bundesstaaten Jharkhand, Bihar, Westbengalen und Uttar Pradesh zählen.

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Misir Besra stammt aus dem Distrikt Giridih in Jharkhand und gehört seit Jahrzehnten zur Führung der verbotenen CPI (Maoist). Indische Medien beschreiben ihn als alten Kader der Wälder von Saranda. Nach Verlusten anderer Führungsfiguren konzentrierte sich die Fahndung stärker auf Besra: Hindustan Times berichtete Anfang April von rund 3000 eingesetzten CoBRA-Kommandos und einem Appell seiner Familie, sich zu ergeben.

Die CoBRA-Kommandos der indischen Bundespolizei CRPF sind auf Guerilla- und Dschungelkrieg gegen maoistische Aufständische spezialisiert. Zehn Bataillone wurden zwischen 2008 und 2011 für Einsätze in betroffenen Bundesstaaten aufgestellt. Neu-Delhis Anti-Maoisten-Strategie umfasst neue Sicherheitscamps, befestigte Polizeistationen, Entwicklungsgelder und Aussteigerprogramme.

Für 2025 meldete das Innenministerium 234 Vorfälle, 100 getötete Zivilisten und Sicherheitskräfte zusammen sowie 364 getötete Naxaliten. Menschenrechtsgruppen werfen Sicherheitskräften zugleich außergerichtliche Tötungen und Übergriffe auf Zivilisten aus Adivasi-Gemeinschaften vor, also auf Angehörige indigener Bevölkerungsgruppen in den betroffenen Waldregionen.

Laut Polizei wurden im laufenden Jahr in Jharkhand 44 Maoisten festgenommen, 29 sind ausgestiegen, 22 wurden bei Gefechten getötet. In der Region Saranda seien 21 neue vorgeschobene Polizeistützpunkte eingerichtet worden, meldete die Nachrichtenagentur UNI. Der Polizeichef im Distrikt West Singhbhum, Amit Renu, sprach gegenüber dem New Indian Express von einem Wendepunkt. Der Generalinspekteur der zentralen Bundespolizei CRPF, Saket Singh, rief verbliebene Kader auf, der Gewalt abzuschwören.

Krise der Maoistenführung

Die maoistischen Guerillas in Indien werden meist als Naxaliten bezeichnet, nach dem Bauernaufstand von Naxalbari in Westbengalen 1967. Träger des bewaffneten Aufstands ist heute vor allem die CPI (Maoist). Die Gruppe verbindet marxistisch-leninistische und maoistische Ideologie mit einem bewaffneten Kampf und stützt sich vor allem auf schwer zugängliche Wald- und Stammesgebiete in Zentral- und Ostindien. Nach jahrelangen Polizei- und Militäroperationen, Festnahmen und Kapitulationen ist ihr Einfluss geschrumpft. Die Regierung in Neu-Delhi führt sie aber weiter als wichtigste Organisation des Linksextremismus.

Die Massenkapitulation fällt in eine Phase tiefer Krise der Maoistenführung. Wie der Indian Express berichtete, wurde Generalsekretär Nambala Keshava Rao alias Basavaraju bereits im Mai 2025 bei einem Gefecht im Bundesstaat Chhattisgarh getötet. Am 18. November 2025 starb der ranghohe Kommandeur Madvi Hidma bei einem Polizeieinsatz im Bundesstaat Andhra Pradesh. Im Oktober 2025 legte das Politbüromitglied Mallojula Venugopal Rao alias Sonu mit 60 weiteren Kadern im Distrikt Gadchiroli die Waffen nieder.

Besra hatte Anfang November laut Indian Express eine angebliche Waffenruhe des Landesverbands im Bundesstaat Telangana scharf verurteilt und damit interne Risse in der Führung offengelegt. Innenminister Amit Shah hatte den Sicherheitskräften den 31. März 2026 als Frist gesetzt, um die linksextremistische Bewegung zu zerschlagen.

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