An der Wahl Pratibha Devi Singh Patils zur neuen Präsidentin Indiens ist vielen aufgefallen, dass nun erstmals eine Frau für das höchste Staatsamt des Landes bestimmt wurde. Und in der Tat: Noch immer ist Indien durch und durch patriarchalisch geprägt. Es gibt zwar junge Frauen, die eine Karriere in Angriff nehmen, nicht zuletzt angeregt durch kulturelle Erfahrungen bei der Arbeit in den USA. Die übliche Rolle der Frau in Indien ist aber jene der Mutter, und diese Rolle wird mit großer Fruchtbarkeit und Hingabe ausgefüllt.Aber so gern man die Wahl der 72-jährigen in das repräsentative Amt als Signal für die Emanzipation oder eine offenere Gesellschaft verstünde: Sie steht auch in der unguten Nähe von Korruption und Günstlingswirtschaft, zwei Übeln, die in ungebrochener Vitalität ein Kennzeichen der indischen Männerherrschaft sind.Indien ist die einzige unter den Wirtschaftsnationen Asiens, in der während der Wachstumsphase nicht autoritäre Cliquen bestimmen, sondern demokratisch gewählte Regierungen. Dass es die Führung der regierenden Kongress-Partei geschafft hat, Patil trotz des Paternalismus und gegen die Korruptionsvorwürfe durchzusetzen, ist daher einerseits ein positives Zeichen: Durch Vermittlung lässt sich eine politische Einigung in Indien mit seiner enormen Vielfalt an Kulturen, Sprachen und Regionalinteressen erreichen. Auf der anderen Seite wartet man aber auf eine Initiative gegen die Korruption. Gerade Indiens wachsende internationale wirtschaftliche Bedeutung nährt ein Interesse an transparenten und rechtsförmigen Verhältnissen.
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