Interview

Indischer Geopolitik-Experte: „Brics ist keine Allianz – aber Washington könnte eine daraus machen“

Anti-Nato? De-Dollarisierung? „Unsinn“, sagt der indische Sicherheitsexperte Siddhant Kishore. Er erklärt Modis Spiel zwischen Trump, Putin und Xi und warum Europa falsch liegt. Ein Interview.

14 Min
Indiens Premierminister Narendra Modi berät am 13. September 2026 im Bharat Mandapam in Neu-Delhi mit den Staatschefs der Brics-Mitgliedsländer.

Indiens Premierminister Narendra Modi berät am 13. September 2026 im Bharat Mandapam in Neu-Delhi mit den Staatschefs der Brics-Mitgliedsländer.

© ANI/imago

Inmitten wachsender globaler Spannungen hat sich die Führungsriege der aufstrebenden Schwellenländer in Neu-Delhi zum 18. Brics-Gipfel versammelt. Erstmals gehörten der Gruppe elf Staaten an. Erneut markierte das Treffen einen Schritt hin zu einer multipolaren Weltordnung, in der China, Indien, Russland und die übrigen Mitglieder eine größere Gestaltungsrolle für den globalen Süden beanspruchen. Offiziell betonte Indien als Gastgeber allerdings, die Brics-Staaten seien „gegen niemanden gerichtet“.

Zugleich stand der Gipfel im Zeichen wachsender Skepsis gegenüber den alten Mächten: Westliche Handelskriege, Sanktionen und Militäreinsätze stoßen auf deutliche Kritik.

Im selben Saal saßen erstmals seit Kriegsbeginn Irans Präsident Massud Peseschkian und der Kronprinz von Abu Dhabi – iranische Raketen hatten im Februar die Flughäfen von Abu Dhabi und Dubai getroffen. Auch die Beratungen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in Bischkek vor wenigen Wochen warfen ein Schlaglicht auf die sicherheitspolitische Achse zwischen China, Russland, Iran und den zentralasiatischen Staaten.

Der indische Sicherheitsexperte Siddhant Kishore arbeitet in Washington und publiziert seit Jahren zu Brics und SOZ; am Institute for the Study of War hat er über irreguläre Kriegsführung im Nahen Osten und in Südasien gearbeitet. Er schreibt unter anderem für The Diplomat, Asia Times und das Bulletin of the Atomic Scientists. Wir treffen Kishore zum Gespräch in Neu-Delhi im Regierungsbezirk.

Keine gemeinsamen strategischen Ziele

Herr Kishore, Sie haben über Jahre zur Sicherheitspolitik im asiatisch-pazifischen Raum publiziert, unter anderem zu irregulärer Kriegsführung im Nahen Osten und in Südasien. Wie würden Sie Ihre eigene Perspektive auf Brics und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit beschreiben – und worin unterscheidet sie sich von dem, was man sonst aus den Thinktanks hört?

Ich arbeite mit der sicherheitsanalytischen Brille und betrachte weder Brics noch die SOZ als klassische Bündnisse. Ich sehe darin Instrumente, mit denen Staaten ihre je eigenen strategischen Interessen verfolgen, und zugleich Bühnen, auf denen sie bilateral miteinander verhandeln können. Brics wird gern als aufstrebender geopolitischer Block beschrieben, doch die Mitglieder teilen keine gemeinsamen strategischen Ziele.

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Indien, China, Russland, Iran, Brasilien und die Golfstaaten unterhalten jeweils ein anderes Verhältnis zu den Vereinigten Staaten und untereinander ebenfalls. Indien und China streiten seit Jahrzehnten über ihren Grenzverlauf, während China in einem Handelskrieg mit Washington steckt. Aus einer solchen Konstellation entsteht keine Allianz.

ZUR PERSON
privat

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Siddhant Kishore ist ein indischer Analyst für Sicherheits- und Außenpolitik mit Sitz in Washington, D.C. Zuvor arbeitete er am Institute for the Study of War (ISW) mit Schwerpunkt auf irregulärer Kriegsführung im Nahen Osten und war Fellow am Center for Security, Innovation, and New Technology der American University. Kishore hat einen Master in Internationalen Beziehungen und publiziert unter anderem in The Diplomat, World Politics Review, Fair Observer und im Bulletin of the Atomic Scientists.

In den westlichen Debatten kursieren vor allem zwei große Erzählungen über Brics: Die Gruppe werde zum nächsten Nato-Bündnis, und sie betreibe die Abkehr vom Dollar. Wie viel ist an beidem dran?

Der ersten Erzählung widerspreche ich vollständig. In keinem Brics-Dokument findet sich eine Beistandsklausel, nichts, was Artikel 5 des Nordatlantikvertrags auch nur ähnelt. Kollektive Verteidigung verlangt außerdem Interoperabilität der Streitkräfte, ständige Übungen und eine gemeinsame Doktrin, und davon existiert nichts.

Die De-Dollarisierung wiederum findet schlicht nicht statt, kein einziger Mitgliedstaat ist damit ernsthaft vorangegangen. Stellen Sie sich vor, diese Länder würden aufhören, untereinander in Dollar abzurechnen – womit sollten sie dann handeln? In Yuan? In Rupien? Indien wird den Dollar nicht aufgeben, um stattdessen in chinesischer Währung abzurechnen, denn am Ende stünde eine andere Abhängigkeit und nicht weniger Abhängigkeit.

Indiens Premierminister Narendra Modi und Vertreter der Brics- und Partnerstaaten bei einer Sitzung zu Resilienz, Innovation, Zusammenarbeit und Nachhaltigkeit im Bharat Mandapam in Neu-Delhi.

Indiens Premierminister Narendra Modi und Vertreter der Brics- und Partnerstaaten bei einer Sitzung zu Resilienz, Innovation, Zusammenarbeit und Nachhaltigkeit im Bharat Mandapam in Neu-Delhi.

© ANI/imago

Indien hatte in diesem Jahr den Vorsitz und war Gastgeber. Welche Ziele hat Delhi mit dem Gipfel verfolgt und wie ordnen Sie den Begriff der strategischen Autonomie ein, der in fast jeder indischen Rede vorkam?

Delhi ging es in erster Linie um Repräsentation, also um mehr Gewicht im Internationalen Währungsfonds, in der Weltbank und im UN-Sicherheitsrat, dazu um mehr Beweglichkeit in Handel, Finanzen und Technologie. Dahinter steht die strategische Autonomie, die ich für den Kern der indischen Außenpolitik halte. Schwierig wird diese Haltung, weil das geopolitische Umfeld solches Lavieren immer weniger erträgt: Der Ukraine-Krieg, der Krieg gegen Iran und die Rivalität zwischen Washington und Peking erhöhen überall den Druck, sich für eine Seite zu entscheiden. Genau deshalb wollte Indien vorführen, dass man sich eben nicht entscheiden muss. Wenn ich mir das internationale System heute ansehe, erkenne ich ohnehin keinen Pol mehr, sondern mehrere Pole, und dafür wirbt Delhi mit dem Begriff des Multi-Alignments.

Iran und Emirate: Gespräche, aber keine Abkommen

Das meistbeachtete Bild des Gipfels zeigt Irans Präsidenten Massud Peseschkian und den Kronprinzen von Abu Dhabi, die erstmals seit Kriegsbeginn miteinander gesprochen haben. Hat Indien hier vermittelt?

Nein, und das möchte ich ausdrücklich festhalten: Indien war Gastgeber und kein Friedensstifter. Zwischen beiden Staaten steht der Krieg, und trotzdem kam es zu einem Gespräch, in dem beide Seiten erklärt haben, sie wollten die Vergangenheit hinter sich lassen und neu anfangen. Ein Abkommen ist daraus nicht entstanden, es gibt kein Dokument und nichts Belastbares. Erinnern Sie sich daran, dass die Emirate zu den ersten Zielen iranischer Raketen gehörten, als der Krieg begann? Dass beide Staatsoberhäupter danach in derselben Stadt in dieselbe Runde gehen, hat durchaus einen Wert. Indien hat dafür die Infrastruktur bereitgestellt, mehr aber nicht.

Irans Präsident Massud Peseschkian trifft am Rande des Brics-Gipfels in Neu-Delhi den Kronprinzen von Abu Dhabi, Scheich Khaled bin Mohamed bin Zayed Al Nahyan.

Irans Präsident Massud Peseschkian trifft am Rande des Brics-Gipfels in Neu-Delhi den Kronprinzen von Abu Dhabi, Scheich Khaled bin Mohamed bin Zayed Al Nahyan.

© Iranian Presidency/Handout/imago

Warum ist Delhi an beiden Partnern so viel gelegen?

Die Emirate zählen zu Indiens wichtigsten Partnern in Handel, Technologie und Verteidigung. Bei Iran geht es vor allem um den Hafen Tschabahar, in den Indien weit über eine halbe Milliarde Dollar investiert hat und den es seit Jahren als Tor nach Zentralasien beschreibt. Der amerikanische Druck auf Tschabahar erklärt, warum Delhi die Beziehung zu Teheran trotz aller Belastungen offenhält.

Die Delhi-Erklärung wurde einstimmig verabschiedet und ruft im Nahostkrieg zu „maximaler Zurückhaltung“ auf, ohne Washington, Israel oder Iran beim Namen zu nennen. Was ist eine solche Formulierung wert und was ist die eigentliche Botschaft des Dokuments?

Für sich genommen ist dieser Satz wenig wert, im Kontext dagegen einiges. Iran und die Emirate sitzen beide mit am Tisch, und sämtliche Mitglieder auf eine gemeinsame Formulierung zu verpflichten, ist diplomatisch keine Kleinigkeit. Trotzdem ersetzt Konsenssprache keine gemeinsame Sicherheitspolitik, denn was Brics täte, wenn dieser Krieg weiter eskaliert, steht in keinem einzigen Absatz. Die eigentliche Botschaft lautet für mich, dass Brics Elemente der westlichen Ordnung infrage zu stellen beginnt, ohne sich als antiwestlichen Block zu definieren.

„Brics ist postwestlich, nicht antiwestlich“

Genau das haben fast alle Reden betont – Brics richte sich gegen niemanden. Zugleich fordert die Erklärung einen Umbau von Währungsfonds, Weltbank und Welthandelsorganisation. Wie passt beides zusammen?

Es passt sehr gut zusammen, wenn man versteht, worum es in dem Konflikt tatsächlich geht, nämlich um die Verteilung der Macht und nicht um die Abschaffung des Systems. Die Reformforderungen, der Widerstand gegen einseitige Sanktionen und die Betonung lokaler Währungen zielen auf die Gewichte innerhalb der bestehenden Ordnung. Postwestlich würde ich Brics deshalb nennen, antiwestlich nicht. Niemand in dieser Runde sucht die direkte Konfrontation mit Washington oder Brüssel, weil alle einzeln davon profitieren, sie zu vermeiden: Indien hat gerade ein Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union unterzeichnet. Ein Land, das ein solches Abkommen schließt und im selben Jahr diesen Gipfel ausrichtet, positioniert sich nicht gegen den Westen. Welche Reformen im Einzelnen nötig wären, müssen Sie allerdings jemand anderen fragen, ich bin kein Ökonom.

Gähnende Leere am Connaught Place in Neu-Delhi wegen verschärfter Sicherheitsmaßnahmen und Verkehrsbeschränkungen rund um den Brics-Gipfel.

Gähnende Leere am Connaught Place in Neu-Delhi wegen verschärfter Sicherheitsmaßnahmen und Verkehrsbeschränkungen rund um den Brics-Gipfel.

© Hindustan Times/imago

Im Mai sind die Brics-Außenminister an einer gemeinsamen Erklärung zum Krieg gegen Iran gescheitert. Auf Ebene der Staats- und Regierungschefs hat es nun funktioniert. Woran lag das und wie groß ist dieser Erfolg?

Gipfeldiplomatie funktioniert anders als ein Ministertreffen. Auf Ministerebene verhandeln Sie technische Detailpositionen, bei denen jedes Wort Folgen nach sich zieht; auf Ebene der Staats- und Regierungschefs entsteht politischer Spielraum, und Sprache lässt sich so einrichten, dass jeder seine Kerninteressen gewahrt sieht. Dazu kam Indiens enormes Eigeninteresse, denn ein gescheiterter Gipfel hätte genau die Botschaft zerstört, die Delhi senden wollte. Ich würde das Ergebnis trotzdem einen begrenzten Erfolg nennen: ordentliche Arbeit, nichts, worauf man besonders stolz sein müsste. Indien hat verhindert, dass der Konsens öffentlich zerbricht, beschlossen wurde jedoch nichts. Ich sage offen, dass ich einen Zusammenschluss ohne Handels- und Verteidigungsklausel für eine Verhandlungsplattform halte und nicht für einen Block.

SOZ leidet unter denselben Brics-Strukturproblemen

Kurz vor Delhi hat die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Bischkek getagt und dort die amerikanischen und israelischen Angriffe auf Iran ausdrücklich verurteilt. Wie relevant ist die SOZ heute und in welchem Verhältnis steht sie zu Brics?

Die SOZ ist sehr relevant und sie leidet an denselben Strukturproblemen wie Brics. China, Russland, Indien, Pakistan, Iran und die zentralasiatischen Staaten haben weit auseinanderliegende Interessen, und genau deshalb funktioniert die Organisation: Sie stellt einen Raum bereit, in dem Länder weiterreden, die ihre Streitfragen nicht lösen können oder wollen. In Bischkek hat man die Angriffe scharf verurteilt und Irans Recht auf zivile Nukleartechnologie bekräftigt. Daraus folgt aber keine gemeinsame Sicherheitspolitik dieser Staaten, und so sollte man diese Foren auch nicht lesen. Sie verwalten Konkurrenz, sie beenden sie nicht.

In beiden Formaten sitzen erklärte Rivalen an einem Tisch: Indien und Pakistan, Indien und China. Zuletzt haben sich Narendra Modi und Xi Jinping wieder gemeinsam zeigen lassen. Wie hält man solche Gegensätze aus und beginnt da eine Partnerschaft?

Man hält sie durch Kompartimentierung aus. Indien und Pakistan verurteilen gemeinsam den Terrorismus und streiten weiter darüber, wer ihn zu verantworten hat. Indien und China verhandeln über die Grenze und kooperieren zugleich in multilateralen Institutionen. Zusammenzuarbeiten, ohne die Grundkonflikte zu lösen, ist die eigentliche Leistung dieser Foren. Eine Partnerschaft zwischen Indien und China würde ich daraus allerdings nicht ableiten. Das Handelsdefizit fällt derart hoch aus, dass davon keine Rede sein kann; Indiens Industrie hängt an chinesischen Vorprodukten. Indien will wachsen, China will verhindern, dass Indien vollständig ins amerikanische Lager wechselt, und so senkt man die Spannung, ohne den Streit über die Kontrolllinie beizulegen.

Gibt es überhaupt sicherheitspolitische Zusammenarbeit innerhalb von Brics – und können Sie ein konkretes Beispiel nennen, an dem sich der Nutzen messen ließe?

Bilateral gibt es sie, etwa bei der Terrorismusbekämpfung, bei organisierter Kriminalität und beim Technologieaustausch. Eine gemeinsame Bedrohungsanalyse existiert dagegen nicht, und das möchte ich zu Protokoll geben: Brics entwickelt keine gemeinsame strategische Doktrin. Nehmen Sie die Ukraine. Russland sieht dort eine existenzielle Auseinandersetzung mit dem Westen, Indien sieht eine Frage der strategischen Autonomie und kauft weiter Energie. Auf einem solchen Fundament baut niemand ein Bündnis nach Nato-Muster. Das belastbarste Beispiel steht ohnehin noch aus: Sollten amerikanische und israelische Streitkräfte erneut iranische Infrastruktur angreifen und sollte Iran darauf verzichten, Abu Dhabi zu treffen, dann hätte dieser Gipfel tatsächlich etwas bewirkt.

Moskau braucht diplomatische Legimität

Russland steht seit Jahren unter westlichen Sanktionen. Wie wichtig ist Brics für Moskau, und wie viel Einfluss hat Russland umgekehrt in der Gruppe?

Brics ist für Moskau extrem wichtig, allerdings aus anderen Gründen, als oft vermutet wird. Die Gruppe verschafft Russland diplomatische Legitimität und den Nachweis, international nicht isoliert zu sein. Zu Beginn des Krieges wollten die Vereinigten Staaten und die Europäische Union Russland in einen Pariastaat verwandeln, und das ist nicht gelungen. Kontrollieren kann Moskau die Gruppe deswegen noch lange nicht. Ökonomisch wiegt China deutlich schwerer, und Russland als Anführer der Brics zu zeichnen, trifft die Sache nicht.

Der indische Sicherheitsexperte Siddant Kishore in Kabul, Afghanistan.

Der indische Sicherheitsexperte Siddant Kishore in Kabul, Afghanistan.

© Privat

Indien sitzt zugleich im Quad, einem Format, das sich strategisch gegen China richtet, und kauft weiter russisches Öl, obwohl Washington erheblichen Druck ausgeübt hat. Wie soll man diese Gleichzeitigkeit lesen?

Man sollte sie in keine Richtung als Lagerwechsel lesen. Indien und die Vereinigten Staaten teilen die Sorge vor Chinas Aufstieg im Indopazifik, dafür steht der Quad, und gleichzeitig hat Indien ökonomische und geografische Gründe, ein Arbeitsverhältnis mit Peking zu unterhalten. Beim Verhältnis zu Moskau geht es um Diversifizierung und nicht um Abkehr: Indien ist heute viel enger mit den USA, Europa und Japan verflochten als vor zehn Jahren, Russland bleibt aber wichtig für Rüstungsgüter und für die nukleare Zusammenarbeit. Premierminister Modi hat mehrfach deutlich gemacht, dass er diesen Krieg ablehnt, nur glaubt in Delhi niemand, dass ein Bruch mit Moskau indischen Interessen dienen würde. Strategische Autonomie heißt in diesen Hauptstädten eben nicht China statt Amerika, sie heißt, sich nicht entscheiden zu müssen.

Ein Leitmotiv beider Gipfel war die Enttäuschung über den Westen. Wie tief sitzt sie und wovon genau handelt sie?

Die Enttäuschung sitzt tief, und sie ist echt. Es gibt Frustration über Doppelstandards, über einseitige Sanktionen, über die Einmischung in innere Angelegenheiten und vor allem über die ungleiche Vertretung in den internationalen Institutionen. Die Kriege im Nahen Osten haben das verstärkt, Gaza ebenso wie Iran, denn viele nehmen wahr, dass die Vereinigten Staaten den einen Krieg anders behandeln als den anderen. Abwenden will sich der globale Süden deswegen trotzdem nicht. Er will mehr Handlungsspielraum und eine bessere Vertretung, und genau diese Unterscheidung geht in der westlichen Debatte regelmäßig verloren.

Dieser Druck könnte Sich gegen ihn [Trump] selbst richten.“

Siddhant Kishore

Präsident Trump hat wiederholt mit Zöllen gegen Brics-Staaten gedroht und die Gruppe als antiamerikanisch bezeichnet. Wie wirkt dieser Druck, und was müsste Washington anders machen?

Dieser Druck könnte sich gegen ihn selbst richten. Wenn Washington Brics als feindlichen Wirtschaftsblock liest, erzeugt es womöglich genau die Geschlossenheit, die es heute nicht gibt. Indien liefert das beste Beispiel: Die Verschlechterung des Verhältnisses zu Washington fällt zeitlich mit der Wiederannäherung an Peking und dem fortgesetzten Geschäft mit Moskau zusammen. Amerikanischer Druck kann also einzelne Beziehungen schwächen und zugleich die Logik von Brics stärken. Washington müsste vor allem unterscheiden lernen, nämlich zwischen legitimen Forderungen nach Repräsentation und Forderungen, die Völkerrecht oder demokratische Institutionen untergraben. Und es müsste aufhören, Brics als eine einzige politische Konstituenz zu behandeln: Indiens Interessen sind nicht Chinas Interessen, Brasiliens nicht Russlands, die der Emirate nicht die Irans.

Wo sehen Sie Brics in zehn Jahren, und woran würden Sie erkennen, dass aus der Plattform tatsächlich ein politisches Schwergewicht geworden ist?

Ich erwarte eine einflussreichere Gruppe, aber kein geschlossenes Gegengewicht zum Westen. Wahrscheinlicher ist ein fragmentiertes multipolares System, in dem Brics die größte nichtwestliche Plattform für Koordination und Institutionenreform bildet. Die Widersprüche bleiben bestehen: Indien und China konkurrieren strategisch, Saudi-Arabien und Iran verfolgen gegensätzliche Regionalinteressen. Erkennen würde ich eine Veränderung an koordiniertem Verhalten statt an einer gemeinsamen Erzählung. Substanz entstünde erst mit Institutionen, die eigenständig handeln können, also mit einem eigenen Zahlungsverkehr, mit Handelserleichterungen, mit Technologietransfer. Dieses Niveau hat die Gruppe bisher nicht erreicht.

„Mit ‚Kommt zurück, unser System ist besser‘ kommt Europa nicht weit“

Was raten Sie den Europäern im Umgang mit dieser Konstellation?

Europa sollte Brics nicht als Feindblock behandeln, sondern die Mitglieder einzeln adressieren und zugleich die multilateralen Institutionen stärken. Die Europäische Union hat erhebliche ökonomische und technische Vorteile. Sie müsste allerdings verstehen, warum der globale Süden überhaupt nach Alternativen sucht. Mit dem Angebot, zurückzukommen, weil das eigene System besser sei, kommt man nicht weit. Es braucht Reformen, die diesen Ländern einen größeren Anteil geben. Außenminister Jaishankar hat es einmal so formuliert: Europa müsse sich von der Haltung lösen, dass Europas Probleme die Probleme der Welt seien, die Probleme der Welt aber nicht Europas Probleme. Solange dieses Denken anhält, wird der Westen in Brics einen Gegner sehen statt eines Gegenübers.

Wenn Sie den Gipfel abschließend einordnen: Was hat Delhi gezeigt? 

Wir erleben die Institutionalisierung strategischer Autonomie und nicht die Gründung einer antiwestlichen Allianz. Brics und die SOZ gewinnen an Bedeutung, weil das internationale System zerfasert und immer mehr Länder Mechanismen wollen, die Zusammenarbeit erlauben, ohne westliche Führung als Voreinstellung zu akzeptieren. Der größte Fehler wäre, allen Teilnehmern das Weltbild Chinas oder Russlands zu unterstellen, und Indien zeigt das am deutlichsten: Delhi will eine multipolare Welt, aber keine chinesisch geführte.

Die Zukunft wird unordentlich werden. Kein Block löst einen anderen ab, stattdessen gehören Staaten mehreren überlappenden Institutionen gleichzeitig an, kooperieren an einer Stelle und konkurrieren an der anderen. Vielleicht beschreibt das Multipolarität genauer als die Vorstellung von zwei Lagern.

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