Wasserstreit

Indus-Streit: Pakistan zieht gegen Indien vor den UN-Sicherheitsrat

Im Streit um die Wasserverteilung am Indus zieht Islamabad vor das höchste UN-Gremium. Im Mittelpunkt stehen zwei indische Bauvorhaben am Chenab-Flusssystem.

Peter Steiniger
Peter Steiniger
4 Min
Der Salal-Damm am Chenab-Fluss im Distrikt Reasi im indisch verwalteten Jammu und Kaschmir

Der Salal-Damm am Chenab-Fluss im Distrikt Reasi im indisch verwalteten Jammu und Kaschmir

© Faisal Khan/imago

Pakistan hat den Streit mit Indien über den Indus-Wasservertrag vor den UN-Sicherheitsrat gebracht. Vize-Regierungschef und Außenminister Ishaq Dar habe in einem neuen Schreiben an die derzeitige Ratspräsidentin, die kolumbianische Botschafterin Leonor Zalabata Torres, auf mutmaßliche indische Vertragsverstöße hingewiesen, berichtete am Freitag die pakistanische Zeitung Dawn. Übergeben wurde der Brief in New York vom pakistanischen UN-Botschafter Asim Iftikhar Ahmad.

In dem Schreiben geht es nach Angaben des Botschafters um zwei indische Bauvorhaben am Chenab-Flusssystem, mit denen Wasser umgeleitet werden solle. Indien wolle den im Vertrag geregelten Abfluss der westlichen Flüsse verändern, hieß es laut Dawn. Dies habe Folgen für Pakistans Wasser-, Nahrungsmittel- und Wirtschaftssicherheit sowie für die regionale Stabilität. Der Sicherheitsrat solle Indien zur Rechenschaft ziehen.

Nach einem Bericht der Zeitung Kashmir Observer veröffentlichte der staatliche Wasserkraftkonzern NHPC Ende Juli 2025 eine erste Ausschreibung über umgerechnet rund 22 Millionen Euro für Planung, Entwurf und technische Vorbereitung des Wasserkraftwerks Sawalkote am Chenab. Die Anlage mit einer Leistung von 1856 Megawatt soll das größte Wasserkraftwerk im indisch verwalteten Jammu und Kaschmir werden.

Die Regierung in Neu-Delhi hatte das seit den 1960er-Jahren geplante Vorhaben im Juni 2025 als Projekt von nationaler Bedeutung eingestuft und damit den Weg für eine schnellere Umsetzung geöffnet. Sawalkote gehört zu Indiens Strategie, die westlichen Flüsse stärker zu nutzen, seit Neu-Delhi den Indus-Wasservertrag ausgesetzt hat.

Streit um Abkommen von 1960

Der Indus-Wasservertrag wurde 1960 unter Vermittlung der Weltbank in Karatschi unterzeichnet. Er teilt die Flüsse des Indus-Systems auf: Indien erhielt die Verfügung über die östlichen Flüsse Ravi, Beas und Sutlej, Pakistan über die westlichen Flüsse Indus, Jhelum und Chenab. Indien darf die westlichen Flüsse unter Auflagen für Wasserkraft und Bewässerung nutzen. Streitfälle werden laut Weltbank in einem dreistufigen Verfahren über die Ständige Indus-Kommission, einen neutralen Sachverständigen und schließlich den Ständigen Schiedshof in Den Haag geregelt.

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Indien hatte den Vertrag nach dem Anschlag auf Touristen im Ort Pahalgam im indisch verwalteten Kaschmir im April 2025 ausgesetzt. Bei der Tat wurden nach indischen Angaben 26 Menschen getötet. Die Regierung in Neu-Delhi machte Pakistan verantwortlich. Islamabad wies die Vorwürfe zurück und bezeichnete eine Drosselung der Wasserzufuhr als „kriegerischen Akt“.

Die geteilte Himalaya-Region Kaschmir ist seit der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans 1947 Streitpunkt zwischen beiden Atommächten, die bereits zwei Kriege um das Gebiet führten. Der indische Teil wurde 2019 in die Unionsterritorien Jammu und Kaschmir sowie Ladakh aufgeteilt und damit stärker der Zentralregierung in Neu-Delhi unterstellt – ein Schritt, den Pakistan als illegal bezeichnete.

Beide Seiten beharren auf Rechtsposition

Pakistans Indus-Kommissar Syed Muhammad Mehar Ali Shah erklärte im pakistanischen Nachrichtensender Geo News, ein Ruhenlassen des Vertrags sei im internationalen Vertragsrecht nicht vorgesehen. Das Abkommen sei weiter in Kraft. Zudem habe der Ständige Schiedshof in Den Haag im Juni 2025 entschieden, dass Indien den Vertrag nicht einseitig aussetzen könne. Indien erkennt das Schiedsgericht nicht an und bezeichnet dessen Entscheidungen als null und nichtig.

Indien wertet das Abkommen dagegen als überholt. Die Erste Sekretärin der indischen UN-Vertretung, Anupama Singh, sagte vor dem UN-Menschenrechtsrat laut der Zeitung Indian Express, ein 1960 ausgehandeltes technisches Abkommen könne nicht „eingefroren“ bleiben, während sich die Welt verändert habe. Indiens Minister für Wasserwirtschaft, Chandrakant Raghunath Patil, hatte zuvor erklärt, künftig solle kein Tropfen Wasser mehr nach Pakistan fließen. Der pakistanische Außenamtssprecher Tahir Andrabi nannte solche Ankündigungen „höchst unverantwortlich“.

Der neue Brief Dars ist nach Angaben von Dawn bereits das zweite Schreiben dieser Art an den Sicherheitsrat. Eine vergleichbare Mitteilung hatte er im April verschickt – ein Jahr nach der Aussetzung des Vertrags durch Indien.

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